we were glass, we were wax

Untitled by smallcutsensations
um mich herum alles einsam.
Es beginnt zu regnen. Tropfen klatschen beinahe brutal auf das Fensterbrett, sie öffnet die Augen etwas zu schnell. Das antiquierte Geräusch des Weckers von neunzehnhundertzweiundsiebzig konkurriert mit ihrem Atem, Herzschlag und dem Druck in ihren Ohren, das fahle Licht der Straßenlaterne fängt ihre Jalousie nur teilweise ab; es ist mitten in der Nacht, aber sie ist hellwach, die Gedanken ruhen zwar, aber dieses merkwürdige Gefühl, das nach Aufarbeitung schreit, schleicht sich wieder von hinten an sie heran. Sie schluckt, die Luft bleibt ihr fast im Hals stecken, es riecht nach alter Bettwäsche und Katzenstreu. Das ewige Ticken im Hintergrund und das omnipräsente Klopfen am Fenster machen ihr Angst; sie hat vergessen, dass sie in ihrer eigenen Wohnung, ihrem eigenen Schlafzimmer liegt, aber weil es ihr nicht auffällt, dass sie es nicht mehr weiß, ist es nur noch halb so schlimm. Morgen kommt Ursula, das sie die Frau, die immer so gut riecht und die Fenster manchmal aufmacht, oft sagt sie dass sie etwas zu Essen macht. Dann irgendwann schlägt sie die Türe zu, vielleicht ist es ja aber auch der Luftzug und die Frau ist noch da. Es ist wieder still, aus dem Dunkel hinter der Schlafzimmertür kommt ein Kratzen, aber dafür hat es aufgehört, zu regnen. Woher kommt dieses Geräusch, fragt sie sich. Sie dreht sich um, die Bettdecke raschelt. Ursula, der Name kommt bekannt vor, aber er erreicht sie einfach nicht; an der Wand hängen liebevoll angerichtete Fotos in altertümlich anmutenden Rahmen, die Farbe auf der Raufasertapete scheint kaum getrocknet, ihr Dunst hängt in der Luft. Vielleicht macht dies ihr das Atmen schwer. Sie schließt die Augen, sie sind schon ganz trocken, sodass Tränenflüssigkeit den Kissenbezug benetzt. Oder war das schon vor ein paar Minuten so und sie hat es nur noch nicht bemerkt?
Ein Tag wie jeder andere. Die Nacht konnte sie kaum schlafen, die Augen tun ihr seitdem so weh. Vier Uhr dreißig, sie zieht den Wecker wieder auf, drückt solange auf der Mechanik herum, bis die Fingerkuppen schmerzen, in der Ferne kann sie die Dämmerung erahnen. Gelegentlich hilft es, wenn es hell ist, dann ist alles nicht mehr so still für die Augen. In Reichweite ein Stapel zurechtgelegter Kleidung, sie schmunzelt, sie fühlt den Stoff des Kleides, das ihr Mann ihr geschenkt hat, als er noch lebte, sie spürt die Falten im unteren Teil, dünnes Polyester, das an ihren frischgeschnittenen Fingernägeln hängenbleibt.
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