ruin

Untitled by smallcutsensations

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001.

„Manuel Neuer macht Werbung für Tapetenkleister,“ sagt sie und stellt die Pappschachtel wieder zurück ins Regal, ungläubig. Die Leuchtstoffröhren, die an den Decken der Gänge im Baumarkt hängen, bewegen sich hin und her. Draußen ist Sturm, nein, Herbst; sie verkriecht sich immer hier. Zwischen Tapeten, Farbe und Kleister.
Vor genau einem Jahr hat sie sich einen Klappspaten und eine Harke gekauft, nach zwei Tagen hat sie sie zurückgebracht. Sie hat weder einen Garten noch genug eigene Erde, die sie umgraben könnte. Nachdem der Bauer, dessen Feld sie begann, umzugraben, weil sie dachte, sie würde ihm damit etwas Gutes tun, sie mit einem alten Jagdgewehr vertrieb, ließ sie es sein. Im Nachgang hat sie die Abteilung, in der sie sich vorrangig aufhält, gewechselt.

In diesem Gebäude kennt man sie schon. Jeden Freitag ab achtzehn Uhr und jeden Samstag läuft sie durch die Regale, sie schaut den anderen Leuten beim Einkaufen zu. Der gelassene Mann mit seiner nörgelnden, nach weißen, opulenten Briefkästen suchenden Frau und den beiden kleinen Kindern, die schreiend die weiten Wege ausnutzen. Das junge Paar, das sich gerade die Fliesen für das neue Bad aussucht. Der Rentner, der die Weihnachtsbeleuchtung kauft, die wie jedes Jahr seinen Balkon so erstrahlen lässt, als wäre er der Weihnachtsmann persönlich. Die Kassierer, die in einer Stimmung zwischen gelangweilt und höchst angespannt den Barcodescanner in die Luft halten oder kleine Artikel übers Band ziehen.
Vor dem Haupteingang steht einer dieser Wochenmarktwagen, die gegrillte Hähnchen und Bratwurst verkaufen. Den Männern mit den großen Bäuchen, die regelmäßig davor stehen, läuft oft das alte stinkende Bratfett die Finger herunter in die Handflächen und auf die Ärmel. Manchmal stehen ihre Ehefrauen oder Töchter neben ihnen und meckern. An solchen Tagen beißt sie besonders herzhaft ins Fleisch, das weder besonders gut schmeckt noch sie sonderlich sättigt.
Am Abend findet sie oft Essensflecke und Reste vom Fleisch auf und in ihrer Kleidung. Als hätte sie es nie gelernt, richtig zu essen.

Dem Markt vorgelagert ist ein Parkplatz für mehr Automobile, als sie es wagt sich vorzustellen. Schlimm wird es für sie erst dann, wenn sie die Besitzer, deren Autos und deren Hunde beginnt, miteinander zu vergleichen und Ähnlichkeiten feststellt. Selbst fährt sie Rad, im Winter ist das sogar gefährlich, vor allem für andere.

„Das kommt alles nur von C.,“ sagt sie laut und bereut es zugleich wieder. Sie fragt sich, ob ihr der Mann mit dem Rasenmäher im Einkaufswagen zugehört hat. C. hätte nicht sagen sollen, dass H. tot ist. C. hätte gar nichts sagen sollen. Nicht, wie er starb, nicht wie er gelebt hat, nicht, wie er C. und seine Frau betrogen hat. C. hätte nicht gehen sollen, C. hätte nicht an sich selbst krepieren sollen. C. hat die Dinge nie an die Oberfläche gespült. Man kannte sich gut. Ja, C. kannte sie ganz gut, das kann man wirklich so sagen.
Sie vermutet, man unterstellt ihr eine Krankheit. Eine, die macht, dass sie so häufig da ist. Dabei hat C. nur von Vorhaben gesprochen, C. hat immer so viel erzählt, so viel belangloses. Wie weich die Konturen auf Gemälden wirken, wenn man sein Gesicht so nah an die Farbschichten hält, dass man die Nase beinahe hineinstupsen könnte.

– Aber das sollte man niemals jemandem sagen, der in einem Museum arbeitet.
– Wieso?
– Weil die Farbe deinen Atem nicht mag. Die messen doch selbst die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit im Raum, da solltest du nichts machen, was den Gemälden schaden könnte. Oder der Farbe, die in Rahmen eingekeilt an den Wänden hängt.

Im Baumarkt messen sie nichts. Sie bieten nur die Geräte an, mit denen man alles messen kann, was sich messen lässt. Thermometer der unterschiedlichsten Ausmaße, für drinnen und draußen, Barometer, ganze Wetterstationen, Spannungsmesser. Vielleicht gibt es auch neben den Zollstöcken etwas, das den Abstand zwischen den Menschen misst. Also den gedachten Abstand, nicht den realen. Aber das wäre wohl zu schwierig.
Seit Monaten bekommt sie den Geruch von Alpina Weiß nicht mehr aus den Nasenflügeln raus. Die Holzabteilung ist ganz in der Nähe: Spuren von Spänen auf dem Boden vor ihr. Die Bretter kann man sich hier zurechtschneiden lassen, nur weiß sie nicht, wieso das direkt neben der Farbabteilung sein muss. C. regt sich nicht über solche Kleinigkeiten auf, sie ist sehr anspruchslos. C. will nur weiß auf Raufaser und Fotochemikalien im Bad, ein Mal pro Monat oder seltener. Mehr sagt C. ihr nicht über ihre Wohnung. In ihrer Wohnung war C. noch nie, sie wüsste gar nicht, wie sie das bewerkstelligen sollte. Man trifft sich auf neutralem Terrain, vor allem, seit sie von H. und seiner Frau weiß. Aber ja, C. und sie, sie kennen sich trotzdem wirklich ziemlich gut.

Neben ihr schreit irgendjemand nach einer Fototapete mit Buddhamotiv. Ein paar Leute, die in seiner Nähe stehen, schütteln beschämt den Kopf. Sie weiß nicht, was C. dazu sagen würde. Eventuell würde sie auf ähnliche Art und Weise den Kopf schütteln oder aber sie würde wieder von H. reden. Wie er gelegentlich die Kontrolle verlor über sich und sie sich plötzlich auf dem Boden im Wald wiederfanden.

– Das darfst du niemandem sagen. Das geht nur mich etwas an. Nichts darfst du anderen erzählen, es ist mir nicht geheuer, wenn man zu viel von mir weiß.
– Warum sagst du mir all das?
– Weil er weg ist. Und du mich nie so kennen wirst wie er.

Sie sitzen im Bus nebeneinander, jeden Tag, C. erzählt ihr, wie es ihr so erging. Wenn sie C. Fragen stellen möchte, wird sie ignoriert. C. dirigiert die Gespräche, C. muss arbeiten an Freitagen und Samstagen.

Man hat immer etwas vor, oft vergisst man, wie viel das eigentlich ist. Etwas Gutes tun, die Spüle reparieren, die Blumenkästen auf dem Balkon mit Tomatensamen füllen, damit man irgendetwas davon hat. Hier ist man mit diesen Vorhaben nicht allein, vielleicht liegt es daran. Sie trifft hier nie die gleichen Kunden, an Freitagen und Samstagen geht normalerweise niemand freiwillig in solch große Läden.
Vor ein paar Wochen wurde sie gefragt, ob es ihr gut gehe. Sie hat genickt und sich umgedreht und eine in ihren Augen außergewöhnliche Farbe anmischen lassen. Die Verkäuferin war zufrieden und weil sie nie gehen kann, ohne irgendetwas gekauft zu haben, stapeln sich in ihrer Wohnung mittlerweile die Farbproben, die großen Eimer, die sie mit ihrem klapprigen Fahrrad den Berg hinauf transportiert hat. Sie macht nichts damit, sie mag den Geruch von Neuanfängen, den die Tuben und Behälter versprechen. Hier ist sie nicht so allein mit diesem Gedanken, alle haben ihre Projekte, sie muss sie mit niemandem teilen, die riesige Fläche, auf die sich ihre Hirngespinste verteilen, macht es ertragbar.
Trotzdem bleibt C. wie eine dunkle Wolke über ihr hängen. Orte, die so wenig wie möglich mit C. zu tun haben oder mit H. Sie will nicht, dass C. sich in diesen Ort verlieben kann, sie will nicht, dass C. ihn ihr wegnimmt, indem C. ihr von ihm erzählt: wie sie ihn durch ihre eigenen Augen sieht, wie sie ihn zu eigen macht in diesem Prozess. C. legt sie an der Würstchenbude ab, sie legt sie auf die Theke und lässt sie dort vor sich hinaltern, bis der Baumarkt schließt.

Früher dachte sie, dass man sich in die Menschen verliebt, denen man das sagt, was man nicht nach außen kehren möchte. C. liebt niemanden, weder sich selbst noch H. noch die Erinnerungen an ihn; C. ist das abgestandene Bratfett, das an ihr hängen bleibt wie schlechter Geruch. C. erzählt ihr nicht ihre Geschichte, sie berichtet ihr von Fragmenten, die sie nach Lust und Laune editieren kann, so kann man niemanden lieben.

Sie wollte dem Bauern mit ihrem Klappspaten und ihrer Harke davon erzählen, wie tief sich C. in ihr Fleisch gegraben hat, wie schwer es ist, sie loszuwerden, wie schlimm die Zeit für sie war, als C. noch keine Arbeit hatte. C. krepiert vor sich hin, C. trägt die Dinge nicht an die Oberfläche, C. muss leiden, immerzu und mit solch einer Leidenschaft zum Leiden, dass sie sich krankmacht. Sie ist tapfer, sie hat Krebs, das wollte sie C. schon so oft sagen, aber die Worte fehlen im Bus. Der Weg nach Hause ist ohnehin viel zu kurz. Sie geht nicht zum Arzt, sie geht nicht in Krankenhäuser, sie befürchtet, C. könnte davon erfahren und sich selbst ihre Krankheit in Fragmenten zu eigen machen.

Ein paar Meter neben Manuel Neuer steht ein Pappaufsteller von Oliver Kahn vor einem Grill. Er hält eine Wurst in die Höhe und sagt „Mann, ist das ne Wurst.“ Sie steht kopfschüttelnd im Gang und nimmt doch die Packung Tapetenkleister in die Hand. Der Abstand zwischen ihr und all den anderen Menschen hier ist doch zu groß.

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