Fast Lane

An mir vorbei die Bahn ohne Brandenburger Tor in hundertfacher Ausfertigung, ruhig, abgestanden leer. Das Brennen in den Dingen drin und die Asche, die es hinterlässt, zu oft hat niemand darüber gesprochen. Das sind Eisbrecher, diese Tieraugen, wie er mit ihnen spricht und die Erkenntnis, dass wir bei alledem immer noch selbst Tiere sind, geblieben sind, nie etwas anderes waren. Der Fluch des Gefühls der Superiorität und der Schlag in den Nacken, der darauf folgt, lehnt man sich zu weit aus dem Fenster.
War ich selbst etwa eine von Droste-Hülshoff, habe ich selbst immer auf den See gestarrt, habe ich selbst geschrieben, schreiben wollen über alles und von allem das, was am tiefsten in den Fasern steckt?

Hätte mich gerne mit mehr Menschen, Helden von mir, unterhalten über ihren Schmerz und mein kaputtes Bauchgefühl. In weniger als einem halben Jahr werde ich achtundzwanzig und bin im Gefühl stehengeblieben. Da, in dem großen Raum mit den vielen Leuten, sagte er: es braucht Zeit, Gefühle haben eine Zeit. 
Das hier ist ein Requiem für etwas, irgendetwas. Es hätte wichtig sein können. (Ich rede mir einfach weiter ein, dass ich nichts fühlen kann.)

it’s been twenty-seven years
and you’ve only now just figured out how

(Rationale – Fast Lane)

New Skin

Es war Grau und die Stille nicht wert
– 1

Deine Moleküle sind tausende von Jahren alt.

Hinter deinen Augenlidern liegen deine Augenringe, Flecken, hochgewandert, möglicherweise auch nur wieder Libellenhaut, eventuell aber doch die Manifestation des Problems, dass du deine Augen nie ganz, komplett, vollkommen schließen kannst. Dass du immer mindestens dein Blut, deine Haut, eine Schicht sehen kannst, dass du nie ganz in Schwarz bist, vielleicht doch nur 256 Varianten Grau und Rot.
Dann lachst du, ich bestarre meine Haut im Spiegel, sehe die Spuren von Sonne, Melaninüberproduktion, kleinen Viren, sehe Narben, die zu Falten wurden, aus der Mitte entspringt ein Fluß, niemand weiß das besser als du und ich und ich sehe die Formen abgebildet in meinem Gesicht. Das ist fast besser als die Naturaufnahmen der BBC Dokumentationen, Vulkankrater finden sich auf den Wangen und der Stirn, flußdeltaartige Verästelungen um die Augen, von Lava hinterlassene Schluchten in Bergen finden sich in den Mundwinkeln wieder. Dazwischen der Marianengraben.
Einmal Luft schlucken, dann wird sie Teil des Körpers, an jedem Ort mindestens einen Mund voll unsichtbare Umgebung essen, möglicherweise kommt dann doch alles an in den Augen, frisst von innen, nicht von außen.

Du hängst an der Haltestelle des Zuges als würdest du dich festkrallen mit den Klauen eines Faultieres, würdest hängen und nicht stehen, mehr Erläuterung bedarf es nicht. In den Bussen stehst du dann, eingekeilt, zwischen den einzelnen Etagen, damit du deinen Hals nicht beugen musst. Da drüben hängen Bilder ihrer Kinder an den Satellitenschüsseln, mindestens zehn pro Stockwerk, meist mehr, mittlerweile alternierend mit Bildern von Sonnenblumen, der eine neidet, der andere fotografiert. Ich frage mich, wer sie, wer wir sind, dass wir uns über sie stellen. 

Der eine oder andere Körper hält eine alte Seele fest, versteinerte Traumata oder fehlende Spiegelung und dann biegt die erste U-Bahn auf die Schienen des Viaduktes und lehnt sich ein wenig in die Kurve. Es quietscht und rumpelt, als wären Murmeln in deinem Brustkorb; du siehst dieselbe Silhouette an Häusern und weißt darum und fühlst nichts und manchmal noch hasse ich dich dafür.

„Es ist doch eigentlich alles ganz einfach,“ sage ich ihm, „jedes menschliche Lebewesen strebt nach Liebe, in welcher Form auch immer: Zuwendung, romantische Liebe, Anerkennung, Gespiegelt-werden, Gesehen-werden, Wertschätzung. Und dann kommt der ganze andere merkwürdige Mist.“ Während ich das Rapsfeld-Landschaftsbild an der Wand gegenüber anstarre und es zurückstarrt, sagt er „und das Wort merkwürdig streichen wir aus Ihrem Wortschatz.“

Ich habe mir ein paar Fotos ausgedruckt, vier Varianten Überhang, einmal Mitte, mittig, man kann uns alle lachen sehen. Dann gehe ich in den Supermarkt um die Ecke, den, in dem ich die meisten Kassierer mit Namen kenne und sie sich immer noch darüber wundern, dass man so viele Payback-Punkte in einer Lebenszeit gesammelt haben kann, wie sie dann zueinander raunen und ich ihnen sage, dass das nur geht im Familienverbund. Sie haben mir nicht einmal wirklich zugehört. Dann den Einkauf von der Ablage in den Beutel an die linke Hand in die Ellenbogenbeuge hieven, Schritte nach Hause, Ampelschaltung voller Widersprüche. 

Deine Pupillen sind unterschiedlich groß und das Grün in ihnen unterschiedlich tief. Sobald Licht darauf fällt, läufst du schnell, schneller als dich deine Beine eigentlich tragen können. Antilopen-Beine, wilde Beine. Deine Angst ist keine Makulatur, sie ist die vernarbte Haut, von der du befürchtest, sie könnte bei jeder unüberlegten Bewegung wieder aufreißen. Du hast sie schlecht zusammengenäht.

lay off me, would you
I’m just trying to take this new skin for a spin

(Torres – New Skin)

unfinished business

Es war Grau und die Stille nicht wert

2

Die durchschnittliche Hamburger Taube hat 1,7 Beine. Du schnalzt mit der Zunge, während du „einskommasiebenbeine“ so schnell hintereinander sagst, als wären die Worte miteinander verwebt, dann lachst du. Und zitterst dabei ein wenig.

In deiner Wohnung haben viele vor dir gelebt, sie haben die hohen Decken ausgefüllt, nach denen du so lechzt und an die selbst du gerade so mit einer Leiter mit Verlängerungsschiene herankommst. Du verzehrst dich nach kahlen Wänden mit ihren Gebrauchsspuren, da unter der Tapete; das ist der Putz, das sind Spuren, da fragst du dich, welche Narben die Wand von dir tragen wird und du findest keine Antwort, denn du schaust zuerst auf deine Haut und bewunderst, dass man fast alle nicht mehr sehen kann. Du hast sie auf den anderen Menschen hinterlassen und dich selbst geheilt.
Du bist eine Art Geist in sichtbarer Hülle, bist nicht Casper, bist nicht der Geist, den die Ghost Busters jagen. Gelegentlich bist du davon komplett unberührt, du dissoziierst und hast bei alledem überhaupt nicht verstanden, dass es nicht um das Abschotten geht.

„don’t touch me!“ I screamed
I’ve got unfinished business
you’ve got blood on your hands
and I know it’s mine
I just need more time
so get off your low

(White Lies – Unfinished Business)

but see (I)

(alternativ: gelesen)

Die Luft schlägt sich in Wellen.
Das erste Mal fällt es mir auf, Stein, zerschlagen in blau.
Ich folge dem Mann um das Haus, das er säubert. Rote Arbeitskleidung, Reinigungsbesen. Er läuft langsam. Im Haus drin verarbeiteter Stahl.

Ich möchte mir ein Moleskine kaufen, ich korrigiere: noch eins. Irgendetwas braucht man, auf das man hinarbeiten kann. Und sei es die Freiheit leerer Seiten. Mir kommt ein Name in den Kopf. Walter Benjamin. Walter Benjamin, verdammt, wer ist das? Bestimmt ein paar Mal gelesen, ein paar Mal gepostet, trotzdem vergessen. Manche Namen klingen, andere schleifen sich ein. Wie die knarzende, nicht geölte Tür der Wohnung unter uns. Jedenfalls steht dieser Walter jetzt vor mir, Philosoph, war ja klar. Ich würde gerne dessen Tagebücher mal lesen. Dann wandert mein Blick zu Wittgenstein. Ich erinnere mich: Wolfgang Herrndorf, das ist die Charité, an der ich vorhin mit der S-Bahn vorbeigefahren bin, Arbeit und Struktur und sein Grab, beides nicht allzu weit entfernt.

Der Klang von Stille ist angenehm, dann das Ruckeln der U-Bahn, hörbar gemacht – könnte bitte jemand meine Gedanken aufzeichnen?
P sagt, ich soll mich nicht limitieren und während ich daran denke und in die Glasscheibe der Abteiltrennwand schaue, mich dank des Mannes in schwarzer Jacke spiegeln kann und dabei mein Gesicht studiere (das macht ihr auch, ich weiß das), erscheint mir der Fahrgast schräg hinter mir wie ein Nachrichtensprecher, mit dem ich quasi aufgewachsen bin. Zwanzig Uhr, Guten Abend, meine Damen und Herren, dann fängt der Mann an zu fluchen und ich verwerfe jegliche Ähnlichkeit.
Mein rechtes Ober- und auch das Unterlid fängt bedrohlich an zu zittern. Man sagte mir mal: das ist Stress. Oder: dir fehlt MagnesiumDann reden sie von Haftbefehlen. In meiner persönlichen Blase ist es schön, es ist warm, ich hebe mich vom Muster des Sitzes ab. Wie sie schimpfen: Übergang zur U12, keine Ansage freundlich.

Umsteigen – ich frage mich, ob die Leute hinter mir (also die auf der Rolltreppe) auf meine Beine schauen. 40 Den, wie durchsichtig kann das sein? Sieht man meine Leberflecke? Die Muttermale auf der rechten Außenseite? Zumindest redete ich mir das immer ein, dass es Muttermale sind, aber es ist am Ende nichts anderes als eine pure Störung meines Melatoninhaushalts, da an diesen Stellen, nur hat es diese Störung weder zu einem Feuermal noch zu einem ausgewachsenen Leberfleck geschafft. Glück gehabt.

Beim Aussteigen laufe ich gegen eine Signalanlage, die U-Bahn ist zu lang für den Bahnsteig; belgische Waffeln sind mein Untergang. Ich schließe die Tür zu unserer Wohnung, sie ist leer.

oh, there is thunder in our hearts
(Kate Bush – Running Up That Hill (A Deal With God))

we were scared and you were beautiful

High-Deck-Siedlung, Berlin-Neukölln

Du 1:

In Gedanken fahre ich deine Hände entlang und höre dir zu beim Reden. Ich verstehe kein Wort von dem, was du sagst, aber es ist eine Sprache, die ich vielleicht lernen kann.
In meinem Kopf lebt ein Versprechen an mich selbst: mehr fühlen, weniger denken. Ich weiß jedoch, dass das zweite nicht mehr sein kann als ein Trugschluss.

In Gedanken fahre ich deine Haut entlang und ich höre dir zu beim Mich-Ansehen. Immer noch verstehe ich nicht, was du sagst, weder mit deinen Augen noch mit deinem Mund auf meiner Haut.

Über mir höre ich, wie mir fremde Leute Sex haben und ich fühle mich gestört beim Leben. Wie war das wohl damals in den Plattenbauten, wie war das wohl damals inmitten von Stahlbeton.
In meinem Notizbuch steht: Menschen beobachten, doch ich weiß nicht, wobei.

Du 2:

Ich habe dich gesehen, da an der Fensterbank. Habe dir dabei zugeschaut, wie du mir dabei zuschaust, wie ich herumsitze und warte. Habe dir dabei zugeschaut, wie du mir dabei zusiehst, wie ich Notizbücher fühle mit Gedanken über nichts.
Verschwiegen habe ich dir, dass ich über dich geschrieben habe. Verschwiegen habe ich dir, dass ich nichts geschrieben habe und verschwiegen habe ich dir auch, dass ich gerne geschrieben hätte über dich.

#romantischekackscheiße und Restrisiko steht auf dem Papier. In meinen Notizbüchern führe ich Dialoge mit mir selbst. Als würde ich mir selbst Nachrichten schreiben. Als würde mir jemand Nachrichten schreiben. Das sind bloß die Tabletten und die E-Mails wegen der kostenlosen Konzerte mit Apocalyptica, aber das verstehst du sicherlich nicht.

Du 3:

Deiner Kreativität schaue ich zu und fühle mich inspiriert. Alles was du sagst, erinnert mich an Stille. Die Form der Stille, über die man stolpert, wenn man morgens, frühmorgens, mit der U1 in Richtung Bürgertum fährt, in Brötchenduft aussteigt und im Licht badet, wenn man die Treppen zum Tag hinaufsteigt.

Ich möchte, dass du weißt, dass es mehr in deinen Arbeiten gibt als Stille. Wie die Anschläge einer Schreibmaschine hämmern die Gedanken in mir beim Konsumieren, beim Verarbeiten, beim Erleben durch meinen Puls. In meinen Fingerspitzen Erlebnisse anderer Menschen, die ich nicht verorten kann. Ich habe keine Karte, auf der ich etwas zu sagen hätte.

Du 1:

In meinem Notizbuch steht: Menschen beobachten, halb durchgestrichen, dahinter: Menschen beim Leben begleiten, dick unterstrichen, 0.7 mm Finelinerspitze, Muji.

In Gedanken sehe ich dir dabei zu, wie du mir, in Gedanken, die Haare abschneidest. Ich binde alles zusammen, was an Flusen aus meinem Kopf herauswächst und male eine Schnecke damit. Der Haaransatz ist schief. Das sieht man gut auf Fotos. Du sagst nichts.

Deine Sprache, eine Erinnerung an etwas, das ich gerne in meinem Leben hätte. Eventuell verstehst du irgendwann, warum ich weder etwas gesagt, noch irgendetwas getan hatte. Denn viel von dem, was du sagst, verstehe ich noch immer nicht. Entweder zu schnell, zu langsam oder genau richtig.

Du bist eine Insel, raue Kanten und die See, sie spült zu oft Teile weg von dir, sodass du immer wieder anbauen musst. Andere nennen das Konsistenz, ich nenne das Lebenswillen. Den würde ich gerne mit dir teilen. Und die Haut, die zwischen deinem und meinem Lebenswillen sitzt.

Du 2:

Du folgst mir in die U-Bahn, vielleicht ist es zu voll. Du riechst nach dem Restaurant, indem wir beide gerade waren und du sitzt mir schräg gegenüber.
Es ist leicht, andere offensichtlich zu beobachten. Die wirkliche Kunst, die des Begleitens, hast du noch nicht verstanden. Du siehst mir wieder dabei zu, wie ich versuche, Seiten zu füllen, während du, mich anstarrend, die Musik in deinen Kopfhörern im grenzwertigen Bereich erträgst.

Mich überkommt ein wenig Ekel, irgendwo vorher habe ich dich schon mal gesehen. Vielleicht beim Einkaufen oder beim Spazieren durch die Stadt. Ich bin eine Fremde hier und das machst du mir gerade deutlich, wahrscheinlich ohne, dass du das weißt. Ich muss aussteigen. Du steigst mit aus. Dann verliert sich meine Spur.

Du 3:

Ich schaffe mir meine Karten, ich schaffe mir meine Karten in meinen Medien, ich schaffe mir meine Medien und meine Karten und dann kann ich verorten. Effektives begleiten könnte man das nennen, Inspirationsketten, du wirst wohl nie von mir erfahren. Die Gefahr und die Freude einer Großstadt, die Gefahr und die Freude des Webs.

Gerade kann ich nicht viel sagen, ich muss schreiben. Nur so viel: Danke.

 

every morning there are mountains to climb
(Grimes – Realiti (demo))