we need to be nicer

Untitled by smallcutsensations

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∆ 27
Ich trage meine Kreuze und die der Anderen. Verpasse es manchmal, sie abzulegen, zehn Tonnen Gewicht auf den Schultern. Wenn man sich mit Abschiedsgedanken trägt, die alten Verständlichkeiten in Seidenpapier eingewickelt. Der Knoten in der Brust, Fragen nach einem anderen Tag.
Ich fülle die Lücken in den Steinen, Kanten, es wird rund, man spürt die alten Brüche noch. Darüber schreiben, um zu erfahren, um erleben zu können – mit und ohne Filter vor dem Inneren.

Manche sammeln Menschen wie Murmeln, sie rollen durch den Körper, zumindest tun sie das bei mir. Der Schatzjäger in einem und die Versprechen, die Andere nicht halten können. Dabei habe ich mich schon in Grund und Boden geblutet.

en

I carry my own crosses and those of others. At times, I miss out on setting them aside, a weight of ten tons on my shoulders. I carry thoughts soaked in goodbyes with me, tissue paper wrapped around what used to be self-evident. Knot in the rib cage; me, continuously asking for a different, a new day. I fill the gaps in-between stones, edges, I turn them into something smooth. You can still feel the old cracks. Writing to experience, to witness – with and without a filter, a shield in front of the core.

Some collect people as they would collect marbles, they roll through the body or at least they do so in mine. The treasure hunter within and the promises others are not able to keep. But I have already bled myself into the ground.

for the good times
and bad times we know will come
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my backwards walk

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Tanja, Frankfurter Allee, Juli 2014

Berlin, ich wasche meine Adern rein. Keine Fremdkörper mehr, keine Teile, die nicht in meinen Körper gehören. Berlin, ich wasche mir die Seele aus dem Blut. Als hätte man es nicht geahnt, rumort es dabei fleißig in einem drin, das Rattern der Untergrundbahn in meiner Peripherie. Frühe Tage und ein etwas verschlafenes Fragen danach, wie es jetzt weitergeht. Als hätte man seine Unschuld an den Chemiekäse verloren, der in Scheiben in Plastik abgepackt ist.
Der kleine Exorzismus für unterwegs, das kann man besonders schlecht, also wählt man die langanhaltend schmerzhafteste Variante. Gelernt hat man es schließlich nicht anders. Das Glauben daran, dass alles gut wird, ein wenig verwaschen, aber noch da.
Durchleben verschiedener Altersschichten, wie man sich immer absichert, dann aus Leben herausgeschmissen, herauskatapultiert wird.

Ich bin etwas unterkühlt, das machen die Weichen in mir drin.

Berlin, ich hätte es wissen müssen. Zwischen unseren Füßen lag schon am Anfang Lametta, lag am Anfang schon Konfetti. Das war das Zeichen. Dass ich zu früh gefeiert hatte. Zu früh für bare Münze nahm, was ich fühlte, was man mir sagte.
Berlin, du bist mein Krankenhaus, mein Rattenköder, meine Ruine.

and I’m knee-deep in it

Univers

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Die Abwesenheit der Dinge.

Damit wären dann auch die Tasten wieder entstaubt, das kann man gut an ausgewählten Tagen, wenn ich keine Acrylfarbe unter meinen Fingernägeln hervor ans Tageslicht pulen muss. Ich gehe stattdessen um mit mir, als wäre ich kein rohes Ei, als wäre ich ein Fels, als würde man an meiner Kruste schaben und nagen können, als würde das Meer nicht ständig Partikel abtragen, als würde nicht ständig etwas von meiner Hülle in den Weiten des, eines, meines Nichts verschwinden. Als würde es dieses schwarze Loch in meinem Kopf nicht mehr geben.
Aber all das wäre gelogen, das weiß man selbst nur zu gut, das weiß man meist erst, wenn die Beine einen nicht mehr tragen und wenn man an dem einen oder anderen Tag einfach nicht mehr aufstehen mag. Man gewöhnt sich an alles, man kann an dem einen Tag die Anderen schon denken hören, man kann dann hier und da am nächsten Teil eines nicht vorhandenen Gesprächs die Fäden ziehen. Die Tasten werden es einem danken.
Das sind die, die sich von selbst auflösen, nein, das sind die, die ähnlich wie Titanschrauben durch die Haut fahren, die, die drinbleiben, die, die man nie wieder loswerden kann. Ich hoffe, du verstehst, was ich meine. Ich trage meine Narben gelegentlich auch nach außen, das tut dann weh, das ist unangenehm, das fühlt sich an wie ein Schuss ins Genick. Aber schreiben muss man, schreiben muss man immer, ich weiß nicht, ob Henning das jemals wird verstehen können, wenn ich für ihn nur in Konjunktiven denke und rede und mir nichts anderes vorstellen kann, als seinen Konjunktiv in meinem Kopf, in meinen Gefäßen zu behalten.
Es rumort in uns und wir werden niemandem davon erzählen. Weder einander noch den Anderen. Die Worte trennen doch so schön, sie zwiebeln sich durch die einzelnen Hautschichten, bis sie an den Kern herankommen. Das hat man mir dann wohl auch nie beigrbacht. Oh, immer dieses Leben in einem Vielleicht, in einer Grauzone. Es kann funktionieren, man muss nur die richtigen Tasten treffen. Die verfehle ich mit ähnlicher Treffsicherheit wie die Worte, die ich dir hätte sagen sollen. Damals, du verstehst das schon noch irgendwann.
Bis dahin muss ich wohl oder übel durch die einzelnen Stadien hindurchwachsen, durch die, die du noch nicht kennst.

I want to see you dance again

*Univers von Adrian Frutiger

Weiß Antiqua

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∆ 26

Erklären könnte man vielleicht, was es gibt, das da zwischen den Tagen hängt. Denen, an die du dich ungern erinnerst. Man könnte die unterschiedlichen Arten von Lettern nehmen und mit uns vergleichen. Wir sind gesetzt, ähnlich frei und fest wie die einzelnen Buchstaben im Setzkasten und doch ergibt sich erst später das Ensemble, diese merkwürdige Art, die zwischen den Menschen wohnt.
Weil das so nah ist, dass mir die Lippen bluteten und ich am nächsten Morgen Kerben an meinen Schneidezähnen fand. Es hat so wenig zu tun mit den Kleinigkeiten zwischen den Zeilen, die alles diffuser machen als eigentlich nötig.

Das Vergessen der Viadukte und der Geruch des Fernverkehrs, den ich schon in Dresden immer mit Berlin verband. Leer ist der Zug, keine Bange, auch ich würde nicht freiwillig hier rausfahren, doch vielleicht kann ich dich irgendwann mal dazu überreden, mitzukommen. Nicht nur, weil die Sommer sich nicht mehr so anfühlen wie früher, als Kind, vor Jahren, sondern auch, weil die Zeit – man kann es nicht oft genug sagen – sich viel zu sehr beeilt. Weil die Sommer sich jetzt so anfühlen, wie sie es tun, weil wir sie in fast allen Facetten selbst gestalten können.
Doch vielleicht war das auch nur der Klang eines Echos von Leben, die vor Generationen schon gestorben sind.

and you know
I don’t remember a thing
I don’t remember
a thing

Agenda

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∆ 25

In Körpern wohnen, die nicht nur die Bezeichnungen in den Anatomiebüchern verdient haben. Erinnerungen, gelernte und abgestoßene Muster wachsen innen, ergeben die Rinde nach außen. Würde man Seelen aufschneiden können, würde man bestimmt auch ihre Jahresringe sehen. Die Zeiten ohne Berührung, du weißt, welche ich meine, und die mit wohligwarmem Brennen in der Gegend um den Brustkorb – auch hier: du weißt, welche ich meine. Und dann all die Lücken dazwischen.
In die Winkel kriechen, an die Stellen, an die das Licht kommt. Mal viel, mal wenig. Dann versuchen, zu verglühen, dann versuchen, nichts von all dem ernst zu nehmen. 
Weil es wehtut, sich konstant offenlegen zu müssen, sich wiederholen zu müssen. Und dann weiß ich nicht, wie ich dir verständlich machen soll, dass die Tage wieder kürzer werden und sich die Zeit noch mehr beeilt als noch vor ein paar Wochen, dass diese Dringlichkeit wächst und die Bedrohungen dieser Welt nicht weniger werden. Ich sehe mich um und alles ist aus Gold, vielleicht halte ich mich aber auch nur an das Licht, das seit Februar in meinen Blutbahnen fließt.
… and complications

Johnston Sans

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∆ 24

Mein Haar ist zu schwer, es drückt mir auf den Kopf und es zieht sich selbst nach unten. Ich beobachte, wie die Eiswürfel im Glas meines Gegenübers anfangen vor sich hinzuschmelzen. Er stellt mir Fragen und ich meine, so zu antworten, wie es sich richtig anfühlt. Über uns lachen sie, weil auf der anderen Straßenseite ein halbnackter Mann steht, der auf einer Handpfeife spielt. Der Abend ist warm, ich denke an letzte Woche.
Ich erinnere mich an London, weißt du, ich stand oft in der Schlange im kleinen Sainsbury’s in Charington Cross Road und wie ich diese Panikattacken hatte, wenn das Licht flackerte und die Abreise näherrückte, machte damals keinen Sinn, es macht selbst jetzt noch keinen Sinn. Das Hinterfragen von dem was vor sechs Jahren geschehen ist bringt mich nicht weiter. Auf dem Bildschirm über den Kassen lief immer Chocolate von Snow Patrol, die Worte kann ich noch immer auswendig.

Bewegungsmuster also, drei Mal in sechsundzwanzig Jahren, Wichtigkeit hier, Jahreszahlen da. Ich mag nicht um Zuneigung betteln müssen. Das Leere füllen, Unendlichkeit begrenzen, dafür sind wir zu menschlich, das ist da drin, tief im Kern. Ich mag mich nicht immer und ständig offenlegen müssen, das tut selbst mir weh.

Die Profile sind es also, am Morgen sind sie es immer. Der Mann, der an einem der Poller steht, gegen die ich immer laufe, sieht aus der Ferne aus wie Ai Weiwei. Und an den Hauswänden entlang kriecht die Magie von mir in eine dir bekannte Richtung.


I swear I’ll never give in, I refuse

Garamond

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Ob er denn wisse, dass es eine Schriftart gibt, die seinen Namen trägt, das fragte ich ihn auf dem Weg vom einen Tisch zum anderen. Er sagte, er interessiere sich nicht sonderlich für das, was man mit Wort und Schrift machen könne, er habe andere Schwerpunkte. Aber die gelben Reclam-Heftchen, die lese er sehr gern. Gedanken an mein Elternhaus und daran, dass ich die Worte bald riechen kann: meine, andere, mir nicht so nahe. Und dann musste ich lachen und mir vorstellen, was du wohl gesagt oder gedacht hättest.

Varian-Fry-Straße
Weil ich es fühlen kann, ist es wahr. Weil ich lernen möchte, wie das mit dem langsamen Tanzen geht.

Kurfürstendamm (11:39)
Weil ich immer an die Haut denke, die zwischen Kopf und Schulter wohnt.