hungry face

Untitled by smallcutsensations

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Da sind sie alle, in Reihe geschaltet. Hoch, runter, hoch, runter. Es gibt das Herzklopfen gratis dazu, man vermutet sogar schon einen Herzschrittmacher. Sprache reduzieren, einige Hinterköpfe erkenne ich wieder.
Frei bewegen kann man sich hier, die Strecken sind noch nicht einmal groß, eine halbe Stunde benötigt man von der einen Seite des Zentrums zur anderen. Das haben wir uns nicht nur so ausgedacht. Der Ort, der meinen Nachnamen trägt, ein See dann irgendwo in der Nähe. Es bleibt düster, der Nebel legt sich nicht.
Den Frauen hinter den Schaltern mache ich keinen Vorwurf. Sie wissen wahrscheinlich nichts, weil man ihnen die Dinge nicht mitteilt. Alles wissen kann man nicht. Vorbereitet waren wir trotzdem. Seit einiger Zeit war ich nicht mehr in der Universität, heute die Hallen leer und vertrocknet. Mir fehlt schon jetzt der Rollsplitt, der bald Einzug halten wird.
Wenn du es in einer Stadt im trüben Spätherbst und im Winter aushälst, weißt du, dass du in ihr leben kannst, ohne ständig darüber nachzudenken, wegzugehen. Das hätte mal einer früher erwähnen sollen.

Und wie das Grau Einzug gehalten hat, sich hineingefressen hat in die Landschaft – immer dunkler der Wald. Auf einmal leben nirgendwo mehr Menschen, eine Erinnerung an sie sind ihre hell beleuchteten Häuser, die, die der Nebel ebenso schluckt. Große Lagerhallen, in der Nähe die Lichtader: rot und weiß, gelb und weißblau.
Dann gibt es noch bestimmte Winkel, in denen sehen die weißen Lichter aus wie Gazellenbeine, produziert vom Abstand, der zwischen allem steckt.

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gold dust

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Ich kann immer nur sagen wie das für mich war. Wie groß das schwarze Loch in meinem Kopf, wie tiefgreifend sein Kollaps war und wie groß seine Überreste sind. In all dem hatte ich Glück: zur richtigen Zeit die richtigen und sicherlich auch die falschen Menschen. Aber das tut nichts zur Sache.
Als ich begann, über das schwarze Loch in meinem Kopf zu bloggen (einige werden es auch unter dem Begriff „schwarzer Hund“ kennen), war das echt einfach für mich. Schreiben hat für mich immer ein Erfahren, Erleben, Verstehen, Interpretieren und potenziell auch Abschließen bedeutet. Wenn ich im Nachgang die Sprache von damals mit der von heute vergleiche, ist da schon ein großer Unterschied zu sehen, gelegentlich bin ich auf den Kopf und die Sprache von damals neidisch. Ich kann das nicht mehr in dem direkten Ausmaß. Man abstrahiert jetzt nicht mehr so viel, man codiert auch nicht mehr so viel. Das macht die Dinge leichter für mich selbst und gleichzeitig irritieren sie. Aber diese Sprache möchte ich nicht zu dem Preis, den ich damals dafür gezahlt habe. Ich finde es gut, ohne all die Filter zu leben beziehungsweise leben zu können, die ich vorher um mich herum angesammelt hatte.

Es gibt in Deutschland teilweise noch Ressentiments gegen an Depression erkrankte Menschen, mich regt das immer noch auf. In einer Dokumentation habe ich mal einen nun wieder genesenen Mann über seine Erkrankung sprechen hören, wie aus ihm schon zu Beginn herausbrach, dass die Aufarbeitung der Elemente, die zur Krankheit geführt haben, das Beste war, was ihm passieren konnte, dass er jetzt ein Mensch sei, der sich, im Gegensatz zu einigen anderen Menschen, sehr gut kennt. Dass er aber noch nicht einmal seinem ärgsten Feind wünschen würde, dieselbe Diagnose zu bekommen wie er. Dass man wohl zeitlebens, mindestens aber noch ein paar Jahre nach der Genesung ein Botschafter für den Umgang mit Depressiven bleibt. Ich könnte dem nicht noch mehr zustimmen als ohnehin schon. Und da ist es doch wieder wie bei anderen Krankheiten – wenn man etwas mal durchlebt hat, ist es trotz allem nicht komplett aus dem Körper heraus. Vor allem bei psychischen Erkrankungen, so zumindest mein Gefühl, muss man immer noch erklären, rechtfertigen oder sich verteidigen.
Man bleibt wohl zeitlebens Botschafter für seine Variante der Erkrankung. Man hat ein Bewusstsein dafür, dass Rückfälle geschehen können, aber man wartet nicht auf sie. Gelegentlich weiß ich nicht, wie ich darauf reagieren soll, wenn man mich fragt, was zu tun ist. Ich bin kein Therapeut, ich kann nur sagen, was mir geholfen hat. Dazu muss man sagen, dass ich fast zehn Jahre lang daran gescheitert bin, herauszufinden, was das eigentlich ist.

Dann sind da noch die Leute, die proklamieren, man wäre, weil man etwas überwunden hat, immer noch ein verrückter Mensch, jemand mit Vorbelastung. An dieser Stelle mag mir ein Vergleich erlaubt sein – hat man nach einem erfolgreich verheilten Knochenbruch immer noch einen gebrochenen Knochen? Hat man nach einer erfolgreichen Heilung nicht auch da wieder die Möglichkeit, sich den Knochen an der gleichen, gar an derselben Stelle zu brechen? Und woher kommt es, dass sich manche Menschen so merkwürdig von Narben angezogen fühlen? Das weiter auszuführen, würde zu weit gehen.
Wenn ich hier und dort noch darüber schreibe, wie es mir erging oder wie es sich jetzt anfühlt, dann mache ich nichts anderes, als meine Narben zu beschreiben. Sie sind noch vergleichsweise frisch – sicherlich fällt man von Zeit zu Zeit noch in alte Muster zurück – und ziemlich wetterempfindlich, aber es gibt nichts besseres, als zu spüren, wie weich diese neue Haut ist. Ich muss sie eben nur öfter eincremen als die alte.

five seconds

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∆ 5

Wenn ich dir dann sage, dass ich das nicht so meinte, wirst du trotzdem mit dem Kopf schütteln. Du wirst mich fragen, ob das, was ich da sagte, ernst gemeint war. Bejahen werde ich deine Frage, womöglich wird daran noch ein altmodisches Fremdwort gehängt oder ein schlechter Scherz. Ausdruck meiner Unsicherheit.
Du wirst das an manchen Tagen verstehen, an anderen Tagen wird mein schnelles gedankliches Hin- und Herspringen unerklärlich bleiben. Auch das ist in Ordnung. Mir wird es mit dir genauso gehen.
Ich bin mir nicht sicher, ob du an manchen Tagen in meine Haut kriechen magst, weil sie dich wärmt und anzieht und sie manche deiner Zwischenräume füllt oder ob du einfach nur nicht allein sein willst. Egal, was du sagen wirst dazu: es ist ok. Manchmal mag ich mich nicht, ebenso wie du dich manchmal nicht magst: man lebt damit. Man muss nur lernen, dass man auch das aussprechen darf, laut.

Dann muss ich dir sagen: ich glaube, dass das Ausbluten hier doch einen Sinn haben kann.

but I’m not trying to make you cry

flood of blood to the heart

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∆ 4

Wenn man lange genug hinsieht, spürt man das Licht flackern. Nichts davon war jemals von Bedeutung. Keine Handschrift, keine Filme, keine Worte.
Zeig mir bitte keine Bilder mehr von der anderen Stadt. Ich könnte trotz allem versuchen, wegzulaufen.

//

030113 (Retrospektive):
Vater war da. Man sieht, dass er Schwierigkeiten damit hat, mich hier zu besuchen. Auf einmal wird das greifbar für ihn, glaube ich, was er seit Monaten nur so halb mitbekommen hat. Er sagte, sein Vater war zwei Mal in einer Psychiatrie, aber das war in der DDR und wegen dessen Alkoholsucht. Ich glaube, dass ihn es sehr geschockt hat, ihn dort zu sehen, der Mann, der sein Leben kaputtgemacht hat, jetzt ganz kaputt. So schlimm es klingt, ich bin sehr froh, ihn nicht mehr kennengelernt haben zu müssen, ich weiß vor allem nach dem Aufenthalt hier nicht, wie ich ihm begegnen sollte. Alle Alkoholiker hier sind, gut, dank Tabletten etc. pp, die wehrlosesten, schutzlosesten Etwasse, die mir je begegnet sind. Schutzlos, da ohne den Alkohol, wehrlos, da sie immer noch glauben, sie hätten nichts falsch gemacht.
Die Frau eines der Erkrankten kommt täglich, sie sitzen hinten in der Ecke, wo sonst die Frau sitzt, die immer so still ist und kein Wort sagt und immer auf ihre Hände starrt und sie sagen immer wieder dasselbe. Ich hab dich doch so lieb, alles wird gut, aber du hast mir so böse Worte gesagt, ich weiß, dass du die nicht so meinst. Dann denke ich an so manchen Domian Anruf und dass man sich irgendwann von Menschen zurückziehen muss, wenn sie einem nicht mehr gut tun und dann frage ich mich, inwieweit man das auf mich münzen kann, denn das Vergangene tut mir nicht gut, tut mir weh, aber irgendwie… ebbt alles so langsam, so sehr sehr langsam ab. Ich kann mich nur einmal totkämpfen, der Aufenthalt hier sollte mir eigentlich eine Lehre sein.

a wave
an awesome wave
that rushes skin and
widens in blooded veins

magic chords

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∆ 3

Ich stecke immer in den Spiegeln anderer, fremder Leute fest. Mal sind sie eingerahmt in Bambusholz oder Mahagoni-Imitate, gelegentlich ist es nur ganz dreist die Plastik, die meine Form begrenzt. Am liebsten sind sie mir, wenn sie direkt in die Fliesen hineingehen. Badezimmerpoesie, Symmetrie. Als hättest du es geahnt.
Weißt du, ich hänge keine Bilder mehr auf, weil sie Totenmasken gleichen, weil du mal sagtest, dass alle Gesichter zu Totenmasken werden. Gelebte Geister auf Fotopapier. Verstanden habe ich das nie.
Vielleicht ist deshalb bei mir alles so sehr Haut und Licht und womöglich weigere ich mich deshalb noch gegen Vorhänge und nehme in Kauf, dass der kleine Junge von Gegenüber alles sieht, was ich mache. Dann besinnt man sich: du lebst in einem dieser Zimmer auf einer dieser Etagen in einer dieser Wohnungen, in die man eben einfach so hineinschauen kann. Das ist in Ordnung.
Habe ich dir nie erzählt, dass ich in London regelmäßig halbnackt auf dem Dach im Sommerregen stand? Der Stadt dabei zusehen, wie sie wieder beginnt zu atmen und zu bemerken, wie sie ganz still wird dabei. Nenn mich melodramatisch oder in diesem Zusammenhang überromantisiert, mir soll das gleich sein. In Schweden war das ähnlich, aber viel zu kalt.

Eingerahmt auch der Blick nach draußen, in mehrfacher Hinsicht. Speziell angefertigte Gläser, dann das Fensterglas, dann der Innenhof. Weil die Zeit sich so beeilt und weil es schwerfällt, nicht im Schreiben zu begreifen, sortiert man die Abzüge neu, die an der Tür hängen. Ich habe dich noch auf keinem der Abzüge gesehen, aber ich schieße mich sehr schnell ein auf einen Menschen. Sobald die erste Misstrauensphase überschritten ist. Machst du das auch? Was für eine Frage – das ist bestimmt bei jedem so, zu seinen Bedingungen. Ich versuche Kollateralschäden wie die vom letzten Herbst/Winter zu vermeiden, generell zu vermeiden, nur auf Kosten meiner selbst zu probieren, kaputte Menschen zusammenzuhalten. Man lernt davon, weißt du, der bittere Beigeschmack bleibt. Nicht, weil die Dinge so geschahen, wie sie es taten – wäre man sonst nicht ein anderer Mensch und wäre man sonst nicht an dem Punkt, an dem man jetzt ist (man sollte auch dankbar sein für das Gute, das man aus all dem Schlechten herausgezogen hat). Das Bittere bleibt, weil man manches mit ansieht und genau weiß, in welche Richtung es sich bewegt. Weil man altes liest, auch alte Worte von einem selbst und unberührt bleibt. Der alte Affe Selbstschutz. Das mit dem Aufhören, Angst vor der Angst zu haben, meinte ich ernst. Ich halte mich daran.

Und vermutlich klingt das alles generell etwas bitterer als es gemeint ist. Man muss noch so viel lernen. Dann ist man nämlich selbst nicht mehr zu Besuch in seinen eigenen Worten. Verstehst du das?

you got nothing to lose, nothing to lose
nothing to lose this time

celestial

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∆ 2

Als hätte mir das früher etwas ausgemacht. Als hätte ich hier und dort nicht darüber nachgedacht, was kommt. Wenn ich mir überlege, was ich dir erzählte, was ich dir noch vor fünf Jahren sagte, wenn ich daran denke, dass ich schon jetzt wieder in der Stadt mit L leben wollte, weiß ich beinahe gar nicht, wie ich das rechtfertigen soll, was jetzt ist. Letzte Chance in B und meine fehlenden Worte dazu. Dabei muss man doch nichts rechtfertigen in diesem Kontext.

Das ist das Aussteigen aus der noch rollenden U-Bahn, es fühlt sich an wie der erste Schritt nach einer längeren Zeit auf einem Laufband im Fitnessstudio; nicht, dass ich nicht schon vor Ewigkeiten aufgehört hätte, mich an solche Orten zu bringen. Man leidet doch lieber für sich allein, unbeobachtet. Ich dehne zu gern die Tiefenmuskulatur; das, was ich mal lernte, um mich zu entspannen: bewusst wahrnehmen.
Ich kann mir schon vorstellen, wie das ist, wenn man merkt, wie die anderen Leute aufwachen. Wenn man in Google Maps sieht, wie sich die Tag-Nacht-Grenze verschiebt. Wie unwirklich und wie absolut normal, weil es noch nie etwas war, was man greifen konnte. Das alles als gegeben hinnehmen. Darin formulieren sich zu viele Fragen, die nur du beantworten kannst.

Bist du schon dort angekommen, wo du ankommen willst? Ich erinnere mich an all die Briefe, die du mir schriebst und an all die Worte, die mich aufhorchen ließen, weil sie aus dem Kern kamen. Wie du jetzt die Wärme weitergibst, mit der du mich aufgebaut hast vor mehr als sechs Jahren. So unregelmäßig, wie wir uns sehen, so fest, wie das Band bleibt. Briefe, per Hand geschrieben, hebe ich immer auf, auch die, an die ich mich eigentlich nicht erinnern mag. Irgendwann kann man sie bestimmt zu etwas zusammensetzen, das beim rekonstruieren hilft, wenn man anderen erzählen möchte, wie das war, als man allem eine Bedeutung zuweisen musste. Jedem einzelnen Wort.
Daraus muss wohl zu schlussfolgern sein: vielleicht gibt es ebenso viele verschiedene Arten des Weitergehens wie es verschiedene Arten des Stehenbleibens gibt. Dich hat es stets weitergetrieben, du sagst immer, dass es nicht darum geht, wo man ankommt sondern wie. Und ich weiß noch, wie ich das bewundernswert fand und wie sehr es mich angetrieben hat. Gelassenheit oder besser gesagt: das, was ich darunter verstehe, habe ich von dir gelernt.

Eventuell kann ich dir an einem anderen Tag Antworten geben auf Fragen, die ich dir gestellt, selbst aber nie beantwortet habe. Hoffentlich sehe ich dich bald wieder. Dann steige ich wirklich öfter mal im schwedischen Nirgendwo aus dem Auto aus und fahre nicht nur daran vorbei.

what are you gonna do with that heart
when I lose myself in you

ruin

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001.

„Manuel Neuer macht Werbung für Tapetenkleister,“ sagt sie und stellt die Pappschachtel wieder zurück ins Regal, ungläubig. Die Leuchtstoffröhren, die an den Decken der Gänge im Baumarkt hängen, bewegen sich hin und her. Draußen ist Sturm, nein, Herbst; sie verkriecht sich immer hier. Zwischen Tapeten, Farbe und Kleister.
Vor genau einem Jahr hat sie sich einen Klappspaten und eine Harke gekauft, nach zwei Tagen hat sie sie zurückgebracht. Sie hat weder einen Garten noch genug eigene Erde, die sie umgraben könnte. Nachdem der Bauer, dessen Feld sie begann, umzugraben, weil sie dachte, sie würde ihm damit etwas Gutes tun, sie mit einem alten Jagdgewehr vertrieb, ließ sie es sein. Im Nachgang hat sie die Abteilung, in der sie sich vorrangig aufhält, gewechselt.

In diesem Gebäude kennt man sie schon. Jeden Freitag ab achtzehn Uhr und jeden Samstag läuft sie durch die Regale, sie schaut den anderen Leuten beim Einkaufen zu. Der gelassene Mann mit seiner nörgelnden, nach weißen, opulenten Briefkästen suchenden Frau und den beiden kleinen Kindern, die schreiend die weiten Wege ausnutzen. Das junge Paar, das sich gerade die Fliesen für das neue Bad aussucht. Der Rentner, der die Weihnachtsbeleuchtung kauft, die wie jedes Jahr seinen Balkon so erstrahlen lässt, als wäre er der Weihnachtsmann persönlich. Die Kassierer, die in einer Stimmung zwischen gelangweilt und höchst angespannt den Barcodescanner in die Luft halten oder kleine Artikel übers Band ziehen.
Vor dem Haupteingang steht einer dieser Wochenmarktwagen, die gegrillte Hähnchen und Bratwurst verkaufen. Den Männern mit den großen Bäuchen, die regelmäßig davor stehen, läuft oft das alte stinkende Bratfett die Finger herunter in die Handflächen und auf die Ärmel. Manchmal stehen ihre Ehefrauen oder Töchter neben ihnen und meckern. An solchen Tagen beißt sie besonders herzhaft ins Fleisch, das weder besonders gut schmeckt noch sie sonderlich sättigt.
Am Abend findet sie oft Essensflecke und Reste vom Fleisch auf und in ihrer Kleidung. Als hätte sie es nie gelernt, richtig zu essen.

Dem Markt vorgelagert ist ein Parkplatz für mehr Automobile, als sie es wagt sich vorzustellen. Schlimm wird es für sie erst dann, wenn sie die Besitzer, deren Autos und deren Hunde beginnt, miteinander zu vergleichen und Ähnlichkeiten feststellt. Selbst fährt sie Rad, im Winter ist das sogar gefährlich, vor allem für andere.

„Das kommt alles nur von C.,“ sagt sie laut und bereut es zugleich wieder. Sie fragt sich, ob ihr der Mann mit dem Rasenmäher im Einkaufswagen zugehört hat. C. hätte nicht sagen sollen, dass H. tot ist. C. hätte gar nichts sagen sollen. Nicht, wie er starb, nicht wie er gelebt hat, nicht, wie er C. und seine Frau betrogen hat. C. hätte nicht gehen sollen, C. hätte nicht an sich selbst krepieren sollen. C. hat die Dinge nie an die Oberfläche gespült. Man kannte sich gut. Ja, C. kannte sie ganz gut, das kann man wirklich so sagen.
Sie vermutet, man unterstellt ihr eine Krankheit. Eine, die macht, dass sie so häufig da ist. Dabei hat C. nur von Vorhaben gesprochen, C. hat immer so viel erzählt, so viel belangloses. Wie weich die Konturen auf Gemälden wirken, wenn man sein Gesicht so nah an die Farbschichten hält, dass man die Nase beinahe hineinstupsen könnte.

– Aber das sollte man niemals jemandem sagen, der in einem Museum arbeitet.
– Wieso?
– Weil die Farbe deinen Atem nicht mag. Die messen doch selbst die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit im Raum, da solltest du nichts machen, was den Gemälden schaden könnte. Oder der Farbe, die in Rahmen eingekeilt an den Wänden hängt.

Im Baumarkt messen sie nichts. Sie bieten nur die Geräte an, mit denen man alles messen kann, was sich messen lässt. Thermometer der unterschiedlichsten Ausmaße, für drinnen und draußen, Barometer, ganze Wetterstationen, Spannungsmesser. Vielleicht gibt es auch neben den Zollstöcken etwas, das den Abstand zwischen den Menschen misst. Also den gedachten Abstand, nicht den realen. Aber das wäre wohl zu schwierig.
Seit Monaten bekommt sie den Geruch von Alpina Weiß nicht mehr aus den Nasenflügeln raus. Die Holzabteilung ist ganz in der Nähe: Spuren von Spänen auf dem Boden vor ihr. Die Bretter kann man sich hier zurechtschneiden lassen, nur weiß sie nicht, wieso das direkt neben der Farbabteilung sein muss. C. regt sich nicht über solche Kleinigkeiten auf, sie ist sehr anspruchslos. C. will nur weiß auf Raufaser und Fotochemikalien im Bad, ein Mal pro Monat oder seltener. Mehr sagt C. ihr nicht über ihre Wohnung. In ihrer Wohnung war C. noch nie, sie wüsste gar nicht, wie sie das bewerkstelligen sollte. Man trifft sich auf neutralem Terrain, vor allem, seit sie von H. und seiner Frau weiß. Aber ja, C. und sie, sie kennen sich trotzdem wirklich ziemlich gut.

Neben ihr schreit irgendjemand nach einer Fototapete mit Buddhamotiv. Ein paar Leute, die in seiner Nähe stehen, schütteln beschämt den Kopf. Sie weiß nicht, was C. dazu sagen würde. Eventuell würde sie auf ähnliche Art und Weise den Kopf schütteln oder aber sie würde wieder von H. reden. Wie er gelegentlich die Kontrolle verlor über sich und sie sich plötzlich auf dem Boden im Wald wiederfanden.

– Das darfst du niemandem sagen. Das geht nur mich etwas an. Nichts darfst du anderen erzählen, es ist mir nicht geheuer, wenn man zu viel von mir weiß.
– Warum sagst du mir all das?
– Weil er weg ist. Und du mich nie so kennen wirst wie er.

Sie sitzen im Bus nebeneinander, jeden Tag, C. erzählt ihr, wie es ihr so erging. Wenn sie C. Fragen stellen möchte, wird sie ignoriert. C. dirigiert die Gespräche, C. muss arbeiten an Freitagen und Samstagen.

Man hat immer etwas vor, oft vergisst man, wie viel das eigentlich ist. Etwas Gutes tun, die Spüle reparieren, die Blumenkästen auf dem Balkon mit Tomatensamen füllen, damit man irgendetwas davon hat. Hier ist man mit diesen Vorhaben nicht allein, vielleicht liegt es daran. Sie trifft hier nie die gleichen Kunden, an Freitagen und Samstagen geht normalerweise niemand freiwillig in solch große Läden.
Vor ein paar Wochen wurde sie gefragt, ob es ihr gut gehe. Sie hat genickt und sich umgedreht und eine in ihren Augen außergewöhnliche Farbe anmischen lassen. Die Verkäuferin war zufrieden und weil sie nie gehen kann, ohne irgendetwas gekauft zu haben, stapeln sich in ihrer Wohnung mittlerweile die Farbproben, die großen Eimer, die sie mit ihrem klapprigen Fahrrad den Berg hinauf transportiert hat. Sie macht nichts damit, sie mag den Geruch von Neuanfängen, den die Tuben und Behälter versprechen. Hier ist sie nicht so allein mit diesem Gedanken, alle haben ihre Projekte, sie muss sie mit niemandem teilen, die riesige Fläche, auf die sich ihre Hirngespinste verteilen, macht es ertragbar.
Trotzdem bleibt C. wie eine dunkle Wolke über ihr hängen. Orte, die so wenig wie möglich mit C. zu tun haben oder mit H. Sie will nicht, dass C. sich in diesen Ort verlieben kann, sie will nicht, dass C. ihn ihr wegnimmt, indem C. ihr von ihm erzählt: wie sie ihn durch ihre eigenen Augen sieht, wie sie ihn zu eigen macht in diesem Prozess. C. legt sie an der Würstchenbude ab, sie legt sie auf die Theke und lässt sie dort vor sich hinaltern, bis der Baumarkt schließt.

Früher dachte sie, dass man sich in die Menschen verliebt, denen man das sagt, was man nicht nach außen kehren möchte. C. liebt niemanden, weder sich selbst noch H. noch die Erinnerungen an ihn; C. ist das abgestandene Bratfett, das an ihr hängen bleibt wie schlechter Geruch. C. erzählt ihr nicht ihre Geschichte, sie berichtet ihr von Fragmenten, die sie nach Lust und Laune editieren kann, so kann man niemanden lieben.

Sie wollte dem Bauern mit ihrem Klappspaten und ihrer Harke davon erzählen, wie tief sich C. in ihr Fleisch gegraben hat, wie schwer es ist, sie loszuwerden, wie schlimm die Zeit für sie war, als C. noch keine Arbeit hatte. C. krepiert vor sich hin, C. trägt die Dinge nicht an die Oberfläche, C. muss leiden, immerzu und mit solch einer Leidenschaft zum Leiden, dass sie sich krankmacht. Sie ist tapfer, sie hat Krebs, das wollte sie C. schon so oft sagen, aber die Worte fehlen im Bus. Der Weg nach Hause ist ohnehin viel zu kurz. Sie geht nicht zum Arzt, sie geht nicht in Krankenhäuser, sie befürchtet, C. könnte davon erfahren und sich selbst ihre Krankheit in Fragmenten zu eigen machen.

Ein paar Meter neben Manuel Neuer steht ein Pappaufsteller von Oliver Kahn vor einem Grill. Er hält eine Wurst in die Höhe und sagt „Mann, ist das ne Wurst.“ Sie steht kopfschüttelnd im Gang und nimmt doch die Packung Tapetenkleister in die Hand. Der Abstand zwischen ihr und all den anderen Menschen hier ist doch zu groß.

what are we doing?
we’re sitting on a ruin