hot coals

Untitled by smallcutsensations

Das sind keine Kreise, keine mit Zirkel gezogenen Spiralen; ich bewege mich durch deine Schlaglöcher und halte an unter der Laterne, die flackert, weil ich schreiben muss während die U-Bahn neben ihr unterirdisch vorbeizuziehen beginnt und alles so vor sich hinrennt: Sätze, Menschen, Autoteile und deine Gedanken an andere Dinge, Menschen, Erinnerungen. Alles, bloß nicht hier, das denkst du manchmal, jeder, bloß nicht ich, das denke ich manchmal. Nur verstehen kann man wenig, wenn man nicht miteinander spricht oder kannst du dich daran erinnern, wann du das letzte Mal den Bäumen und der Natur zugehört hast? Früher haben sie selbst Könige getötet, Königinnen sogar. Was tut man nicht alles für die eigene Unversehrtheit.

I don’t feel a thing
walking on hot coals
Werbeanzeigen

they tell me to sell my flesh like a butcher

Untitled by smallcutsensations

Untitled by smallcutsensations

Untitled by smallcutsensations

Brandmauern, weißt du? Brand. Mauern.
Aber ich habe keine Flammen in den Zwischenräumen gefunden, nie, auch nicht an den schwierigen Tagen, gezeichnet durch das Schweigen nach dem Sturm.
Wie man sich dann in die Umlaufbahnen zieht von planetenartigen Menschen. Mein Bedürfnis zu berühren, keine Parallele zu sein, nein, eher eine Tangente, nein, mehr als das. Wenn man sich dann ansieht, welche Ebenen in uns spielen, welche Schichten selbst diese durchziehen. Sind wir MDF-Platten in Menschenform?

I open my eyes so slowly

not today but maybe tomorrow

Untitled by smallcutsensations

I
irgendwann gesundet man
in den mittelprächtigen
Farbverläufen zwischen den
Pfützenenden, illuminiert sind
die falschen Dinge

II
meine innere Uhr funktioniert
nicht mehr, in mir
drin ist es immer
sechsuhrzweiundfünfzigminuten
so wie du grün bist, du
und die Luft
um dich herum: Wald;
das Moos kann ich auf deiner
Haut fühlen, wenn du
mich lässt

III
gut, denkst du dir, gut, ich habe immer nie gelernt,
denn sie hat alle Uhren vorgestellt, der letzte
Samstag im März und die Stilisierung ihrerselbst zum
Kunstobjekt, mit der sie versucht, sich
auszutricksen
aber da bleibt dann doch genügend
Zeit für Gespräche, die längst
überfällig wären

III
es kann treffen (denke
ich mir, insgeheim) oder
durch den Kern gestickt sein
Stopfnadel, Lücken ohne meine
Adern gefüllt mit Blut. Eventuell
mein eigenes, aber die Erinnerungen
wie viel davon ich ist, destilliert entstanden
auf der Linie aus Leberflecken von meiner
rechten Brust bis zu den Zehenspitzen: als
würden die Vögel nach Süden ziehen

IV
denn ist das eigentliche Problem
nicht: alles wird spiegelverkehrt;
da stehst du mir in nichts nach,
vielleicht invertieren wir auch insgeheim
oder leben mit der Blaupause
der Erinnerungen, Empfindungen
irgendeiner anderen fremden
Person, die mal ein Ich war
(noch vor ein paar Tagen)
nie mehr Teer in den Augen

V
aber das mit den
Worten und Fotografien mache
ich nicht einfach so,
es ist überlebenswichtig

when you told me about the things we were going to do

seven days, no wonder

Untitled by smallcutsensations

∆ 31

Es war schön wie er sagte, dass sie bald eine neue Bleibe haben mit großen Fenstern und viel Licht für sie. Er sei einige Zeit nicht da und sie brauche die Verläufe zwischen Hell und Dunkel ohne Enge. Und ich dachte, dass das das Schönste war, dass ich seit langer Zeit gehört hatte. Wie sie dabei lächelte, im Neonröhrenlicht, ein wenig traurig, ein wenig müde, eine feine, zarte, warme Person, mit viel Glück in den Falten um die Augen.
Ich dachte an den Lichtkegel auf der Raufasertapete und die Klarheit der Haut im zweithöchsten Stockwerk im Haus mit den flachen Stufen und den Boxen in ihm und um es herum. All die prachtvollen Wege zu dir hin, selbst von dem Ort da mit dem Neonröhrenlicht und den großen gelben Buchstaben an der Fassade.
Aber ich nehme immer die falschen Ausgänge aus den Schächten unter diesen Wegen und verirre mich unter der Kreuzung auf dem Weg zu dir, darauf wartend, dass du mich rufst.

and it goes on

bloodlines

I
für dich und deine Post
hebe ich Dinosaurier auf
mit Schnittstellen verbinden was dann
doch vielleicht an zukünftigen Tagen
durch den Äther fließt
oder wie Christa schrieb
ja unsere Kreise berühren sich

II
du sagtest,
du musst mir noch beibringen
wie man Vogelbeeren isst
oder Eibe; wir haben uns
durch den kompletten Medizinschrank
in deinem Badezimmer gegessen,
keine Tablette ausgelassen.
enttäuscht stelle ich fest, dass alles
so ist wie immer, nur ohne die
Einsicht, dass die Dinge besser werden
das muss das Morphium sein, von dem ich dir
nicht alles erzählt habe.
kann ich verzeihen, bevor dein Morgen kommt?

III
der Hund kam mich in der Dusche besuchen
und als ich versuchte, ihn weiß zu waschen
fuhr seine Farbe in mich hinein
bis ich nicht mehr atmen konnte
und er dem schwarzen Loch in meinem Kopf versprach,
ihm von meiner Energie zu geben

IV
verschließe mich in einer vakuumartigen Tüte
schlimmer als die im Homeshopping TV
aber eventuell gibt es mich dann auch als
Sonderangebot

I can’t help my beat, it’s my damn heart
(Dúné – Bloodlines)

Your heart wears knight armour

∆ 30

2. September 2014
Und es trifft dich, immer wieder, in teilweise regelmäßigen, teilweise unregelmäßigen Abständen. Und du denkst dabei, dass es mit jedem Mal, an dem es wieder auftritt, nur besser werden kann. Eigentlich. Aber das Fiepen im Hintergrund, im Kopf, wird immer lauter und bekommt immer mehr Facetten. So wie Falten.
Wie das Standbygeräusch eines Röhrenfernsehers. Ich schlage meine Knochen die Luft, ich kann nicht mehr essen. Ich darf nicht mehr essen. Ich vergesse immer wieder, dass ich für dieses Leben nicht gemacht bin.
Ich versuche, Sinn aus dem zu machen, was ich nicht verstehe. Und ich versuche, Sinn zu stiften. Aber da ist nichts. Ähnlich wie in der Stille auf der anderen Seite.
Irritationen auf dem Weg zu den Anfangspunkten der kleinen Leute, der feinen Menschen. Denen, denen man nicht anmerken kann, aus welchem Gebälk sie gemacht sind. Schließlich spricht man davon.

Früher bin ich mit Absicht eher aufgewacht, um den Leuten dabei zuzuhören, wie sie in normale Leben gehen, Leben, die ich nicht leben kann. Dort, wo keine Unbefangenheit in der Luft ist. Mittlerweile kann ich nicht mehr ertragen, ihnen dabei zuhören zu müssen.

Wenn das Zuhören schmerzhaft sein kann, habe ich die Manifestation meines Schmerzes gespiegelt in deinen Augen sehen können. Und dann wache ich auf, schreiend, vom Echo meiner Stimme. Auch wenn ich nicht mehr weiß, was ich schrie oder was ich da nun eigentlich wollte.
Jedes Mal denke ich, der Schatten über der Waschmaschine, da oben am Ende des Fliesenspiegels, sei ein Nachtfalter. Dabei bin das nur ich, im Staub der Jahre sitzend, auf den Absprung wartend.

20. September 2014
In einem Versuch, zu verstehen, was du mir sagen willst, was du mir nicht sagen kannst, was ich nicht zu hören bekomme, suche ich Worte auf, verfolge sie bis zu ihrem Ursprung, in der Hoffnung, ihre Etymologie könnte mir dabei behilflich sein, Fakten einzuordnen.
Sag alles ab, vor allem meine Dumpfheit in alle, meine Richtungen. Ich möchte, dass du nicht weißt, wo meine Unterlagen sich befinden; trocken die Fakten über mich, auf mittlerweile totem Material, manchmal gestrichen, dann wieder nicht. Ob du dich daran erinnern kannst, was du nicht zu geben in der Lage bist, meine eigene Unfähigkeit getarn als Hilflosigkeit in den Zeilenabständen, die du weder konsumieren noch im Ansatz infiltrieren kannst. Das sind auseinandergerissene Fäden, wegen denen ich mich frage, wer sie jemals zu einem Knäuel gerollt hat, da in mitten der wie Platten wirkenden Handflächen.

8. Oktober 2014
Weil wir das schon immer waren, jetzt, immer. Weil wir das noch nie sein konnten. Weil wir es sein könnten. Weil wir es sein können. Weil man die Erkenntnis in der Erfahrung mit dem Gespiegelten sucht. Weil das Angst macht. Weil man erzittert vor sich selbst. Denn die U-Bahnen fahren immer schneller, an einigen Orten. Sitzenbleiben, bis es nicht mehr weitergeht.

13. Oktober 2014
Es trifft nicht nur mich: reziprok erwiderte Grausamkeiten sind wohl eventuell Antwort zu viel. Nach Dingen wird man nicht mehr fragen können. Ich habe vergessen, wieso ich schreibe. Kann mich jemand daran erinnern? Vielleicht mehr als nur ein bisschen?
Die Prozesse meiner Haut und das Waschgel, das aussieht wie Sperma, wenn es mir die unter Arme hoch- und herunter läuft. Was für eine Bildsprache, deutlich, klar, wohl auch mal abstoßend.
Aber dann doch wieder in die Trickkiste greifend, tief. Ich gehe, dabei weiß ich oftmals nicht, wohin genau eigentlich.

Schneidebretter, direkt auf die Seelen gesetzt. Man sammelt, man erahnt und erfährt.
Darüber berichten und davon erzählen, was man gewollt hatte. Nachts liege ich zumeist still wie ein Stein. Ist das Fieber in meinen Knochen? Die Migräne, die man abstellen möchte (rein prophylaktisch, versteht sich)?
Für die Kontroversen in einem drin und die Angst und den Wunsch danach, berührt zu werden, nur von einem.

17. Oktober 2014
Und mit dir kaufe ich mich immer wieder in Unwägbarkeiten ein. Ich tauche, bekomme manchmal keine Luft. Ich tauche freiwillig. Kannst du in den Worten die Hilflosigkeit gesehen, wer hat sie nur in uns transplantiert?
Ich will deinen Kern dezentralisieren. Eintauchen, aber nicht fallen lassen in: dem, was umtreibt. Was? Du fragst, du gehst an. Du beziehst es nicht nur auf dich. Keine zwei parallel nebeneinander herlaufenden Erzählstrukturen. Ich möchte weiter in dich eintauchen. In dich und deine Hilflosigkeit. In dich und deine Unabschätzbarkeit. In dich und deine punktuelle Unzuverlässigkeit. Gefangenen durch die verschiedenen Einteilungen: Jahre, Sternzeichen, Horoskope, Stadtteile, Geburtsorte.

Nach zwei Monaten kann mein Körper wieder bluten, ich hatte schon Angst, ich hätte verlernt wie das mit den Schmerzen geht. Aber dafür hätte ich auch eine Erklärung gehabt, die sich mit den einzelnen, wenn auch wichtigen Dingen beschäftigt. Ich möchte, dass du Notiz nimmst. Teilnehmen willst.
Ohne dieses utopische Ziel, dass alles ein glückliches Ende haben muss und vor allem die Verwendung des Wortes „Ende“ in diesem Kontext würde es wahrscheinlich nicht zu viele Grund- und Misskonzeption über und von einem idealisierten und dadurch leider auch oft surrealen Leben geben. Einem Leben, von dem man weiß, dass man es nicht führen wird. Doch: wir haben alle unsere eigenen Mittel und Wege, mit und auf denen wir wandeln. Ich will weiterhin abstrahieren, du, weißt du, ich zähle darauf und zehre davon. Wie dann manche einem immer das gleiche idiotische sagen. Wir vergessen. Alles, deutlichst.

18. Oktober 2014
Und ich habe weinen müssen, weil es so grausam war, wie Berlin so grausam war, nein, es war nicht Berlin, es war dieses merkwürdige Leben. Das menschliche, das dunkle, tierische, aber auch nicht immer das rationale. „Aber wir haben doch überlebt.“ Das halten wir an einem Tag mal aus. Wir wollen miteinander reden über die Dinge, die passierten. Du hast nicht die Pflicht, antworten zu müssen. Das wäre die Metaebene. Aber wo kommt sie nur her? Wie viel tut man denn nun eigentlich, wie viel kann man tun, damit es nicht menschelt?

I just want to do it again

Something is not right with me

Untitled by smallcutsensations
Untitled by smallcutsensations
Es reichen auch pure Fetzen aus, solche, die nur gelten für das größere Ganze. Manches schreibt man groß, anderes mit Absicht klein.
Wer nur hat in den Arztpraxen dieser Welt eigentlich entschieden, dass man die Wände in einer scheinbar an Vanille erinnernden Farbe streichen und die Böden mit an Linoleum beziehungsweise DDR-PVC erinnerndem Laminat auslegen sollte? Es ist doch kein Wunder, alle diese Trigger, alle diese Menschen, die arbeiten in diesen Umgebungen. Die Farbe platzt ab hinter den Heizungen, schwarze, unbequeme, mit Stahl verstärkte Holzstühle und Teppiche, die an Muster der Azteken erinnern. Die Tiere werden unruhig, sie gehen von Raum zu Raum, nein, eigentlich nur durch den Flur. Der neue Impfausweis, der so aussieht, zumindest aus der Ferne, wie der für Tiere. Dann reden sie auf Russisch, weil sie denken, sie könnten andere beleidigen. Lachen, im Akkord.

Auf meinem Stuhl zittert es sich so schön, mir ist allerdings nur schwindelig. Das erste Mal in diesem Halbjahr Stiefel, die Spitzen ziehen sich nicht so nach oben wie man es hätte vermuten können. Die Zeit stehlen, die wir nicht haben. In halber Aufsicht in einem Raum eingeschlossen sein. Man könnte jederzeit gehen, allerdings würde man kein anderes offenes Zimmer dieser Art finden. Vor dem Heizkörper die für Arztpraxen typischen Lamellenjalousien, ich muss an die IAP denken, liebevoller Altbau, ein universitärer und damit auch kalter Altbau, ohne Holzvertäfelung, aber doch mit einer gewissen Wärme. Die Wände weiß gestrichen, blauer Teppich, riesengroßes Wartezimmer. Gefüllt die Wände mit Bildern. Alles offene Fenster, zumindest lässt meine Erinnerung mich das glauben, oder Menschen vor offenen Fenstern, in die Weite starrend.
Hier: expressionistisch angehauchte Kunstdrucke von Gemälden, die gut etwas mit Munchs „Der Schrei“ zu tun gehabt haben könnten. Aber wie macht man verständlich, dass man das gleiche Präparat verschrieben bekommen haben möchte wie einer einem naherstehender Mensch?
Das Licht fällt am Nachmittag und Abend bestimmt sanft in die Räumlichkeiten. Mir schläft gerade mein linkes Bein ein. Halb angenehmes Gefühl, die Fußspitzen werden bestimmt bald blau. Ich zittere noch immer, atme allerdings etwas tiefer ein und aus. Davon kommt jedoch keinerlei innere Ruhe. Das Gegenteil. Ein Herz rast, nicht nur, weil ich diese Situation nicht kenne und vertrage sondern ebenfalls, weil ich Angst habe vor dem Gespräch mit einem Menschen, den ich nicht kenne. Ist das alles nur etwas temporäres oder ist das ein langanhaltender Zustand? Eine temporäre Flucht vielleicht. Gerade so. Die Gedanken, die ich in meiner einigermaßen ansehnlichen Hülle ersinnen kann manifestieren sich auf Papier.

Das erste, das ich sehe, ist das Chefarztzeichen an der Tür. Teppiche leiten den Weg in einen großen, halboffen gestalteten Raum. Schweres Holzregal, schwerer Holztisch. Hinter dem Tisch sitzt ein Mann in weißem Kittel, bis zur darunter liegenden Krawatte zugeknöpft. Ich erwarte, dass sein Nachname auf die Tasche auf der von mir aus gesehen rechten Brust gestickt wurde. Meine Oma machte solche Dinge früher bei ihren Handtüchern. Aber bei dem Mann in dem weißen Kittel ist absolut nichts zu sehen.
Eigentlich erahne ich die erste halbe Minute, nachdem ich ihm meine Hand gegeben habe und er mir ziemlich müde (wie ich scheinbar auch) zulächelt, nichts anderes als die Rückseite meiner Akte und Teile der Hände, die sie halten. Es ist surreal. Er liest sich die Notizen langsam und direkt vor seinem Gesicht durch. Ich sitze auf einem von drei schwarzen Ledersesseln, auf meinen Händen, auf und an der Kante. Es ist teilweise bequem, aber ich zittere noch.
Dann irgendwann sieht er auf. Duzt mich direkt, lässt mich reden. Ich erzähle von meiner Vergangenheit, in zwei, drei Sätzen, was dieses Jahr passiert ist und er schreibt alles mit. Er fragt mich, wie lange es her sei, diese Verhaltenstherapie. Beginn, Ende. Er fragt mich, ob ich dazu neige, das zu thematisieren. Ich sage, dass ich es nicht anders kenne. Dass ich, seit ich klein bin, das gleiche Gefühl in mir habe. Er schreibt weiter. Ich erzähle von Citalopram, dass ich nichts über meine Eltern weiß, zumindest nichts, was diagnostizierte psychische Erkrankung anbelangt. Er schreibt weiter, ich frage mich, wieso das Wort „diagnostiziert“ so falsch klang, während ich es ausgesprochen habe. Fragt mich, wie alt ich bin. Duzt mich wieder. Er bittet mich, zur Liege zu gehen, die im Eingangsbereich des Zimmers steht. Ich soll mich setzen, er fühlt mit seinem Stethoskop nach meinem Herzschlag. Ob ich immer so ängstlich sei. Ich lächle wieder ein wenig müde vor mich hin. Er testet meine Reflexe, ich muss lachen, als meine Knie dran sind. Dann muss ich an dieses eine Knie denken, wo dieser Reflex manchmal nicht funktioniert. Oder wie ich ihn manchmal triggern konnte.
Ich soll die Augen schließen und den Zeigefinger der linken und dann den der rechten Hand zu meiner Nase führen. Danach aufstehen, die Arme nach vorne ausstrecken, dann die Augen schließen und nach vorne laufen. Test bestanden. Ich komme mir vor wie jemand, der gerade einen Alkoholtest machen muss. Ich soll ihm eine weitere Frage beantworten. „Sind Sie Perfektionistin?“ Ich denke etwas lange nach. Er sagt, dass er das annimmt, ich sage, dass ich nie die Ansprüche meiner Eltern erfüllen konnte. Dass ich nicht weiß, ob ich eine Perfektionistin sei, aber dass ich hohe Ansprüche an mich selbst habe, die ich oft nicht erfüllen kann. Dass meine Eltern zwar von meiner Krankheit wissen, aber das es das nicht besser macht und dass ich mich dadurch nicht weniger unter Druck gesetzt fühle.
Er sagt, ich sei sehr dünn, eigentlich sagt er dürr, insgeheim denkt er wohl: mager. Er ist kleiner als ich. Ich stehe ihm gegenüber und lehne mich etwas nach vorne, damit ich ihm direkt in die Augen sehen kann – ohne von oben auf ihn herabzublicken. Ich frage mich, als wie wichtig er seine Arbeit sieht und ob er auch einen Therapeuten hat. Dann sagt er, ich solle zu Beginn eine halbe Tablette täglich nehmen, auch wegen meines Gewichtes. Dass ich zehn Tage lang eben eine halbe, danach eine ganze Tabletten einnehmen soll. Die Nebenwirkung seien auch stark.
Er fragt mich nochmal, ob ich das wirklich will. Dabei sieht er mich sehr lange an. Ich starre sehr lange zurück. Ich weiß nicht wirklich, was ich sagen soll, dann in meinem Kopf die Frage, ob er mir überhaupt zugehört hat. Als ich sage, dass ich teilweise immer noch Angst der Menschen habe, dass das eben noch eine abgeschwächte Form einer sozialen Phobie ist, und dass ich das alles früher nur mit meiner Therapeutin bearbeitet habe, ohne Medikamente, bin ich stolz und traurig. Stolz, weil ich es schon mal geschafft habe. Ohne. Traurig, weil ich jetzt nicht mehr nur mit mir selbst Dinge ausmachen kann.

Dann sagt er, wir können nach vorne gehen, er geht vor, ich bekomme mein Rezept, er sagt, wir sollen ein EEG Termin vereinbaren. Ich sehe ihn also erst irgendwann im November wieder.

Eine Woche später bin ich wieder in der Praxis. Ich sitze in einem leeren Wartezimmer. Es ist der letzte Tag im Quartal, die Schwestern sind beschäftigt mit der Abrechnung. Ich sage ihnen, dass ich seit einer Woche nichts essen kann. Dass ich weder etwas essen will noch dass ich, wenn ich etwas esse, es nicht herausbreche. Sie schauen mich sehr bestürzt an. Sie bitten mich, ein wenig zu warten. Und erzählen dann dem Arzt, was ich ihnen gesagt hatte. Er behandelt mich im Flur vorne am Eingang. Er schaut mich merkwürdig an. Er sagt, wir könnten ja eine niedrigere Dosis nehmen. Ich sage, ich finde es merkwürdig, dass mich schon eine halbe Dosis dieses Medikamentes in einer Woche so sehr in Mitleidenschaft zieht, dass ich meinen Alltag nicht mehr bewältigen kann. Dann fragt er mich, ob wir das gleiche Medikament verwenden sollen oder ob wir ein anderes probieren wollen. Ich entscheide mich für das letzte. Gute Wahl.

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