Tratex

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∆ 23

Ich hab es abgezogen und gepult und gezerrt und wache vor Augenpaaren auf, schwarz, lange Wimpern, in meinem Kissen, auf meinem Kissen. Das bekomme ich nie wieder heraus. So wie die Worte im, auf dem Papier, die hat man beinahe mit dem Stift hineingekratzt, nicht so weich wie das, was in zwei großen Stapeln auf dem Fußboden steht. Da, am Bettende, da, wo man sich jetzt die Knie immer einschlägt, weil die Ecken gefährlich bleiben und man zu gerne festhängt.
Weil wir es interessant finden und manchen das Glück in den Schoß fällt und sie es nicht sehen. Weil es Sinn macht, weil die alten Worte sich so schön anfühlen, wie sie brennen und sie so nach abgestandenem Leiden aussehen.

Das waren Nägel und Holzspäne, die Nägel habe ich fast alle wieder eingesammelt. Und ein oder zwei habe ich hinterlassen, da im Flur, wo morgens das Licht so angenehm hineinfällt.

realization grew on me
as quickly as it takes your hand
to warm the cool side of the pillow
(Alt-J – Hunger of the Pine)

*Tratex von Karl-Gustaf Gustafsson, via Transportstyrelsen

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Lucida Grande

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In meinem Kopf, anstatt außen auf der Stirn: Kains Mal, ich habe sie in Gedanken alle dekonstruiert, ich habe nichts anderes getan als das, weswegen die anderen Menschen von den Orten gehen, verschwinden. Henning, seine dekonstruierte Gestalt und die Hülle, die nicht zu dem passt, was ich kenne vom Leben. Da ist nichts mit Inhalt, da ist nichts, was ich lieben könnte. Noch nicht einmal im Ansatz.
Meine Mutter ist tot und doch hat sie sich in meinem Kopf wiedergeboren, hat die getötet, die ich dachte zu kennen und richtet sich seitdem gegen mich.

Man hätte wohl Abschied nehmen sollen als noch die Möglichkeit dazu vorhanden war, Gebeine, physischer Abschied. Das nennt man wohl die Idee, dass man sich stattdessen von einem Konstrukt im Kopf hat verabschieden müssen.
Deswegen macht nichts mehr Sinn.

Henning, der nicht locker lässt, trotz Fäusten, die man ihm ins Gesicht schlägt. Da hat wohl jemand ein unendliches Energiereservoir. Die kleinen Menschen, die ihn beobachten, wenn er in Wartezimmern sitzt oder in Bahnhöfen steht.
Von der Angst erzählt er zur Genüge, von der Angst, Leute nicht mehr wiederzusehen, die sich mal in sein Leben katapultiert haben. Aber das heißt nicht, dass man uneingeschränkt bleiben muss. Das heißt nicht, dass ich das annehmen kann.

you cover your tracks
where the hell do you hide?
and I’m always surprised
as if it was the first time
(Francis International Airport – Bug)

Helvetica Neue

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∆ 22

Ich bin die schlimmste Katze, die du jemals kennengelernt hast.
Ich habe den Drang nach einem richtigen Spiegel, keiner Spiegelfolie. Nie wieder der billige Abklatsch von etwas, von dem man glaubt es nicht zu verdienen. Früher: weil alles andere, alle Anderen ja so viel mehr strahlen und leuchten und es in einem drin ja nie so viel gibt, nichts gibt, weil es ja nie etwas gibt in einem um das sich andere Menschen bemühen könnten, würden, sollten. Jetzt: ich will das Leben in der Totalen, meiner Totalen, will verbluten und will mir die Worte nicht selbst verbieten, will wissen und fragen, geben und nehmen können. Die gesündeste Variante des Existierens, die absolute, die schmerzhafteste.

Und wo wohnen dann die Gefühle, wenn man Angst vor ihnen hat? Wohnen sie tief in deinen Schädelknochen, erkennt man sie nur im MRT, im CT? Stecken sie in deinen Albträumen fest oder wandern sie in meine Träume, gelegentlich die schlechten, gelegentlich die guten? Ist es nicht einfacher, sagen zu können, man lebt sich durch die Vielfalt der Schichten, hinein in den Kern, liebt sich in, durch die Panzer der anderen Menschen? Und wo bleibst du dann dabei, vergehst du auch an den Anderen, vergehst du am Gedanken daran, dass dich die Dinge, die Menschen, die Gefühle in deinen Schädelknochen lähmen könnten, dass du alleine nicht mehr atmen kannst, dass du zu viel aus dir herausblutest? Oder vergehst du zusätzlich wie ich daran, dass es Menschen gab, die Leben wollten und starben, ohne, dass sie es wollten und du immer dachtest, du bist selbst nicht fähig dazu? Das Wünschen in die Gegenden, die niemand sonst verstehen kann.
Ich bin immer noch da.

Futwora

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U Bismarckstraße
Weil ich schonmal mit dir hier war und ich dich in den Formen zwischen den Farben sehen und finden kann.

U Ernst-Reuter-Platz
Sie wollen nicht mich, sie wollen nur den Geruch meines Weichspülers.

U Wittenbergplatz
Ich verschwimme in den Sitzplatzquadratmillimetern zwischen dir und mir.

Park am Gleisdreieck
Die Bedrohung in den kleinen Dingen und du, wie du nach dem Trampolinspringen in meine Arme ausrutschst.

U Kurfürstenstraße
Irgendwann werde ich verstehen, wie mich mein Körper daran erinnert, dass du auf mich gewartet hast, am Ende der Treppe, die man hochsteigen muss, wenn man von der U-Bahn kommt.

Potsdamer Straße
Die Poller meiner Straße; niemand kann erahnen, wie sehr ich mir gewünscht habe, es wären die Handläufe deines Treppenaufgangs gewesen.

U Naturkundemuseum
Ist das für dich nicht wie das Atmen? Das mit dem Festhalten von Momenten, mit dem Schreiben? Und kannst du dir im Atmen die Antworten geben, die du brauchst?

U Schlesisches Tor
Sicherlich hat man es sich anders vorgestellt, nicht so langgezogen, nicht so mit Monaten behaftet. Man liebt sich in dieses Leben und man liebt es immer mehr, je dringlicher die Dinge werden.

U Warschauer Straße
Mir fehlen die Endhaltestellen und die U1. Manche Muster verlerne ich nicht mehr.

U Alexanderplatz
Denn man hört nie auf darüber zu schreiben, was die wichtigsten Menschen für einen sind.


whole cities light up but 
nothing can compare to you
(The Jezabels – Hurt Me)

* Futwora Typeface by Think Work Observe, Italy

requiem

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∆ 21

Weißt du, ich trage keinen dieser altmodischen Namen, obwohl ich einen haben wollte. Einen, der angenehm auf der Zunge liegt, eine Art Murmel. Auch war ich nie in einer der Thermen in Montecatini Terme, als ich da war. Meine Haare waren orange, jetzt trinke ich das Berliner Leitungswasser so, als wäre es das Allheilmittel gegen das, was intern auffressen kann. Intern.

Das darf alles nicht mit Musik unterlegt sein, es muss ruhig sein. Im Hintergrund die Waschmaschine, ein wohliges Geräusch, vertraut, erinnert an die U-Bahn, wenn sie sich zwischen Halleschem Tor und Kurfürstenstraße so anhört wie ein Zug im Fernverkehr. Es plätschert so vor sich hin. Die Frau beim Optiker, die mir erklärte, dass sich meine Linsen mit jeder Augenbewegung neu ausrichten und die mir versicherte, es sei normal, dass man das Gefühl hat, auf die Nähe nicht so gut sehen zu können wie mit Brille. Vor meinem geistigen Auge ein Pendel. Hin und her, hin und her. Ich blinzle, bin wieder kurz davor zu weinen, sie sagt, ich darf ruhig blinzeln. Seit ein paar Tagen ständig dieses unkontrollierbare Weinen; dann weine ich tatsächlich auf Höhe Prinzenstraße und dann ist da dieser Mann in der U1, der mich fragt, ob es mir gut ginge. Ich verneine, er lächelt auf eine Art und Weise, die ich nicht gewohnt bin von den sonst oft harten Gesichtern in der U-Bahn.
Mir fehlen die Fahrten an die Endhaltestellen, früher, in Dresden, die Versuche, sich durch das Fahren von einem zum anderen Anfangspunkt zu beruhigen. Meist ein Scheitern, das Bewusstsein, dass sich alles viel intensiver anfühlt, fast wie im Delirium, fast wie beim Schreiben. Irgendwann hier die Erkenntnis: ich glaube, die Trauerarbeit habe ich erst vor ein paar Tagen begonnen.

and start again