dissolve me

Untitled by smallcutsensations

Mathilda, Fragmentfortsetzung

Sie hat es geschafft, sich selbst zu überholen. Sie sagt es voller Stolz und ich schaue sie nicht nur mit fragenden Augen an, ich denke an all die Gegenstände, die sie in den leeren zwanzig Quadratmetern hinterließ. Der Stock, der noch immer im Flur steht, ich habe sie nie gefragt, wofür genau. 
Das ist meine Wünschelrute, Mathilda lacht. Sie versucht mit aller Kraft, ihr Leiden zurück in ihren Körper zu pressen, das geht, wenn sie vor mir steht, mehr oder weniger gut. Du suchst es in Gesichtern und erwartest Reaktionen, sie schüttelt den Kopf, fragt nach dem es in den Köpfen der Anderen. Eigentlich sehe ich in ihr nur die Grausamkeit, die sie in den Anderen sucht. Andere, anders, sie wühlt so gerne in ihnen, so gerne in sich selbst, mit Vorliebe und Bravur in mir. Dann erfindet sie sich in mir neu und lebt sich durch mich hindurch in ein Konstrukt, das sie so lieblos behandelt wie sich selbst.
Ich denke an meine Handtücher, ich frage mich, was sie von mir will, du vergisst, dass ich ein Elefantengedächtnis habe, Mathilda. Und irgendwann wird sie mir erzählen, wie sie daran krepiert, dass sie die Dinge in sich hat aufstauen lassen, dass sie nie durch in die Wälder fuhr, dass sie nie am Meer war oder in Schottland oder am Nordpol. Dass sie immer nur davon erzählt hat, Echo zu sein, ohne je ein Echo zu erzeugen. Ich kann nicht anders, sie ziehen mir die Sehnen aus den Extremitäten
Viel kramt sie in den Kisten in ihrem Kopf herum, sie findet oft nichts. Aber was ist, wenn die Schatten, die ich sehe, Schatten anderer Leute sind?

broken sweethearts who sleep apart
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cause I’m ready when you are

Untitled by smallcutsensations

Mathilda, Fragmentfortsetzung

Das, was man zwischen ihren Wunden sehen kann, das ist kein Fensterkitt, das ist nichts temporäres, das ist neue Haut. Alle sehen es, außer ihr. Aber auf der anderen Seite konnte ich auch nicht sehen, wenn sie mal wieder gegen meine Wand gelaufen war. Wir führen unwirkliche Gespräche, nach kurzen Nächten, das war ein wenn überhaupt, das war ein ich erinnere mich nur an eins so wirklich.
Mathilda, sage ich. Mathilda, du hast geweint, ich sehe das in deinen Augen. Sie haben seit einiger Zeit wieder diese Schwere, die ich dir eigentlich aus dem Kopf genommen habe. Das letzte sage ich ihr nicht; bevor ich agieren kann, schlafe ich vor Erschöpfung wieder auf dem Küchenboden ein.

and write, it’s all an empire

Untitled by smallcutsensations

mathilda. eine fragmentfortsetzung.

      plötzlich gab es einen einschnitt. ich erkannte die mathilda, die mich wochenlang mit einer merkwürdigen art von stille, euphorie und langeweile behandelt hatte, beinahe nicht mehr wieder. von nun an war sie jeden sonntag unterwegs, jeden sonntag machte sie zu einem osterspaziergang, der mich an goethes faust erinnerte, sie ging ein und aus, sie war letztlich vollkommen durchgewaschen. eine frühe art der lebenskrise, eine krise, die manche früher, manche später treffen kann, bei ihr war es eben der dreiundzwanzigste geburtstag, oder ein paar tage später, ganz genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern. ich weiß nicht mehr genau, ob es im märz oder im april war, aber im geheimen fing ich an, mathildas existent in meinem kopf umzuschreiben. die, die kaum noch vor sich hinsummte, die, die kaum noch auf ihrem ranzigen ledersessel saß.
      ich kann das mit dem leiden nicht so gut wie die anderen, denn die leiden scheinbar gar nicht. wie alles sagte sie das mit bitterem ernst, mit einem ernst, der mich eher an ein testament als an eine lapidare feststellung erinnerte, wie ihre aussagen es sonst taten. irgendeinen ernst hatte sie getroffen, vielleicht direkt auf der straße, auf einem der spaziergänge durch die stadt, die sie zu sehr liebte. mathilda, die verging an sich selbst, mathilda, die verging an jedem schritt, den sie auf der straße tat, mathilda, die mir all dies zum vorwurf machte.
      sie hoffte vielleicht, durch alles, was sie mir direkt und indirekt erzählte, eine meinung über ihr leben aus mir herauszuspiegeln. ein verzweifelter versuch, sich in eine richtung zu justieren, die ihr hätte sagen können, dass das, was sie tat, gerechtfertigt war, vor allem durch mich. wir wohnten zusammen, mehr nicht, gelebt hatten wir nie zusammen. sie wusste, dass ich das nicht wollte, sträubte sich aber gegen meine worte, als hätte sie auf einmal eine eigenschaft von neopren erlangt, nämlich die, worte an sich abperlen zu lassen wie wassertropfen. mathildas spaziergänge waren möglicherweise manifestationen des versuchs, eine innere revolution anzuzetteln, eine, die schon in den keimen erstickte.
      im nachhinein macht all das sinn, das zu viel, was sie mitnahm und das zu viel, das sie hinterließ. mein großes handtuch, das gestreifte, das sie hasste. sie musste sich ja an irgendetwas festhalten und wenn es anderen gehörte, wurde das festhalten zu einer selbstverständlichkeit. auch wenn sie eine mit hektik getränkte ruhe ausstrahlte, fehlte ihr doch ein einziger großer baustein zu einem leben in erträglichkeit: die fähigkeit, sich selbst zu lieben.

tomorrow’s song

Untitled by smallcutsensations



mathilda. eine fragmentfortsetzung.

      ihre angewohnheit, die dinge nicht beim namen zu nennen, genauer gesagt, die dinge gar nicht erst anzugehen. umso überraschender, was sie versuchte, mich glauben zu machen, was das vergangene in ihrem leben anbelangte. sie sagte, sie war hier und dort, hätte diesen und jenen getroffen und hätte mit allen immer noch ein äußerst inniges verhältnis. der baumwollrücken vor meinen augen hatte nie etwas anderes erwartet, erhofft, als anerkennung von mir. anerkennung für die fußabdrücke, die sie in den gesichtern anderer hinterließ. mathilda war für mich zu grausam, manchmal konnte ich ihr das sagen, nie aber traute ich mich in ihre arme zu laufen, sie wirkten auf mich wie mausefallen.
     dass du aber auch immer so unaufgeregt sein musst. ich ordnete die möbel in meinem zimmer immer wieder anders an, um all die lichtmuster, die ich im schlaf vor augen hatte, auch auf die dielen zu bannen, um diese dann wieder auf eine mit fotoemulsion beschichtete folie zu bannen. mathilda verstand es nie, was auch immer ich tat, es half nichts. ich versuchte, ihr zu erklären, dass es nicht um die schatten geht sondern um das licht, dass sie mir im licht stand und die wärme nahm. sie regte sich höchstens über die geräusche im nachbarzimmer auf. wände so dünn wie papier. ich zeigte ihr eine studie, eine die erklärte, wieso sie so gerne so lange heiß duschte und sie auch bei beinahe tropischen temperaturen nie ohne drei schichten kleidung anzutreffen war. du willst mir erzählen, dass ich dadurch versuche, mir die wärme zu holen, die ich in meinem sozialleben nicht habe? ich schluckte meine wut herunter, meine erklärungsversuche hätten sowieso nichts gebracht.

all kinds of sights in the middle of the night

Untitled by smallcutsensations

mathilda. eine fragmentfortsetzung.

      mathilda hatte mich genauso abgestoßen, wie alles, was sie mir übrig gelassen hatte; ihr überstürztes gehen und die hektik davor und danach, erinnerungen an meine eigentlich viel zu lange zeit mit ihr, in retrospektive war die dann aber doch zu kurz, um sie so zu kennen, dass ich hätte sagen können, dass wir freunde waren. sie selbst hatte einen ganz anderen anspruch, sie definierte alles eben mit ihrer altmodischen art, sie hatte alles eingefärbt, verklebt, machte es dabei noch zu einem vorwurf.

      gehst du an manchen tagen auch mal aus dem haus? ihr unverständnis, mein zugeständnis, keine kompromisse. der gesichtsausdruck, der mir dann entgegenschlug, hatte es in sich. mathilda. mathilda, wie sie ihren altertümlichen namen aussprach. mathilda, wie sie die zornesfalte zwischen ihren augen zusammenzog, sodass sie noch wütender aussah. mathilda, wie sie anfing zu weinen und ich nicht wusste, wieso. mathilda. es kam nie eine antwort, ein zustand, an den ich mich schnell gewöhnt hatte. eine andere wahl hatte ich sowieso nicht.
      dass sie dann aber mein badetuch mitgenommen hatte, hatte mich doch hart getroffen. ich erzählte ihr ansonsten aber auch nicht allzu viel von meinem leben. sie hatte die angewohnheit, informationen so auseinanderzunehmen, dass sie jegliche romantik, jegliche sentimentalität, aber auch jeglichen sinn verloren. ein mal erzählte ich ihr von einem mann, der mir in der tram begegnet war, eine begegnung, die mich sehr getroffen hatte, angestrengt hatte, die mir den boden unter den füßen weggezogen hatte. so etwas wie schicksal gibt es nicht. mathilda nahm mir alles weg, menschen, begegnungen, erinnerungen und gefühle, saugte sie in sich auf, spie sie nach kurzer zeit wieder aus und ließ alles dann so erscheinen, als wäre es ihr passiert. irgendwann gab es dann einen ihrer typischen nervenzusammenbrüche, sie war sich nicht mehr sicher, was nun noch wahr war. mein ganzes leben ist eine variante destillierter erlebnisse anderer menschen, ein paralleluniversum, etwas, das es gar nicht gibt. 

a subtle soliloquy

Untitled by smallcutsensations
mathilda. ein fragment.
      als sie ging, hat sie alle meine handtücher mitgenommen. mir fehlte sie nicht. nein, das ist gelogen, mir fehlte sie gelegentlich, vor allem aber fehlte mir dieses eine badetuch, das eine, das sie gehasst hatte, weil es die waschmaschine regelmäßig blockierte, das mit den breiten ausgegilbten rot-weißen streifen, das aus frottee, nicht aus fleece. ich hatte es die meiste zeit um meinen körper geschlungen, sie kannte mich wohl gar nicht anders. die wenigen male, die ich durch die wohnung ging, die wenigen male, die sie mich eigentlich sah, hatte ich eben jenes nun auch verschwundene stück stoff um mich herum. an den anderen hatte ich mich immer geschnitten, ich wusste auch nicht wie das ging, vielleicht war es ein sträuben meiner haut gegen die noch künstlicheren stoffe als die, die mich ohnehin schon umgaben. der gedanke an polyacrylamid, mein hereinbeißen in eine große pizza. du wirst irgendwann sterben, weil die hühnchen, die du isst, dich antibiotikaresistent gemacht haben. sie sagte alles mit vollem ernst, dabei wusste ich nie, ob sie mich dabei nicht an irgendeiner stelle auslachte.
      ich erinnere mich vorrangig an ihren rücken und die lehne ihres ranzigen schwarzen ledersessels, an den geruch von tee, den ich nie zu einhundert prozent einordnen konnte und an ihre etwas altmodische art und weise, an dinge zu denken. wenn sie mir mal wieder ihren in dicken baumwollpullovern versteckten rücken zeigte und versuchte, mit mir zu reden, sprach sie davon, wie sie die menschen sah: verlebt, gehetzt, irgendwie schal. dann dachte ich an eine flasche cola, die zu lange in der sonne gestanden hatte und jetzt so prickelnd schmeckte wie wasser in einer pfütze. vergleichen konnte man mich mit lauwarmem leitungswasser, ich schlief oft und viel, sie redete oft und viel, ihre stimme konnte man durch die wände hören, so, als wäre ihr lautstarkes organ direkt neben mir. merkwürdigerweise dachte ich dann nie daran, wie sie klang oder wie nervig es war, diesem laut ausgesetzt zu sein, ich hatte eher die krampfadern an der rückseite ihres rechten knies vor augen, die so gar nicht zu ihr passen wollten. sie stachen heraus wie ein holzsplitter auf sonst feingeschliffener oberflache, sie selbst störte sich am meisten daran, zu viel blaulilaorangerot, eine riesengroße spinne, die auf viel zu weißer haut klaffte.
      sie nahm zu viel mit und hinterließ zu viel, sie hatte sich noch nie großartig für reste ihrer existenz interessiert; das musste ein ständiger abstoßungsprozess sein, dann wieder ein inhalationsprozess, man wusste nie so wirklich, was ihr gerade durch den kopf ging. bis sie lieder vor sich hinsummte, die in sprachen geschrieben worden waren, von denen sie absolut keine ahnung hatte, hörte man in ausgewählten momenten nur die rollen ihres drehsessels und wie sie sich in ihrem zu langhaarigen teppich verfingen. sie entschloß sich dafür, dieses relikt ihrer verwirrtheit hinter sich zu lassen, mir zu überlassen. vielleicht sollte ich mich dann von ihrer präsenz reinigen können, ein schmerzvoller abschied, das wegwerfen von dingen fremder menschen. selbst hatte sie sich auch immer wieder diese frage gestellt. und wie ist das eigentlich für leute, die professionell wohnungen entrümpeln müssen? in momenten wie diesen war ihre anteilnahme relativ groß, sonst war sie unnahbar.