du var solskenet, jag var ensam

Untitled by smallcutsensations
Manchmal erzählen meine Großeltern noch am Küchentisch von den guten alten Zeiten. Aber in dem luftleeren Raum zwischen ihren Erinnerungen wabert ein großes Stück Ernüchterung. Verlebte Traditionen. Ich treibe durch die Memoiren meiner Vorfahren wie ein Embryo durch Fruchtwasser. Da mache ich mir Dinge zu eigen, dort ergänze ich großzügig und ohne Scham. An manchen Tagen wüsste ich gerne, wie viel Prozent meines Gedächtnisses mit destillierten Lügen gefüllt sind. Aber ich kann mir nicht helfen. Ich dichte immer noch hinzu, abhängig von meiner Tagesform. Und dann stellen mir meine Eltern wieder diese Fragen. Wann denn mit Enkeln zu rechnen sei. Warum ich denn so ein Lotterleben führe. Meine Antwort ist abweisend, aber freundlich und bescheiden.
(Reptilienhaut, 2009.)

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vor ewigkeiten habe ich schon damit angefangen. ich baue mir ein kleines haus. eins, das fast schon so gross und rund und manchmal so schön ist, wie das, was schnecken auf ihren rücken tragen. der unterschied: ich bin – gefühlt – noch nicht einmal so gross wie ein wurm. meist versuche ich aber aufrecht durch das leben zu gehen, gelegentlich mit dem gefühl, ich hätte einen stock als rücken. vielleicht mag das auf andere so wirken, als wäre ich verrückt, für mich aber ist es normal.
deine alten tagebücher lese ich mir manchmal durch, oft tut es aber einfach nur weh. du hast mir einen kleinen karton vor die haustür gestellt, hast geklingelt und bist dann einfach ins leere gelaufen. niemand weiß, wo du bist, ich nehme an, du selbst noch weniger, und niemand hat von dir gehört, da nehme ich wiederum an, dass du nicht wolltest, dass irgendjemand etwas von dir weiß. du tust gut daran, deine spuren hinter dir zu verwischen. du denkst bestimmt nicht allzu oft an uns oder an das, was du uns hast spüren lassen. du hast mich allein gelassen, vor allem aber hast du mich verletzt. hast immer gepredigt, wie sehr du es verachtest, wenn andere verletzend durch die weltgeschichte ziehen, warst selber aber nie besser. du konntest gut mit zweierlei maß messen, aber das heißt trotzdem nicht, dass du nicht zu einer mir wichtigen person geworden bist. einschleichen in köpfe konntest du dich schon immer gut.
dieses schneckenhaus ist oft zu schwer für meinen kerzengeraden rücken, es biegt sich ihn kugelrund. irgendwann werde ich wohl in der mitte durchbrechen, vielleicht früher, vielleicht später. dieses haus, das mir kokon und last zugleich ist, bestimmt meinen alltag. ich kann ganz einfach in es hineingleiten, so, als wäre es nie anders gewesen. das herauskriechen wird immer schwieriger; je länger ich diese schale trage, die ich nicht wie schlangenhaut einfach abstreifen kann, desto enger sitzt sie. schneidet mir die luft ab. sticht mir in die seite, kneift und kratzt und wird im allgemeinen immer unbequemer. und doch scheint sie so elastisch zu sein, dass sie nicht reißen wird.
du hast es dir bestimmt nicht einfach gemacht. all die ausflüchte, das nicht antworten, all das zögern. das muss doch kraft kosten. dir ist das bestimmt im grund egal, aber mich würde es schlauchen, innerlich einen marathon laufen zu müssen, jeden tag. dabei hast du dich doch noch nicht einmal trainiert. du weißt nicht, wie weit du gehen kannst im gericht mit dir selbst. du hast nicht den blassesten schimmer, wer du eigentlich bist. du scheust dich davor, mit anderen zu kommunizieren, du wartest, bis sie auf dich zugehen und schlägst dir dann selber dadurch ein bein ab. vor allem dann, wenn niemand den ersten schritt macht.
und dann auch noch der herzschlag, der sich in meine ohren hineinbohrt, überhören kann ich ihn nicht mehr, das kleine herz in der großen schale schlägt und rotiert und macht und tut und kommt doch im allgemeinen gegen nichts an, was mein verstand sagt. die beiden jagen sich im kreis und irgendwie gewinnt immer nur der krieg zwischen ihnen, nie die guten worte anderer. sätze von leuten, die mich zu sehen scheinen, trotz meines schönen großen, manchmal in der sonne schillernden hauses.



(für elisa. Tbc)