do me a favour

Stell dir das mal vor, Menschen, die Gefühle horten, auf Vorrat leben und fühlen. Dann für alle außer sich selbst etwas von ihnen übrig haben, so wie jemand, der verhungert, während er die schönsten Speisen vor Augen hat. Du sagtest immer, ich solle nicht deinen Rücken entlangkratzen, da fänden sich Narben vom Großwerden; ich nickte, dachte an die Narben auf meinen Oberschenkelaußenseiten und fuhr nur noch mit den Fingerkuppen entlang. Diese Ziehharmonikahaut kenne ich schließlich nur zur Genüge.
Dann erzählst du mir, dass die Leute bei dem einen Mann alle weggestorben sind und wir uns fragten, wie viel Tod auf einmal überlebt werden kann. Bruder – Sohn – Frau.
Was mich trauriger macht, kann ich dann oftmals nicht sagen, das ist so wie:
macht es dich trauriger, zu hören, wie die Straßenbahnen über dir ohne dich an Orte fahren, an denen du sein willst oder macht es dich trauriger, die Abflugtafeln am Flughafen zu beobachten, wie sie sich Aktualisieren ohne jegliches Zutun von dir?

Wir haben angefangen, das alles herauszufiltern. Schizoide Persönlichkeitsstörung, Typ: hidden. Er schweigt mit mir am Anfang jeder Sitzung und nachdem wir uns mit Handschlag begrüßt, ich die Balkontüre geschlossen habe, und wir beide Platz genommen haben auf eigentlich sehr bequemen Ledersesseln, fange ich irgendwann an zu lachen. Auf seinem Schoß liegt meine Akte, 250588G♀ oben drauf. Er schreibt auf weißen Seiten, kein Klemmbrett. 
Ich starre auf das Mobilé, das in nordöstlicher Richtung in meinem Blickfeld hängt. Geradeaus ein riesiges Gemälde mit einer Rapslandschaft. Ich starre auf die Récamière unter dem Mobilé, brauner Überzug, sehr viele Kissen, ein, zwei Decken. Da will ich nicht drauf, ich winde mich schon im Sitzen vor allem, was zu viel mit mir zu tun hat. Jedes Mal, jedes verdammte Mal dieses riesige Stück Kloß im Hals, die Schmerzen in der Brustgegend und sonst Gewichtlosigkeit, wenn er diesen einen bestimmten Punkt in mir triggert, der mit meiner frühen Kindheit zu tun hat. Da ist ein Sumpf in mir drin und ich habe Angst, ihn zu betreten, aber ich stehe nunmal schon im Morast und mir sind die Füße kalt.
An manches kann ich mich erinnern. Er erklärt mir viel, erklärt mir die Modelle, die verschiedenen Herangehensweisen der Psychologen, der Traumapäpste. Wir lachen oft und wir lachen viel. In letzter Zeit krieche ich wieder in mich hinein und schlage alle von mir fort. Ich schlafe viel, mein Interesse und meine Begeisterungsfähigkeit hält sich im unterirdischen Rahmen. Er notiert sich ob meiner Offenbarung darüber viel. Manchmal zeige ich ihm mein Notizbuch, manchmal gestehe ich ihm, dass ich manche der Begriffe, die er mir erklärt, auf Wikipedia nachschlage um einen minimalen Überblick zu bekommen. Er lacht dann, sagt mit sarkastischem Unterton: natürlich, ich lache auch und dann glaube ich zu hören, wie er gerne sagen möchte: Sie hassen es, die Kontrolle zu verlieren. Diese gottverdammte Selbstversorgung.

Und dann fange ich an auszurasten, weil mich die derzeitige Hass-Welle aus Sachsen so mitnimmt und ich erzähle ihm von dem Baumarkt, dass ich ihn kenne und noch weiß, wie es darin gerochen hat. Dass ich nicht weiß, wie ich mich noch mehr distanzieren soll von dem Sumpf, der in Sachsen wohnt. Mit ein paar einfachen Worten schafft er es, mich wieder zu beruhigen. Ich sage: ich will einfach nur ein paar Eierschalen ablegen, die noch an mir kleben von früher. Ich denke: ich bezweifle, dass ich alle losbekomme.

ich will nicht deine Liebe
ich will nur dein Wort

(Herbert Grönemeyer – Mensch)

le bal des oubliés

Manchmal schmückst du dich mit fremdem, falschem Stuck: dann habe ich Schwierigkeiten, dich zu erkennen. Oder ich rede mir einfach nur ein, dass du nicht du bist sondern ein anderes „Du“, eines mit großen und kleinen Buchstaben, alternierend. 
Das ist wie mit dem Telefon, das mich auf eine ganz merkwürdige Art und Weise nennt, von dem habe ich das ja verlangt, das ist okay, das tut nichts zur Sache. Gelegentlich sollte ich trotzdem aufpassen, die Hüllen wechsle ich auch gern.

Von Zeit zu Zeit riecht es so wie vor 8 Jahren (in Worten: acht) und die, die mit mir ein Stück liefen, stehen an anderen Punkten, fangen damit an aufzuhören und beginnen Bücher zu schließen. Als könnte ich mitreisen. Im Tunnel verlieren die Züge Öl, mittelalterliche Maschinen in modernem Gewand. Die Busse haben sie modernisiert, der gute 168, oh Russell Square, oh Senate House. 
Die Männer mit den Müllwagen, mein Platz auf dem Dach und der BT Tower. Orte: längst nicht mehr gelebt, trotzdem wiedererkannt. Oft vergesse ich meine Städte und die verschiedenen Versionen „Du“ ((du), du, Du und DU) und wenn sie mich wieder einholen, prasselt der Asphalt in mein Gesicht; nein, nicht der geräuscharme. Der laute, der helle, der mit den Noppen, der, der die Füße malträtiert.

Das war damals, das war manchmal schon okay, das tut heute nichts zur Sache. Nur bin ich mittlerweile jeden Tag wieder so müde und ich fokussiere mich auf meine Kopfschmerzen, die verhindern, dass ich weiß, wie ich mich fühle. Das wäre eventuell gut. Ich will nach Hause. Ich will zurück in die Welt ohne Filter. Mir fehlt der Geruch der Themse und das Geräusch, das Herrenschuhe machen auf frischem Teppichboden. Ich muss mal wieder nach Hause; bis ich es wieder kann, spiele ich mir diese Stadt als Alternativ-zu-Hause frei. Ich habe gehört, es soll hier viel Wasser geben.
 

C’est vrai tout ça me fascine
J’en oublie le sommeil
Et chaque fois j’imagine
Les couchers du soleil

(Paradis – Le Bal des Oubliés)

we were scared and you were beautiful

High-Deck-Siedlung, Berlin-Neukölln

Du 1:

In Gedanken fahre ich deine Hände entlang und höre dir zu beim Reden. Ich verstehe kein Wort von dem, was du sagst, aber es ist eine Sprache, die ich vielleicht lernen kann.
In meinem Kopf lebt ein Versprechen an mich selbst: mehr fühlen, weniger denken. Ich weiß jedoch, dass das zweite nicht mehr sein kann als ein Trugschluss.

In Gedanken fahre ich deine Haut entlang und ich höre dir zu beim Mich-Ansehen. Immer noch verstehe ich nicht, was du sagst, weder mit deinen Augen noch mit deinem Mund auf meiner Haut.

Über mir höre ich, wie mir fremde Leute Sex haben und ich fühle mich gestört beim Leben. Wie war das wohl damals in den Plattenbauten, wie war das wohl damals inmitten von Stahlbeton.
In meinem Notizbuch steht: Menschen beobachten, doch ich weiß nicht, wobei.

Du 2:

Ich habe dich gesehen, da an der Fensterbank. Habe dir dabei zugeschaut, wie du mir dabei zuschaust, wie ich herumsitze und warte. Habe dir dabei zugeschaut, wie du mir dabei zusiehst, wie ich Notizbücher fühle mit Gedanken über nichts.
Verschwiegen habe ich dir, dass ich über dich geschrieben habe. Verschwiegen habe ich dir, dass ich nichts geschrieben habe und verschwiegen habe ich dir auch, dass ich gerne geschrieben hätte über dich.

#romantischekackscheiße und Restrisiko steht auf dem Papier. In meinen Notizbüchern führe ich Dialoge mit mir selbst. Als würde ich mir selbst Nachrichten schreiben. Als würde mir jemand Nachrichten schreiben. Das sind bloß die Tabletten und die E-Mails wegen der kostenlosen Konzerte mit Apocalyptica, aber das verstehst du sicherlich nicht.

Du 3:

Deiner Kreativität schaue ich zu und fühle mich inspiriert. Alles was du sagst, erinnert mich an Stille. Die Form der Stille, über die man stolpert, wenn man morgens, frühmorgens, mit der U1 in Richtung Bürgertum fährt, in Brötchenduft aussteigt und im Licht badet, wenn man die Treppen zum Tag hinaufsteigt.

Ich möchte, dass du weißt, dass es mehr in deinen Arbeiten gibt als Stille. Wie die Anschläge einer Schreibmaschine hämmern die Gedanken in mir beim Konsumieren, beim Verarbeiten, beim Erleben durch meinen Puls. In meinen Fingerspitzen Erlebnisse anderer Menschen, die ich nicht verorten kann. Ich habe keine Karte, auf der ich etwas zu sagen hätte.

Du 1:

In meinem Notizbuch steht: Menschen beobachten, halb durchgestrichen, dahinter: Menschen beim Leben begleiten, dick unterstrichen, 0.7 mm Finelinerspitze, Muji.

In Gedanken sehe ich dir dabei zu, wie du mir, in Gedanken, die Haare abschneidest. Ich binde alles zusammen, was an Flusen aus meinem Kopf herauswächst und male eine Schnecke damit. Der Haaransatz ist schief. Das sieht man gut auf Fotos. Du sagst nichts.

Deine Sprache, eine Erinnerung an etwas, das ich gerne in meinem Leben hätte. Eventuell verstehst du irgendwann, warum ich weder etwas gesagt, noch irgendetwas getan hatte. Denn viel von dem, was du sagst, verstehe ich noch immer nicht. Entweder zu schnell, zu langsam oder genau richtig.

Du bist eine Insel, raue Kanten und die See, sie spült zu oft Teile weg von dir, sodass du immer wieder anbauen musst. Andere nennen das Konsistenz, ich nenne das Lebenswillen. Den würde ich gerne mit dir teilen. Und die Haut, die zwischen deinem und meinem Lebenswillen sitzt.

Du 2:

Du folgst mir in die U-Bahn, vielleicht ist es zu voll. Du riechst nach dem Restaurant, indem wir beide gerade waren und du sitzt mir schräg gegenüber.
Es ist leicht, andere offensichtlich zu beobachten. Die wirkliche Kunst, die des Begleitens, hast du noch nicht verstanden. Du siehst mir wieder dabei zu, wie ich versuche, Seiten zu füllen, während du, mich anstarrend, die Musik in deinen Kopfhörern im grenzwertigen Bereich erträgst.

Mich überkommt ein wenig Ekel, irgendwo vorher habe ich dich schon mal gesehen. Vielleicht beim Einkaufen oder beim Spazieren durch die Stadt. Ich bin eine Fremde hier und das machst du mir gerade deutlich, wahrscheinlich ohne, dass du das weißt. Ich muss aussteigen. Du steigst mit aus. Dann verliert sich meine Spur.

Du 3:

Ich schaffe mir meine Karten, ich schaffe mir meine Karten in meinen Medien, ich schaffe mir meine Medien und meine Karten und dann kann ich verorten. Effektives begleiten könnte man das nennen, Inspirationsketten, du wirst wohl nie von mir erfahren. Die Gefahr und die Freude einer Großstadt, die Gefahr und die Freude des Webs.

Gerade kann ich nicht viel sagen, ich muss schreiben. Nur so viel: Danke.

 

every morning there are mountains to climb
(Grimes – Realiti (demo))

I shut doors and windows

Untitled by smallcutsensations
Untitled by smallcutsensations

Irgendwann lerne ich meine Plattentektonik auswendig. Verstehe vielleicht, wieso es in manchen Organen Sollbruchstellen gibt und manche von ihnen Rohrkrepierer sind. Eventuell erfahre ich dann, welche Prosa erwünscht ist, welche ignoriert wird. Die Antwort habe ich schon, keine ist erwünscht. Das Knacken meiner mich begrenzenden Schichten, Implosion.
Irgendwann lerne ich die Grausamkeit der Dinge zu ertragen; immer wieder tappe ich in meine eigene Altruismus-Falle. Nicht alle lieben andere Menschen, einfach so. Und denen, die das tun, unterstellen sie eine Agenda. Nie wieder einem anderen Menschen leidenschaftlich begegnen, vielleicht nur noch Dingen; aber ich lerne doch nie, ich lasse sie nur weiter meine Erfahrungswerte bestätigen. Man muss Angst davor haben, mehr als vor sich selbst.

Immer diese Erdbeben, mehr als eine neun auf der Richterskala. Zwei habe ich schon verloren, drei kommen 2014 hinzu. Nicht mehr da, verschluckt.
Alles was ich sehe, sind Ruinen. Und man trägt noch weitere große Steine ab, zerbröselt und verteilt sie in den Wüsten über die manche mit dem Flugzeug fliegen.

Implosion. Ich kann mich nicht viel kleiner machen, der Körper frisst mich schon auf.
Es gibt mich nicht. Und es hört nicht auf, wehzutun. Nicht mein Fokus, nicht mein Fokus, nicht mein Fokus. Das hier wird niemals dreißig.

helvete

Oblivion II

Untitled by smallcutsensations

Ich sitze im Leibchen auf den Gedankenterassen dieser Welt, kaufe Bücher, die ich nie lesen, Vinyl, das ich selten hören, sehne mich nach etwas, das ich kaum bis selten sehen werde. Meine Muster und die Unvorhersehbarkeit der Hornhautbildung an den Fingerkuppen beim Schreiben, Lesen, Kreieren, beim Langfahren auf der Haut anderer Menschen. Ich denke an Frischhaltefolien, dabei ist meine eigene mit einer Art Imprägnierschicht versehen. Abgerutscht, nie gekannt, nie gefühlt.
Dabei hätte man zu gerne erzählt, was die Stille zwischen den Tönen ausmacht. So, wie ich immer den schnellsten Internetanschluss haben will, will ich immer das Absolute, keine Kopie, kein Lückenbüßer sein. Und dann verliert man Filme, verliert Originale, packt nur noch Kopien ein. Da liegt der Unterschied. Ich will ans Meer, ich will mein eigenes Manifest.

it’s hard to understand
‚cause when you’re really by yourself
it’s hard to find someone to hold your hand

Empire

Untitled by smallcutsensations

∆ 34
Ich möchte, dass du weißt, dass ich nicht mehr alles kann. Ich fühle mich nicht mehr sicher. Wenn ich das sage, ist es zu viel. Wenn ich es nicht sage, ist es zu wenig.

Es ist fast wie bei den Montagsgesprächen. Nur sitze ich bei Hedwig und nicht in der IAP. Wie geht es Ihnen? Er lächelt, ich antworte. Ich weiß es nicht. Es ist so, dass sich eigentlich nichts geändert hat im Vergleich zu vor meinem Aufenthalt. Manches ist sogar schlimmer geworden. Ich komme mit der Überforderung der Anderen nicht zurecht und ich bin dadurch sehr verletzt. Man wird schließlich nicht von einer psychiatrischen Station entlassen in einem gesunden Zustand. Bei einem gebrochenen Bein muss man auch erst noch in die Reha. Nur der Psyche gesteht man das nicht zu.
Wie sieht es mit Ihren Symptomen aus? Ich schlafe schlecht bis kaum, wache immer wieder auf. Meine Stimmung ist schlecht bis suboptimal. Ich fühle nichts mehr. Freude ist, wenn vorhanden, sehr kurzlebig. Ich ziehe mich momentan komplett zurück. Ob ich da bin oder nicht macht eh keinen Unterschied, glaube ich. Und die Suizidgedanken? Sind latent immer da. Sind sie akut? Sie sind schlimm. Und der Appetit? Ich esse nicht mehr viel, ich schätze, ich habe in der letzten Woche zwei Kilo abgenommen. Aber Sie wurden letzte Woche erst entlassen. Ja.
Der Psychologe holt meinen Stationsarzt dazu. Sie flüstern ein wenig auf dem Flur, dann kommen sie rein. So wie sie mich anschauen, fühlt es sich so an, als würden sie mich am liebsten direkt wieder dabehalten. E höre ich in der Küche lachen. Wie ist es mit der Unruhe? Es fehlen noch fünf Millimeter, dann bin ich drin. Also ist die Angst davor sehr groß. Und die Tagesverfassung? Am Morgen wache ich nicht ausgeruht auf, nachdem ich meine erste Dosis Antidepressiva genommen habe, habe ich das Gefühl, dass es besser geht. Meinen Peak habe ich zwei Stunden nach der zweiten Dosis. Gegen Abend dann laufe ich wieder gegen eine Wand.
Fühlen Sie sich bereit? Nein. Ich fühle mich wie den letzten Dreck. Aber ich möchte nicht wieder auf Station. Manchmal ist es eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Nur wenn ich halbherzig und widerwillig auf Station zurückgehe, nehme ich jemandem einen Platz weg, der es dringender braucht. Tut man das potenziell nicht immer? Ich nicke und lache ein wenig. Ich will nicht wieder zurück.

Sie versuchen einen anderen Phasenstabilisator mit mir. Ich habe Panik vor dessen Nebenwirkungen. Wenigstens muss ich für die nächsten Wochen nicht mehr zu meinem originalen Quacksalber-Psychiater gehen.

Tried to kill it all away
But I remember everything
What have I become my sweetest friend?
Everyone I know goes away in the end

haematoma diary

Untitled by smallcutsensations
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∆ 33
Und dann erinnert man sich an die Tage von vor Jahren. Wie man gelernt hat, weißt du, alles. Wie das mit dem „leise sein“ geht. Die Treppen besonders leise hochlaufen kann, ohne, dass das ganze Haus vor sich hinknarzt. Zu versuchen, keine Spuren zu hinterlassen. Nichts, gar nicht, so, als hätte es einen nie gegeben.

Die Bilder im Kopf. Du, gehend. Die Wohnungstür hinter dir zuziehend. Ich stehe noch ein paar Minuten im Flur und höre den Geräuschen zu. Stufen. Dann knallt die Haustür. Schritte. Dann die Tür zum Innenhof. Ich stehe immer noch im Flur, mir ist kalt. Nichts. Ich kann mich nicht bewegen.
Die Bilder im Kopf. Sie, auf dem Sofa sitzend, hinter der Scheibe, durch die man schauen kann, wenn man es will. Ich stehe im Flur, nahe des Treppenabsatzes. Gespräche hören. Morgen Klinik, der König aller Krankheiten hat sich in den Körper geschlagen. Ich stehe immer noch Flur, mir ist kalt. Am nächsten Tag der Zettel mit Informationen auf dem Küchentisch.
Die Bilder im Kopf. Ich, in Schweden, die Luft an der Brücke zur Ostsee ist klar. Er geht den Kai entlang, sehr weit vor mir, mit dem Rücken zu meinem Gesicht. Ich fotografiere die Schritte im Schnee. Ein paar Minuten stehe ich noch da, wie angewurzelt. Er hat nichts gemerkt, er ist fast am Strand. Mir ist kalt.

Ich habe gelernt wie das geht mit dem leisen Weinen. Da schüttelt sich nichts, nur manchmal, als würde sich etwas in einem aufbäumen, meist sitze ich dann allein im Flur.

Die Bilder im Kopf. Ich liege neben dir, es ist drei Uhr zehn, nein, deine Arme liegen um mich herum. Das ist ein Trick. Das ist ein Trick. Im Schlaf drückst du mich an dich. Das ist ein Trick. Das ist ein Trick. Ich versuche so ruhig wie möglich zu atmen, um nicht zu wecken. Das Salzwasser läuft in Strömen aus meinen Augenwinkeln auf die Kopfkissen. Mir ist kalt. Ich kann mich nicht bewegen.
Die Bilder im Kopf. Sie sitzt fast neben mir, ein paar Meter entfernt, sie spricht nicht mit mir. Sie sieht mich nicht an. In den Augen der Anderen im Raum spiegelt sich der Herrnhuther Stern, der an der Decke hängt. Ich lege zwei kleine Sachen auf den Tisch. Sie sieht mich nicht an, sie spricht nicht mit mir. Ich setze mich zurück auf den gefliesten Boden. Von draußen zieht die Luft etwas durch die geschlossene Terrassentür. Ich friere.
Das Bild im Kopf. Sie sitzt auf meinem Bett, an den Heizungsrohren, es ist früh, sie weint. Ich spüre am Oberkörper noch den Abdruck ihrer Arme vom Flur. Du bist ein toller Mensch und es geht dir gerade gar nicht gut, sagt sie, mitten in die Worte fange ich an zitternd zu weinen. Ich fühle mich schuldig. Sonst fühle ich nichts.
Die Bilder im Kopf. Der geflieste Gang, der an Hogwarts erinnert. Ich werfe meine Energie zu 150 Prozent aus meinem Körper. Du umarmst mich, du gehst. Ich kann mich nicht mehr bewegen, ich glaube, ich erfriere.
Das Bild im Kopf. Eine kleine weiße Visitenkarte zum Abschied. Sie hat vorher nie wirklich mit mir gesprochen. Wir gehen zurück nach Hause. Am Flughafen applaudieren die beiden Anderen so lange, bis ich im Sicherheitsbereich hinter dem Gate bin. Ich drehe die Visitenkarte um. Tack för att du finns. Das Flugzeug steht lange auf dem Rollfeld. Man gibt mir eine Decke, weil ich zittere.

Dann die durch die Nacht leuchtenden Worte und der gepflasterte Weg, auf dem man draußen steht. Die Buchstaben brennen, ich bin aus Holz. Du stehst ein paar Meter von mir entfernt. Schaust mich nicht an. Sprichst nicht mit mir. Ich nehme den Schal ab. Mir ist kalt. Durch die Scheibe, hinter der man etwas erkennen kann, wenn man will, stehen sie und trinken Wein. Es gibt mich nicht, ich störe. Ich möchte gerne gehen, aber ich bleibe nur stumm.

Das Bild im Kopf. Er fragt mich, wie es mir geht, ich kam gerade von zu Hause. Gut, sage ich, er nickt und geht. Ich schlucke. Zwei Minuten später kommt er wieder. Setzt sich neben mich hin. Gut, das haben wir oft genug durchexerziert. Wie geht es wirklich? Ich fange an zu weinen, es ist mir unangenehm. Er spricht von Verantwortung, sich selbst und den Nahestehenden gegenüber. Man muss sich selbst als Lehrer gegenüber Anderen sehen, so wie die Anderen Lehrer für einen selbst sind. Die Ströme in meinem Gehirn eskalieren. Meine Energie schleudere ich mit 200 Prozent ins Nichts. Und man muss es auch so sehen, sagt er, es gibt in unserem altertümlichen Gehirn drei Grundmuster: Angriff, Wegrennen, Totstellen. Der Propfen in meiner Kehle schwillt an. Man drückt bei mir oft Taste zwei und drei, sage ich. Er muss weiter. Mir ist kalt.

Ich halte mich immer wieder von neuem an Worten fest, die sich selbst wegbrennen, stehe am Ende in der Asche. Alles andere wäre bestimmt nur ein Trick. Dann gehe ich ins Bad. Ich verbrenne mir mit Absicht die Hände in heißem Wasser.

and you don’t even feel a thing