haematoma diary

Untitled by smallcutsensations
Untitled by smallcutsensations

∆ 33
Und dann erinnert man sich an die Tage von vor Jahren. Wie man gelernt hat, weißt du, alles. Wie das mit dem „leise sein“ geht. Die Treppen besonders leise hochlaufen kann, ohne, dass das ganze Haus vor sich hinknarzt. Zu versuchen, keine Spuren zu hinterlassen. Nichts, gar nicht, so, als hätte es einen nie gegeben.

Die Bilder im Kopf. Du, gehend. Die Wohnungstür hinter dir zuziehend. Ich stehe noch ein paar Minuten im Flur und höre den Geräuschen zu. Stufen. Dann knallt die Haustür. Schritte. Dann die Tür zum Innenhof. Ich stehe immer noch im Flur, mir ist kalt. Nichts. Ich kann mich nicht bewegen.
Die Bilder im Kopf. Sie, auf dem Sofa sitzend, hinter der Scheibe, durch die man schauen kann, wenn man es will. Ich stehe im Flur, nahe des Treppenabsatzes. Gespräche hören. Morgen Klinik, der König aller Krankheiten hat sich in den Körper geschlagen. Ich stehe immer noch Flur, mir ist kalt. Am nächsten Tag der Zettel mit Informationen auf dem Küchentisch.
Die Bilder im Kopf. Ich, in Schweden, die Luft an der Brücke zur Ostsee ist klar. Er geht den Kai entlang, sehr weit vor mir, mit dem Rücken zu meinem Gesicht. Ich fotografiere die Schritte im Schnee. Ein paar Minuten stehe ich noch da, wie angewurzelt. Er hat nichts gemerkt, er ist fast am Strand. Mir ist kalt.

Ich habe gelernt wie das geht mit dem leisen Weinen. Da schüttelt sich nichts, nur manchmal, als würde sich etwas in einem aufbäumen, meist sitze ich dann allein im Flur.

Die Bilder im Kopf. Ich liege neben dir, es ist drei Uhr zehn, nein, deine Arme liegen um mich herum. Das ist ein Trick. Das ist ein Trick. Im Schlaf drückst du mich an dich. Das ist ein Trick. Das ist ein Trick. Ich versuche so ruhig wie möglich zu atmen, um nicht zu wecken. Das Salzwasser läuft in Strömen aus meinen Augenwinkeln auf die Kopfkissen. Mir ist kalt. Ich kann mich nicht bewegen.
Die Bilder im Kopf. Sie sitzt fast neben mir, ein paar Meter entfernt, sie spricht nicht mit mir. Sie sieht mich nicht an. In den Augen der Anderen im Raum spiegelt sich der Herrnhuther Stern, der an der Decke hängt. Ich lege zwei kleine Sachen auf den Tisch. Sie sieht mich nicht an, sie spricht nicht mit mir. Ich setze mich zurück auf den gefliesten Boden. Von draußen zieht die Luft etwas durch die geschlossene Terrassentür. Ich friere.
Das Bild im Kopf. Sie sitzt auf meinem Bett, an den Heizungsrohren, es ist früh, sie weint. Ich spüre am Oberkörper noch den Abdruck ihrer Arme vom Flur. Du bist ein toller Mensch und es geht dir gerade gar nicht gut, sagt sie, mitten in die Worte fange ich an zitternd zu weinen. Ich fühle mich schuldig. Sonst fühle ich nichts.
Die Bilder im Kopf. Der geflieste Gang, der an Hogwarts erinnert. Ich werfe meine Energie zu 150 Prozent aus meinem Körper. Du umarmst mich, du gehst. Ich kann mich nicht mehr bewegen, ich glaube, ich erfriere.
Das Bild im Kopf. Eine kleine weiße Visitenkarte zum Abschied. Sie hat vorher nie wirklich mit mir gesprochen. Wir gehen zurück nach Hause. Am Flughafen applaudieren die beiden Anderen so lange, bis ich im Sicherheitsbereich hinter dem Gate bin. Ich drehe die Visitenkarte um. Tack för att du finns. Das Flugzeug steht lange auf dem Rollfeld. Man gibt mir eine Decke, weil ich zittere.

Dann die durch die Nacht leuchtenden Worte und der gepflasterte Weg, auf dem man draußen steht. Die Buchstaben brennen, ich bin aus Holz. Du stehst ein paar Meter von mir entfernt. Schaust mich nicht an. Sprichst nicht mit mir. Ich nehme den Schal ab. Mir ist kalt. Durch die Scheibe, hinter der man etwas erkennen kann, wenn man will, stehen sie und trinken Wein. Es gibt mich nicht, ich störe. Ich möchte gerne gehen, aber ich bleibe nur stumm.

Das Bild im Kopf. Er fragt mich, wie es mir geht, ich kam gerade von zu Hause. Gut, sage ich, er nickt und geht. Ich schlucke. Zwei Minuten später kommt er wieder. Setzt sich neben mich hin. Gut, das haben wir oft genug durchexerziert. Wie geht es wirklich? Ich fange an zu weinen, es ist mir unangenehm. Er spricht von Verantwortung, sich selbst und den Nahestehenden gegenüber. Man muss sich selbst als Lehrer gegenüber Anderen sehen, so wie die Anderen Lehrer für einen selbst sind. Die Ströme in meinem Gehirn eskalieren. Meine Energie schleudere ich mit 200 Prozent ins Nichts. Und man muss es auch so sehen, sagt er, es gibt in unserem altertümlichen Gehirn drei Grundmuster: Angriff, Wegrennen, Totstellen. Der Propfen in meiner Kehle schwillt an. Man drückt bei mir oft Taste zwei und drei, sage ich. Er muss weiter. Mir ist kalt.

Ich halte mich immer wieder von neuem an Worten fest, die sich selbst wegbrennen, stehe am Ende in der Asche. Alles andere wäre bestimmt nur ein Trick. Dann gehe ich ins Bad. Ich verbrenne mir mit Absicht die Hände in heißem Wasser.

and you don’t even feel a thing

Fold

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Sie können nicht damit umgehen, wenn Menschen, die Sie lieben, adäquat auf Ihre Situation vom Sonntag vor Ihrer Aufnahme hier reagieren.
– B., vor zwei Wochen.

Ich arbeite daran und ich bin immer noch nicht ganz schlüssig, wie viel ich sagen will. Hier. Das meine ich. Sonst bin ich immer sehr offen, sonst habe ich kein Problem damit, mich auszubluten, sonst habe ich kein Problem damit, dass man über mich Dinge weiß. Zuerst möchte ich mehr lernen, den Menschen, die ich liebe, gegenüber offener zu sein in der Hinsicht wie es mir geht. Leben ohne eine Fassade haben zu müssen.

Ich weiß nicht, wann ich wie viel mit Anderen teilen will oder werde. Nur so viel: Dinge bewegen sich, über Dinge wird geschrieben, Dinge werden bearbeitet. Dinge werden konzeptionell bedacht. Lernen, wie man über etwas, was für einen selbst unaussprechlich ist, sprechen kann. Oder schreiben. Je nachdem.
Ohne sich schuldig zu fühlen. Ohne sich klein zu fühlen. Ohne sich als nie genug oder immer zu viel zu fühlen. Ohne sich wie ein Nichts zu fühlen. Ohne sich alleingelassen zu fühlen. Ohne im schwarzen Loch im Kopf zu versinken.

please don’t let me down this time
I’ve come a long way to just fall back into line

Higgs Boson Blues

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∆ 32
Hell is empty. And all the devils are here.
– William Shakespeare. The Tempest, Act 1, Scene 2.

Ich dachte immer, dass die kleinen roten Stellen, die man auf und zwischen den Knien findet, nur vom Gewicht des eigenen Körpers erzählen. Nichts von diesem Gedanken ist auch nur im Ansatz ein Teil der Wahrheit.

Je mehr man beobachtet, je mehr man versteht, je mehr man in Worte umsetzt, desto mehr wird man dafür bestraft. Als wäre es eine leichte Sache, anderen beim Leben zuzusehen und dann zu bemerken, dass man selbst nicht an deren Leben teilnehmen kann oder darf. Weil man vergessen hat, von sich selbst zu erzählen oder weil man schon so viel erzählt hat, auf Nachfrage, dass man erst recht ausgeschlossen wird. Es ist aus irgendeinem merkwürdigen Grund immer der Ausschluss, der mich heimsucht, als wäre man selbst das Problem und der Auslöser und als wäre man selbst nicht wirklich hilfreich, als wäre man das Übel, als wäre man umständlich, als wäre man in der Tat zu viel.
Womit man schliesslich nicht rechnet, nie rechnet, ist, dass man dort auf Ignoranz trifft, wo man mal eine warme Stelle Herz kannte oder zumindest vermutet hatte. Die Poesie der erlernten Erwartungen und die Dramatik der Angst vor allem und der Angst davor, ehrlich zu sagen ich nehme dich und deine Bedürfnisse ernst und ich halte mich an mein eigenes Wort.

Und dann ist da das Warten auf den Tag, der nie kommt.
Ich bin da und ich bin nicht da. Ich bin verschwunden, es gibt mich nicht mehr in der Form, wie andere Menschen mich kennen. Von Zeit zu Zeit kalibriere ich mich neu, lass etwas von mir hören, aber es gibt mich wirklich nicht mehr, es darf mich nicht mehr geben. Ich muss überleben, indem ich alles, was mir beim Überleben hilft, abstoße, ausschließe, auf die Straße werfe, ich werde so wie die fünf menschen, die ich in meiner unmittelbaren Reichweite habe und ich habe kein Problem damit, dass ich mich dadurch in eine komplett andere Richtung entwickle als damals. Damals. Damals.
Meine Mantren, mein inneres Yoga, Meditieren, vielleicht finde ich irgendwann in meinem Leben mal den Ausweg aus der Spirale im Kopf, das muss doch wahrlich eine Geschichte sein, die nicht nur auf der Straße erzählt werden kann, Freunden, die einen Ewigkeiten nicht gesehen haben, sondern das muss auf Papier stehen, es muss auf Papier stehen, wie ich lernte, mich zusammenzusetzen und wie ich jetzt wieder lerne, mich aufzulösen, dabei noch nicht einmal die richtigen Tasten zu treffen, denn ich konzentriere mich auf nichts anderes als die Worte, die aus meinen Fingerkuppen heraustropfen und ich hatte mir so sehr gewünscht, ich hätte dir davon erzählen können, aber ich rechnete wirklich mit allem ausser Ignoranz, ich hatte meine Rüstung angelegt, hatte meine schweren Stahlkappenschuhe angezogen für den Extraschutz und liess doch die wichtigste Stelle ungeschützt, den Kopf, kein Helm, nie mehr Helm, nie mehr etwas, das mit meinem Kopf herumarbeiten darf, nichts mehr, was ich nicht zulasse, niemand, dem ich explizit sagen muss: das tut mir weh. Don’t fuck with my insides, thank you very much.
Da ist noch nicht einmal Wut drin, egal wie sehr das Andere vermuten, egal, wie sehr ich mich auch dem Gedanken erwehren muss, dass ich das auslösende Element bin für alles Schlimme, was den Menschen passiert, die ich liebe oder geliebt habe. Will man das überhaupt überleben? Kann man es überleben?

In mir drin ist nichts weiches mehr, da ist nur eine kalte Fläche an dem Ort zurückgeblieben, der sich mal selbst versucht hat zu heilen, immer dieses Unkraut in mir drin, immer diese merkwürdigen Sachen und Vorstellungen und dieses Unkraut, das irgendwie immer überlebt, diese zwei verschiedenen Arten, aber eine Form davon überlebt die andere und ist stärker und kräftiger und deshalb kann das alles nicht so weitergehen. Denn ich frage mich sowieso, ab wann man das Leben als gescheitert betrachten kann.

Soll man eine Liste führen ob all der Dinge, die noch nicht sind oder nie waren? Soll man das, was man hört von Anderen, tatsächlich zu Herzen nehmen?

Man spricht meinen Namen nicht richtig aus, denn dieser Name hier war nie mein eigener, ich habe ihn nie bewohnt, weil ich es nie wollte. Davon sollte man erzählen, darum sollten sich die eigenen Geschichten ranken, denn wie viel besser kann man es eigentlich machen? Wahrscheinlich tatsächlich nur schlechter, die grosse Panik davor, so zu werden oder zu sein, wie Andere, gefangen in 0815, in Dingen, die man nicht will und nicht kann, weil sie einen kaputt machen. Nicht, weil man denkt, man hat sich auf eine gewisse Art zu verhalten sondern weil man denkt, man kann kein Leben so leben, wie man es gerne wollte, weil sich niemand findet, der auch nur im Ansatz dieses Leben teilen mag. Oder so ähnlich. Aber vielleicht dann, irgendwann, wieder die Unterstellung: du hast keinen Grund zur Sorge, keinen Grund zum Zweifeln. Du bist ja noch so jung, du weißt nicht, wie das mit dem Leben geht. I beg to differ. Wieso sonst verbrenne ich mir mit Absicht in heißem Wasser die Hände?

rainy days always make me sad

I am more than dark water

Untitled by smallcutsensations
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Ich halte den Nacken hin. Nicht nur für das Messer sondern auch für den Biss.

Auf der Straße die Reste einer Nacht, irgendeiner, an manchen Häuserfronten in der Nähe trotzdem noch: Einschlusslöcher. Ein paar Meter weiter: verkohlte Schmetterlinge (auch wenn ich nicht weiß, wo diese herkommen).

An der Wand meines Zimmers, noch nicht aufgehängt, Werbung für eine Serie. Danger lies in losing control. Wasser, Rauschen. Die Gefahr liegt nicht nur im Kontrollverlust, die Gefahr liegt darin, zu kontrolliert zu sein, des Öfteren. Sie sagen es mir hier sehr deutlich.
Als wäre man versteinert und im Inneren dann die Einschusslöcher von was auch immer. Dabei möchte ich Dinge erleben und Freude an ihnen haben. Dabei möchte ich das auch kommunizieren. Ausgewählten Menschen. Die Angst vorm Kontrollverlust, die Angst vor den Möglichkeiten.

Ich halte also den Nacken hin. Nicht nur für das Messer, auch für den Biss.

even if we don’t know how to swim

hospital beds

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Hedwig.

I
wir liegen in den Betten
die Köpfe voller schwarzer Löcher
auf der Straße vor dem Haus
betrinken sich die Touristen

II
sie zeigen sich Bilder
ihrer Nahestehenden, so,
als wären es Panini-Sammelbilder,
tauschen will aber niemand
von ihnen, denn sie sind alles,
was bei ihnen geblieben ist

III
über uns
donnern donnern donnern
die Flugzeuge Richtung Tegel
in mir
donnern donnern donnern
die Ängste Richtung Kern

IV
gib mir Douglasien
und ich mache selbst ein
Nichts zu Kunst
stell mir die Bananen in
die Seiten, pass auf
auf mich. die Tunnelenden sind
sehr weit entfernt
wir: ungefähr mittig
andere: ziemlich außen vor
warten,
Gitter fehlen vor den Fenstern
der Kopf ist kein Verlies, nur
ist der Himmel etwas klein geworden

tell me the story of how you ended up here