we see less and less all the time, dear II

Untitled by smallcutsensations

Untitled by smallcutsensations

Untitled by smallcutsensations

2011, 2012, 2013

∆ 6

Irgendwas geht immer kaputt. Egal wobei. Sie sagt das voller Inbrunst, mindestens einmal pro Woche. Weißt du, genau deshalb rede ich nicht mehr mit ihr. Weil sie es seit mehr als fünfzig Jahren sagt, direkt zu mir seit ich geboren wurde, indirekt zu mir seit der Geburt meiner Mutter. Du weißt schon, das Aneurysma im Kopf und der Mann, der deswegen nie zurückkam, das kann ich alles verstehen. Jetzt nichts weiter als ein Abziehbild von ihr, da im Haus in der Nähe des Waldes und der Stadt, aber ich kenne noch nicht einmal ihren Schatten. Manche Orte funktionieren nur, wenn sie leer bleiben.
Eventuell liegt es an ihr, dass ich ständig Augen hinterherrenne, denn sie stechen immer noch durch mich hindurch, auch wenn der dazugehörige Körper schon längst weg ist. Weil die von ihr so unstet in der Farbe waren wie die meiner Mutter und die von mir. Abwechselnd kalt und warm. Das muss wohl die Tagesform sein. Dann sagt man mir du verunsicherst und ich will ihnen nicht mehr sagen müssen, dass ich Angst hatte vor Menschen, dass manches davon bleibt. Dass man sich durch sich selbst lebt und die anderen, ja, das ist normal. Aber vermutlich ist jeder so. Es muss keine Angst sein. Ich lache oft, wenn mir etwas unangenehm ist. Latente Unsicherheit, ich kann das verstehen, die steckt auch mir in den Knochen.

Auch kann ich nachvollziehen, wieso die normale Orthographie so laut ist, wieso man anfängt, klein zu schreiben. Man kann alles so angenehm einkreisen, wenn man sich die Mühe macht.

Werbeanzeigen

if we feel something, though it’s bloated, we must be alive

Untitled by smallcutsensations
Untitled by smallcutsensations
Untitled by smallcutsensations
Untitled by smallcutsensations
Untitled by smallcutsensations
Untitled by smallcutsensations
Untitled by smallcutsensations
Untitled by smallcutsensations

Manche hätten wissen sollen, dass Handlungen Reaktionen nach sich ziehen. Manche hätten wissen können, dass gewisse Handlungen gewisse Reaktionen auslösen. Das hier, das dort, ein unmöglicher Abschied vom damals, irgendetwas in der Erinnerungsspule im Hirn. Ein paar abgestandene Orte, die ich nicht mehr lieben kann, wegen diesem damals, das war sowieso alles nur temporär. Und eigentlich war ich sowieso nie da.

there are so many of us
and there’s been so many before us
so what the fuck are we supposed to do

oh, just finish me

für immer die menschen, eine fragmentfortsetzung.

Wir haben zu viel darüber geredet, nein, ich meine wir haben zu viel nicht darüber geredet. Vielleicht fühlt es sich deshalb so an, als es würden wir in einem dieser Bücher leben, wo sie die wichtigen Worte herausgeschnitten haben und nicht unterstrichen. Du weißt schon, wie bei Jonathan Safran Foer. Und genau das ist kein Missverständnis. Weil du nicht mehr von deiner Odyssee zurückkommen wirst und weil ich trotzdem eine Penelope bin, eine, die geduldig ist und wartet. Aber dann habe ich heute verlernt, an die Geschichten in den Büchern zu glauben, denn du bist nicht darin, ich ebenso wenig. Du tauchst auch sonst nicht mehr auf, das ist einfach, du hast die Sitzfläche auf meinem Stuhl desinfiziert von dir, so rein wie in einem frischen gut geputzten Operationssaal und trotzdem eitern meine Narben, sie brechen so auf, als wäre ich gerade am Zergehen. Dabei sagen sie mir es liegt noch so viel vor mir.
Ja, die Tapete wieder, Raufasertapete, dann sind da Menschen, bei denen Dinge funktionieren und dann die andere Seite. Die Menschen, für immer. So oder so rede ich mir das ein, aber sie bleiben nicht, nicht für immer zumindest. Hier reichen sie mir Limonade, dort reichen sie mir Wein. Worte von vor Monaten, denen ich nicht mehr Glauben schenken kann, ausgeschnitten aus  Briefen wie bei Foer, du weißt schon, mein sich kaputtkämpfen, umsonst, wie alles in diesem Zimmer umsonst war. Ist. Der ewige Kampf gegen das Präteritum macht meine Gegenwart kaputt.
Da drüben auf dem Fensterbrett eine neue Grünpflanze, in der Waschmaschine Kleidung, das Fenster in der Küche ist noch auf. Die Dielen sind zu splitterig, die Zukunft kam zu spät – Widerhaken: nicht im Holz, mitten in meiner Haut. Mittendrin. Du lässt mein du zu Ende gehen, unbequem, es hat zu sehr gezwiebelt in der Haut, vielleicht. Unverschlüsselte Austauschbarkeit, du machst es deutlich. Alles geht vorbei, alles von dir, du selbst gehst vorbei, falsche Prämissen. Ich kann nicht mehr von dir schreiben: du bist nicht mehr das du, das mit zitternden Beinen auf meinem Stuhl saß. Du bist nur noch ein Geist in meinem Blut, überall. Und jetzt? 

Menschen, für immer. Vielleicht, irgendwann.
„Such dir jemanden, der dir nicht wehtut“ singen alle anderen mir vor.
Ich zumindest werde nie wieder ans Telefon gehen.

I never told anybody that I sometimes faint

Kurze Nacht, den Abend zuvor unter Freunden verbracht, die Nasennebenhöhlen trotzdem zu. Im Schlaf wandert das darin schmerzhaft von der einen auf die andere Seite. Das Annehmen des Rates meiner Freunde, diesmal zu einem Arzt zu gehen, bei dem man das Gefühl bekommt, man wird respektiert. Es funktioniert. Die Ärztin fragt mich nach der Krankengeschichte meiner Eltern, dann das Thema Therapie. Komisch, ich bin immer noch bei Sinupret und viel Tee, aber da ist viel mehr Respekt, als ich es gewohnt war mit meinem ganzen Drumherum. Ich bekomme die Frage gestellt, ob ich Angst vor dem Tod habe. Ein kurzes Nachdenken, eine relativ einfache Antwort: nein, nicht vor meinem eigenen.

Ich soll mich schonen und ich stelle mir die Frage, wie genau ich das machen soll.

dreiundzwanzig

Die übliche Einstiegsfrage, mein mittlerweile normales hilfloses Lachen dazu. Dann mein sich verknotender Brustkorb, als ich sage »ich hasse es, wenn man Entscheidungen für mich trifft.« Zwar sage ich es nicht, aber ich denke an die Zeit in der Schule, als man mich »dumm« genannt hat, dann mein Gedanke an meinen IQ und das jahrelange Niedermachen, Entscheidungen-treffen für mich.
Wir nehmen das »du bist nicht gut genug« auseinander, das sich Samstag Vormittag in meinen Kopf geätzt hat, ersetzen das gut mit anderen Adjektiven und suchen nach objektiven Argumenten, die diese These unterstützen. Ich blättere das alles auf, dann ein feststellen, dass das letztlich alles nicht gegen mich spricht. Meine Therapeutin erzählt von verschiedenen Wertesystemen, welche davon man annimmt. Ich denke daran, dass ich vielleicht zu stark und zu wichtig und deshalb nicht gut genug bin. Ein Verwerfen dieser Argumentation, meine Therapeutin nickt. Ich sage, dass ich doch alle meine Schwächen offenlege, sie sagt, dass das auch eine Stärke sei. 

Ich bekomme eine Hausaufgabe. Weitere Stärkung von Noah. Und, zusätzlich, während der Feiertage tun Sie mal ausschließlich, was Ihnen gut tut, und sei es nur einmal in ihrem Leben, aber machen Sie, was gut für sie ist – und wenn Sie sich dabei ertappen, Dinge zu tun, die Ihnen nicht gut tun, denken sie an mein Mh-mh.

Das schlimmste danach war eigentlich eher die Frage nach dem ’wie macht man das?’
Danach der Gang in den Supermarkt, in dem ich das letzte Mal im April war, wo ich einen meiner Dozenten traf und mir das so unangenehm war, dass ich den Laden verließ. Heute steht davor einer dieser Wagen, die ich noch von früher kenne, mein Vater und ich haben dort oft Brathähnchen gekauft, gelegentlich hat er mir auch einfach nur so ein vor Fett tropfendes halbes Hühnchen mitgebracht und mir ans Bett gelegt. Weil ich mehr essen sollte, ich sei ja so dünn. Der Hühnchenverkauf riecht immer noch genauso wie vor zehn Jahren. Im Nachhausefahren das Vorbeikommen an einem Haus, auf dem steht »Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.«

blind

Das bin ich und ich schlafe nur noch mit Heilpflanzentabletten ein, schweißgebadet nach Alpträumen und kürzester Zeit aufwachend, das bin ich ebenso – das dazwischen, das bin ich auch, also das defragmentierende Ich, das seit einigen Tagen nicht mehr richtig Ruhe finden kann und wie ausgelaugt vor sich hinvegetiert. Alles hat sich totgelaufen, letzte Woche der Schock nach Worten meiner Therapeutin und dem »immer noch«, das sie dahintersetzte, aber da rankt nichts mehr in meine Richtung, gar nichts mehr, nur etwas in rudimentären Versuchsreihen, die nach wenigen Millimetern absterben.
Das und das, dieses und jenes, das bin ich nicht, das habe ich nicht, aber genau das wird gesucht. Die Leerstelle zwischen dem gesuchten und dem, was ich geben kann, wieso muss mich das so jagen?
Das ist kein Wackelkontakt, das ist jemand anderes, jemand für den man all das machen will, was bei mir nicht sein darf. Noch eine mir abgenommene Entscheidung, in Gedanken ein Zitat von Goethe. Das Lernen, nichts davon als Unzulänglichkeit zu sehen, ein Ansatz. Es bleibt die bittere Medizin eines »jemand anderes schon, aber du bist das alles nicht wert«.
Wie das Hinfallen auf Eis, wenn man weiß, wie man aufschlagen wird, kein Schutzreflex, das Gefühl von Kälte im Rücken. Das letzte Mal, nach der Explosion, mein sich-wieder-Aufrappeln, ich bin sogar schon wieder weitergelaufen, dann war da plötzlich diese Hand an meinem Handgelenk, erst sachte, dann auf einmal rabiat, bis in meiner eigenen kein Blut mehr war. Und dann der Versuch, weiterzugehen, gescheitert. Ich werde wieder krank, kein Hunger mehr. Diesmal bleibe ich liegen, bis ich überall verschwunden bin, noch nicht einmal mehr eine Druckstelle bin, der Anfang ist gemacht, den Atem hat es mir ja schon verschlagen, da hilft noch nicht einmal mehr das Verbrennen der Haut mit zu heißem Duschwasser.

the engine

a year, number: twenty twelve
1 numbness, loneliness, sickness, helplessness, mental disorder. 2 a try, the creative spark, everything is temporary. 3 a visit, a town, a breakdown, help, the safe place. 4 the hello, a help, being found, finding, another try, the wait. 5 continuity, the safe haven, going up the hill, a city. 6 by my side, a breakdown, help, sleep deprivation. 7 you, joy, the safe person, finding, my summer. 8 you, tiny worries, the safe person, strength, apathy, a promise. 9 continuity, commitment, a suburb, a hotel, longing, fear, a collapse. 10 a twin advance, understanding, continuity, an explosion, loss. 11 longing, commitment, autopilot, a fence, hurt, missing, absence. 12 a reaction, commitment, understanding, fear, a retrospect, my promises, the wait.

fear not your fears
everybody needs an engine
you need an engine, that’s true
and you’re somebody else’s engine, too