Univers

Untitled by smallcutsensations

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Die Abwesenheit der Dinge.

Damit wären dann auch die Tasten wieder entstaubt, das kann man gut an ausgewählten Tagen, wenn ich keine Acrylfarbe unter meinen Fingernägeln hervor ans Tageslicht pulen muss. Ich gehe stattdessen um mit mir, als wäre ich kein rohes Ei, als wäre ich ein Fels, als würde man an meiner Kruste schaben und nagen können, als würde das Meer nicht ständig Partikel abtragen, als würde nicht ständig etwas von meiner Hülle in den Weiten des, eines, meines Nichts verschwinden. Als würde es dieses schwarze Loch in meinem Kopf nicht mehr geben.
Aber all das wäre gelogen, das weiß man selbst nur zu gut, das weiß man meist erst, wenn die Beine einen nicht mehr tragen und wenn man an dem einen oder anderen Tag einfach nicht mehr aufstehen mag. Man gewöhnt sich an alles, man kann an dem einen Tag die Anderen schon denken hören, man kann dann hier und da am nächsten Teil eines nicht vorhandenen Gesprächs die Fäden ziehen. Die Tasten werden es einem danken.
Das sind die, die sich von selbst auflösen, nein, das sind die, die ähnlich wie Titanschrauben durch die Haut fahren, die, die drinbleiben, die, die man nie wieder loswerden kann. Ich hoffe, du verstehst, was ich meine. Ich trage meine Narben gelegentlich auch nach außen, das tut dann weh, das ist unangenehm, das fühlt sich an wie ein Schuss ins Genick. Aber schreiben muss man, schreiben muss man immer, ich weiß nicht, ob Henning das jemals wird verstehen können, wenn ich für ihn nur in Konjunktiven denke und rede und mir nichts anderes vorstellen kann, als seinen Konjunktiv in meinem Kopf, in meinen Gefäßen zu behalten.
Es rumort in uns und wir werden niemandem davon erzählen. Weder einander noch den Anderen. Die Worte trennen doch so schön, sie zwiebeln sich durch die einzelnen Hautschichten, bis sie an den Kern herankommen. Das hat man mir dann wohl auch nie beigrbacht. Oh, immer dieses Leben in einem Vielleicht, in einer Grauzone. Es kann funktionieren, man muss nur die richtigen Tasten treffen. Die verfehle ich mit ähnlicher Treffsicherheit wie die Worte, die ich dir hätte sagen sollen. Damals, du verstehst das schon noch irgendwann.
Bis dahin muss ich wohl oder übel durch die einzelnen Stadien hindurchwachsen, durch die, die du noch nicht kennst.

I want to see you dance again

*Univers von Adrian Frutiger

Lucida Grande

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In meinem Kopf, anstatt außen auf der Stirn: Kains Mal, ich habe sie in Gedanken alle dekonstruiert, ich habe nichts anderes getan als das, weswegen die anderen Menschen von den Orten gehen, verschwinden. Henning, seine dekonstruierte Gestalt und die Hülle, die nicht zu dem passt, was ich kenne vom Leben. Da ist nichts mit Inhalt, da ist nichts, was ich lieben könnte. Noch nicht einmal im Ansatz.
Meine Mutter ist tot und doch hat sie sich in meinem Kopf wiedergeboren, hat die getötet, die ich dachte zu kennen und richtet sich seitdem gegen mich.

Man hätte wohl Abschied nehmen sollen als noch die Möglichkeit dazu vorhanden war, Gebeine, physischer Abschied. Das nennt man wohl die Idee, dass man sich stattdessen von einem Konstrukt im Kopf hat verabschieden müssen.
Deswegen macht nichts mehr Sinn.

Henning, der nicht locker lässt, trotz Fäusten, die man ihm ins Gesicht schlägt. Da hat wohl jemand ein unendliches Energiereservoir. Die kleinen Menschen, die ihn beobachten, wenn er in Wartezimmern sitzt oder in Bahnhöfen steht.
Von der Angst erzählt er zur Genüge, von der Angst, Leute nicht mehr wiederzusehen, die sich mal in sein Leben katapultiert haben. Aber das heißt nicht, dass man uneingeschränkt bleiben muss. Das heißt nicht, dass ich das annehmen kann.

you cover your tracks
where the hell do you hide?
and I’m always surprised
as if it was the first time
(Francis International Airport – Bug)

will you return from your odyssey

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Snippet/Fragment. Die Abwesenheit der Dinge.

Gelegentlich zerlegt er die Einrichtung seines Wohnzimmers, meist ruft er mich an, wenn er gerade seine Wut sich hat komplett entladen lassen und er zwischen Holzstücken und Glassplittern sitzt. Er schnieft nicht, er ist ganz still. Dann weiß ich genau, dass es die Art von Wut war, die er braucht, damit er in meiner seiner unserer Stadt nicht verlorengeht und an ein wenig herumtoben kann man eigentlich nichts verkehrtes finden, es sei denn, man kann mit dem Loch danach nicht umgehen. Hennings Gesicht verkommt danach immer zu einer Art dunkelroten Zwiebel, mit Vorsicht muss man ihm die belastenden Hautschichten Stück für Stück von der Seele pulen, um freizulegen, worum es dieses Mal wirklich ging.
All die Menschen, die er gefunden hatte, die aber nicht in seiner Nähe bleiben wollten.
„Und wenn du einfach darauf wartest, dass dich jemand findet?“
„Da kann ich mich ja gleich in mein Grab legen, kommt sowieso niemand.“
Ich nicke am Telefon und weiß, dass er das nicht mitbekommt. „Henning, du bist merkwürdig.“
Er lacht, er schnaubt also nicht mehr vor Wut, Enttäuschung, Trauer, selbst zu hoch gesetzten Erwartungen.
In der Bar sind unserer Erwartungen so hoch gewesen wie selten zuvor. Sein schwarzer Mantel, das Buch vor seinen gepflegten, feingliedrigen Händen, seine Rotweinzähne. Irgendwie zusammengefaltet, irgendwie wohlig warm. Als hätte er nur darauf gewartet, dass jemand kommt, den er in seine Höhle mitnehmen kann und der nicht schon beim Gedanken daran schreiend wegrennt.
„Ich bin auf Wohnungssuche und tingele von einem Ende der hippen Viertel zum anderen, eigentlich will ich nur schlafen,“ konstatiere ich für mich, eigentlich soll das niemand hören.
Er sieht schelmisch in meine Richtung und schiebt seine gerade bestellte Flasche Bier über den Tresen in meine Richtung. Der Barkeeper, Giacomo, beäugt uns argwöhnisch. Giacomo wird sich erst später vorstellen.
„Trink das hier, da geht das mit dem Schlafen schneller.“
Ich denke an einen alten Spruch über Bier und Wein und nippe an der Flasche, obwohl mein Vater mich immer davor gewarnt hat, Getränke mir nicht bekannter Menschen zu trinken. Das ist unvernünftig und deshalb bestelle ich mir zur Sicherheit lieber einen hochprozentigen Cocktail.
Henning und Giacomo lachen. Halb widerwillig bekomme ich vom Mann hinter dem Tresen das gewünschte gemixt. „Kleines, als Tipp, nimm lieber ne Flasche Wein. Alles andere steht dir nicht.“
Hennings rote Zähne, manche von ihnen etwas schief, aber trotzdem wohlgeformt, bleiben immer öfter sichtbar. Wir fangen an zu reden. Ich habe sowieso keinen Ort, zu dem ich muss, ich weiß sowieso nicht, wo ich hinsoll.

the trace is covered well 
I miss your smile 
sundays are long 
will you return? 
from your odyssey

and at once I knew I was not magnificent

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Die auf meinem Fensterbrett verwesenden Tulpen und Narzissen bedecken mein komplettes Wohnzimmer mit einem säuerlich abgestandenen Geruch, der irgendwo zwischen Gestank und Merkwürdigkeit angesiedelt ist. Nach einiger Zeit des Wachseins, der Schlaf auf dem harten Sofa war zu unangenehm, wechsle ich den Raum, gehe in mein Schlafzimmer und setze mich auf einen auseinanderbrechenden Holzstuhl, um über mein Ich nachzudenken; das Problem ergibt sich schon nach wenigen Sekunden: ich habe nichts spezielles, über das ich nachdenken muss, vor mir prangert ein weißes, leeres, langweiliges Blatt Papier und während der eine oder andere das vielleicht als Chance sehen kann, ertrage ich den mir selbst auferlegten Druck nicht. Meine Zeitfenster funktionieren nie, in einer Höhle habe ich mich vergraben, nur ein kleines Fenster in einen grauen Innenhof ist mein Ausblick; schließlich kann ich nicht über nichts nachdenken, von nichts erzählen, wenn ich immer nur auf alles schaue und mit niemandem so recht leben kann. In meiner Wohnung gibt es keine laut tickende Uhr, kein permanent laufendes Radio, mein Kühlschrank ist viel zu leise, weil zu neu, die Fenster sind überraschend schalldicht und vor den kleinen Spalt zwischen Wohnungstür und Türschwelle liegt eines dieser furchtbar aussehenden Stofftiere, die den Durchzug verhindern sollen und im Nebengang alle Geräusche von außen abtrennen. Kein Ton, kein Beweis der vergehenden Zeit zwischen dem Nach-Hause-kommen nach der Arbeit und dem absolut überwältigend störenden Muss des zu-Bett-gehens. Oder bin ich einfach nur zu digital, um mich selber noch bemerkbar zu machen?
Ich fahre mit den Fingerspitzen den Schrank neben meinem Schreibtisch entlang und öffne eine der schwergehenden Schubladen: einige Kilo Papier mit Fotografien auf ihnen, durcheinander, manches schon angegilbt, diverses absolut unbrauchbar, Material von Momenten, die ich nicht festhalten konnte; ich schiebe die Lade wieder in ihre ursprüngliche Position und wende mich dem Weiß vor meinen Augen zu, das auch in den letzten Sekunden keine andere Form angenommen hat. Über meinem Kopf poltert irgendwer über die Dielen, schreit eine Runde und schmeißt Schweres auf den Boden, ich störe mich an den Geräuschen und setze Kopfhörer auf, die allerdings keine Musik abspielen werden, so viel weiß ich schon. Das muss die Familie mit den beiden erwachsenen Kindern sein, die, wenn sie mir gelegentlich im Treppenhaus begegnen, pflichtbewusst grüßen und die man im Nachgang über einen reden hören kann. Gedanken an das alte Leben hinter vorgehaltener Hand, die Wut im Gesicht wächst dann manchmal, bricht aber nie nach außen. Hat irgendwer damit angefangen oder war das schon immer so? Dieses sich stören an den Menschen, den anderen, der Mehrheit, die einen nicht annehmen mag oder die man selber als überflüssig erachtet.