le bal des oubliés

Manchmal schmückst du dich mit fremdem, falschem Stuck: dann habe ich Schwierigkeiten, dich zu erkennen. Oder ich rede mir einfach nur ein, dass du nicht du bist sondern ein anderes „Du“, eines mit großen und kleinen Buchstaben, alternierend. 
Das ist wie mit dem Telefon, das mich auf eine ganz merkwürdige Art und Weise nennt, von dem habe ich das ja verlangt, das ist okay, das tut nichts zur Sache. Gelegentlich sollte ich trotzdem aufpassen, die Hüllen wechsle ich auch gern.

Von Zeit zu Zeit riecht es so wie vor 8 Jahren (in Worten: acht) und die, die mit mir ein Stück liefen, stehen an anderen Punkten, fangen damit an aufzuhören und beginnen Bücher zu schließen. Als könnte ich mitreisen. Im Tunnel verlieren die Züge Öl, mittelalterliche Maschinen in modernem Gewand. Die Busse haben sie modernisiert, der gute 168, oh Russell Square, oh Senate House. 
Die Männer mit den Müllwagen, mein Platz auf dem Dach und der BT Tower. Orte: längst nicht mehr gelebt, trotzdem wiedererkannt. Oft vergesse ich meine Städte und die verschiedenen Versionen „Du“ ((du), du, Du und DU) und wenn sie mich wieder einholen, prasselt der Asphalt in mein Gesicht; nein, nicht der geräuscharme. Der laute, der helle, der mit den Noppen, der, der die Füße malträtiert.

Das war damals, das war manchmal schon okay, das tut heute nichts zur Sache. Nur bin ich mittlerweile jeden Tag wieder so müde und ich fokussiere mich auf meine Kopfschmerzen, die verhindern, dass ich weiß, wie ich mich fühle. Das wäre eventuell gut. Ich will nach Hause. Ich will zurück in die Welt ohne Filter. Mir fehlt der Geruch der Themse und das Geräusch, das Herrenschuhe machen auf frischem Teppichboden. Ich muss mal wieder nach Hause; bis ich es wieder kann, spiele ich mir diese Stadt als Alternativ-zu-Hause frei. Ich habe gehört, es soll hier viel Wasser geben.
 

C’est vrai tout ça me fascine
J’en oublie le sommeil
Et chaque fois j’imagine
Les couchers du soleil

(Paradis – Le Bal des Oubliés)

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fake plastic earth

wir sitzen im Gang so halb im Licht
ich fühle mich wie du
Pluto, Zwergplanet, nichts komplettes
an der Birkenstraße haben sie die
Fliesen von der Wand geschlagen
die Tiere werden unruhig
denn die Züge fahren im Takt

und das Schöne dabei:
mir gehen dann durchaus die Worte aus

but gravity always wins
(Radiohead – Fake Plastic Trees)

Let ‚em in

27 6 15

Ich lerne, dass die Spree ein Knie hat und frage mich, wo ihr Fuß ist, wo ihr Kopf. Das Lachen darüber, dass ihre großen Ecken und Kanten nichts weiter sind als Randnotizen. Wir gehen alle in ihr auf, da hinten, in Erkner oder auf der anderen Seite von Brandenburg. 

In der vierten Etage erzähle ich ihm davon, dass ich seit Oktober letzten Jahres nicht wollte, dass man mich irgendwo sehen kann. Nirgendwo in einer Dokumentation findet, nicht mal in meiner eigenen. Nicht wollen, dass man sehen kann, was ist. Er fragt mich, ob ich ahne, woran das liegt; dabei lösche ich gelegentlich, ausgiebig, intensiv mein Gesicht von unwirklichen Orten und so wie ich nicht will, dass ich andere störe, will ich keine Spur hinterlassen. Keine Daten, keine Erinnerung, nichts von mir war jemals wahr.
Ein halbes Jahr verschwinden, wenn nicht sogar länger: selbst das hört irgendwann einmal auf. Eigentlich habe ich mich vor nichts zu verbergen (auch nicht von mir), ich mag es roh und pur und treffend.

(Das habe ich lange nicht mehr getan, das Sich-Selbst-Portraitieren und es fühlte sich bis zu einem Grad sehr falsch an und auch auf der anderen Seite wiederum sehr richtig, weil ich immer noch weiß was ich tue und meine Haut so gerne in der Farbe meiner Wände verschwindet, vielleicht spricht sie dann für mich und den Kopf und das Stück schwarzes Loch in meinem Kopf, aber ich hätte das manchmal schon gern, dass man all das so nimmt, wie es ist und dass man trotzdem meine Hand nehmen mag dabei und sie loslässt, wenn ich das brauche und ich das zulasse.)

2 7 15

Du sagst, du hast Angst vor der Angst und du listest in feinsten Einzelheiten auf, was nicht funktioniert. Obsessiv bearbeitest du die Leerstellen in Interpretationsspielräumen. Hat man dir nicht beigebracht, dass es in den Menschen keine Belegtextstellen gibt? Stattdessen liest du von Leuten, die in Legenden wohnen und denen du dich anvertrauen möchtest, bevor dir die Argumente gegen – etwas, dich, andere – ausgehen.

(Oh, ich musste stehen bleiben und schreiben und dann im Abendwind sitzen und ich weiß nicht, wie ich sagen soll, dass es mir gefehlt hat, dieses Atmen und Leben und dass ich es mag, wenn es zwiebelt und mich an London erinnert und ich manchmal vor mich hinseufze, wenn mich etwas erinnert an Waterloo Bridge und die Themse darunter und an die schlaflosen Nächte und die Zeit, die ich auf Dächern verbrachte.)

3 7 15

Du wachst auf in Betten, die deine sind und doch wieder nicht und du stellst die Ohren auf und horchst. Lässt dir den Kopf richten und aufsetzen und gehst dann in einem anderen Zustand wieder unters Volk, so, als hättest du deinen Aggregatzustand geändert oder deine Form. Dann hörst du den Leuten zu beim Reden und sammelst ein paar Gesprächsfetzen, als wären sie Ballons und als würde dich das Aufnehmen der Gedanken so hoch sprechen lassen wie Helium.

(Er sagte mir, ich soll mehr Signale lesen, ich soll mehr erlauben zu verstehen und loszulassen und die Kontrolle abzugeben und die Mauer abzubauen und vielleicht meinte er dann auch, dass ich mehr leben soll und dann wusste ich oft nicht, wieso die Dinge eigentlich so einfach sind, wenn man sie mir aus meiner Perspektive und mit meinen Narben und Mustern erklärt und ich mich manchmal mit manchen Menschen sehr sicher fühle und ich das nie sagen kann und vielleicht geht es ja auch darum, das mal loszulassen und zu sagen: du, ich mag dich, ich fühle mich sicher, ich habe keine Angst. Keine Mauern mehr, vielleicht, vielleicht lerne ich das gerade erst.)

do me a favour
open the door
and let them in
(Wings – Let ‚em in)