down from the ceiling drips great noise

Untitled by smallcutsensations

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Man hält sich am Tiefengrund fest. Er brennt so schön, ähnlich wie Chlor. Sie steht in der Badewanne, knöcheltief drin. Es brennt so schön, sagt sie. Dann riecht es lange Zeit nach Schwimmbad. Die Gardinen sind schon zersetzt. Also die, die nie jemand je aufhing. Lass es sein, lass es sein. Irgendwo am anderen Ende der Welt schlägt jemand die Bettdecke auf. Ob es fröstelt? Ob es jemals gefröstelt hat an den Beinen? Selbst bei den Fragen nach dem richtigen Profil für den Winter? Ihre Knie, die, die sie sich aufgeschlagen hat beim Laufen auf Laub, die, die schon immer etwas anfällig waren. Physiotherapie und die Mischung aus Eis und Elektro, kein Nutzen. Am Ende war es nur der Rücken, der gelegentlich so aussah wie ein Schmetterling.

Die Rippen nach unten zählen. Links, rechts, links. Verständlich, dass es sie beunruhigt, sie zählt schon vor jeder Berührung mit, ist verwundert, dass die Brüche wieder verheilt sind. Die am Brustkorb, die an den Schlüsselbeinen, die tun nicht mehr weh. Dann ihre Mutter, die sagte, dass sie an gewissen Tagen gewisse Dinge nicht tun kann. Das Telefon, das durch den Flur schallt. Es riecht nach Kaffee und Zigaretten, nach Staub und imaginärem Linoleum auf dem Boden. Darunter sind Dielen, in den Spalten zwischen den einzelnen Bohlen lagert sich der Straßendreck ab, hier und da auch die eine oder andere Erinnerung. Sie packt sie weg. Es ist leicht, das muss das Chlor sein.

Dann mein persönlicher Auftrag: ein Foto, eins von ihm, irgendwann, eins, das so trifft, dass es auch ihm den Atem verschlägt. Abziehbilder sortieren: das ist beinahe so wie das Betrachten einzelner Hautzellen. Der Nagel reißt ein, das ist der einsame Rücken, der lange Nacken, er spiegelt sich im Ochsenblutboden.

Und ich weiß, dass es deswegen ist, dass ich nie (nach-)gefragt habe, dass ich die Namen aufgesogen habe, sie aber wieder vergessen habe. Nicht von Belang. Nicht von Belang für sie. Die Menschen da oben, die, durch die ein ähnliches Stück Blut fließt. Es bleiben Lücken, die ich nicht ausfüllen kann.
Die Felder, an die ich mich erinnere; ein Tag im Juli, eine Geburtstagsfeier, posieren auf der Wiese vor dem Hühnerstall. Wie sie alle nur sagten Oma Linde, wie ich sie nie kennenlernte, wie die anderen Leute dort mit mir verwoben waren, lose. Ich wollte nie Teil ihres Puzzles sein.

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supermassive black hole II / interlude I

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there must be something ancient running through my veins
I swear that you did not die when you told me your skin reminds you of something long gone
and did I not tell you I wanted to see Warsaw and Krakow because I think the light lingers in between the buildings
the way it lingers between your eyelids
because the trains would not tell us where they would want us to go to either and seeing that there are sayings that are partial lies we did nothing but vanish into thin air
afterwards I checked for vital signs only to find that I could not measure them with my fingers even if I tried
simply because there was something far more complicated stuck in my eyes 
I guess it was the forest and the sea and how bewildering it was to be
only then I realised how much I longed for the sharpness of skin and the way it feels when fingertips slide down spines
only to find the root of another person’s body
please let me be your dinosaur, too
never let me sink
always feel at home

this must be heaven, I must be a fool

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Ich hoffe, du weißt, dass, wenn du mich aus einzelnen Teilen zusammensetzt, trotzdem Blut durch meinen Körper fließt. Man wird nicht Frankenstein, nur weil das Gegenüber Ideen in einen hineinentwirft, Suggestivkonzepte einer Person, die sich bewahrheiten können oder von Wahrheiten abgelöst werden. Das entferne Rattern aus dem Tunnel über meinem Kopf, ich wollte noch nicht weg.
Kartographieren, was ist, geht, bleibt. Das Erfahren der Umgebung in kleinen und großen Kreisen. Der falsche Bus, die falsche Haltestelle, die falsche Richtung. Immer der längste Weg von A nach B: Umwege haben noch niemandem geschadet.

Ein Film pro Woche und das Wiederfinden der Sprache. Man lächelt doch immer, wenn man unsicher ist, man redet immer tiefes in den halben Stunden zwischen viel und nichts.

I do believe in symmetry

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Wann passiert das eigentlich, das: Tempo aufnehmen; ab welchem Moment bewegt man sich im gleichen Takt wie die Füße um einen herum? Dann das Fliegen, Schweben durch den Herbst, weil der Zug eine merkwürdige Schneise zieht. Er taucht ein ins Haus, oft hört man noch das Rattern, direkt daneben: die Straße.
Weißt du, ich habe dir nichts davon erzählt in der U1, weil ich dachte, dass es sentimental wäre. Weil ich dachte, es bringt nichts, wenn ich dir von Dingen erzähle, wenn wir sie nur mit einem Grinsen versehen. Einem, das mir die Fragezeichen ins Gesicht schlägt. Immer diese Momente, in denen alles still ist. Still, heimlich, leise. Im Waggon roch es schon nach Morgen, nach Menschen auf dem Weg zur Arbeit: vereinzelt. Das verspätete Torkeln zum herrschaftlichen Hauseingang, es fühlte sich so an, als hätte man mich gerade mit Glück belegt, als wäre nicht gerade der Herbst in meinen Knochen, als würde gleich der Frühling beginnen.

Ich wollte meine Familie anrufen, starrte auf das Display meines Telefons und erinnerte mich dann daran, wieso ich es nie tat. Das war immer der Ist-Zustand. Die Gesichter sehe ich viel lieber, auch wenn es mir mehr wehtut. Karten sollte ich schreiben, welche mit Herzblut in den Worten. Karten sollte ich schreiben, weil ich nicht möchte, dass du vergisst, dass ihr vergesst. Auch wenn ich nicht genau weiß, was es ist. Es: meine Augen, die, die die Farbe ändern von blau zu grün zu grau zu blau, die, die dir so in die Augen starren, die, die euch abtasten am Handrücken.


I’ll soon return a hurricane and blow away your doubtful reservations
(Brasstronaut – Bounce)

girl, you know you’ve got to watch your health

fünfundvierzig
Das ist also die letzte Sitzung. Ich bin viel zu früh da, glaube ich. Es ist Ende Juli, ich wollte erzählen von Dingen, die vorgefallen sind. Aber ich warte noch: auf eine Hochschulzulassung, auf ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft und auf ein weiteres Wort von anderer Stelle. Doch nichts ist passiert und nichts kann ich erzählen. Die letzte Sitzung und es geht mir sehr komisch um im Magen, ich sehe, dass wir uns alle verändern und dass es Routinen gibt, an die man sich gewöhnen kann, weil man sich mit ihnen wohlfühlt. Und jetzt sitze ich in einem Therapieraum, der temporär zum Wartezimmer umfunktioniert wurde.
Eine etwas ältere Frau, die mir gegenüber sitzt, füllt gerade den Eingangsfragebogen aus, ich kenne noch die Seiten und die Fragen. Im Raum ist es stickig, draußen ist es viel zu warm. Dann höre ich wieder, wie sie die Treppe herunterläuft. Ich stehe auf, vorher kritzele ich noch schnell einen Satz in mein Notizbuch.
Sie fragt mich, wie es mir geht, sie lacht und ich weiß, dass sie weiß, wie ich antworten werde. Es geht mir gut, aber ich bin auch auf der anderen Seite sehr traurig. Wir besprechen, was es war, wir erinnern uns und es ist fast schon schlimmer als „Gehen“ – die Sitzung wird zu einem Abschluss, von dem lange Zeit nicht absehbar war, ob es einen geben wird. Ich danke ihr für alles, was sie für mich getan hat. Ich weiß, dass ein großer Teil davon nicht selbstverständlich war. Haben Sie ein Wort oder einen Talisman, den Sie mit der Therapie verbinden? Ich werfe zum ersten Mal seit anderthalb Jahren das Wort „Scherbengewitter“ in den Raum. 
Ich muss da spontan an ein Mosaik denken. Sie lächelt.
Mein Grundgedanke war ein Spiegel, der zerbrochen ist, aber wieder zusammengesetzt wurde. Dann ist da kurz meine Angst. Dass etwas verlorengegangen ist von meiner Art, die Dinge zu sehen und zu beschreiben.
Vielleicht ist es einfach so, dass Sie Ihre Umgebung nicht mehr im Prozess des Schreibens leben, sondern dass Sie sie aktiv erleben, während Sie sich in ihr befinden, in der Situation oder in der Interaktion mit einem anderen Menschen. Ich nicke, aber damit komme ich noch nicht so zurecht. Trotz allem oder gerade deshalb: es geht mir gut. Und die Wehmut kommt. Wir sprechen über Dinge, über die wir monatelang nicht geredet haben; jetzt, wo wir sie aussprechen können, ist es noch familiärer, vertrauter und ich bin noch dankbarer.
Dann ein Ende und ich gehe das letzte Mal die Treppe aus dem ersten Geschoss nach unten. Merkwürdig, ich glaube, ich habe gerade mein Herz in meine Füße rutschen hören.
Diese Sitzung ist schon lange her (und ich will und werde auch nicht mehr dazu schreiben, denn das mehr ist meins) und aus irgendeinem merkwürdigen Grund sind die letzten anderthalb Jahre so sehr in mir drin und gleichzeitig so aus mir herausgebrochen, dass ich es kaum glauben kann, dass es das alles gab. Hilfe suchen. Diagnose. Therapie. Kostenübernahme. Schnelle Besserung und Stabilisierung. Schneller Verfall. Psychiatrie. Langsames Hochkommen. Langsam, aber stetig. Keine zwingende Notwendigkeit mehr.
Anfang 2012 schrieb ich, dass ich nicht glaube, dass ich jemals so glücklich sein kann wie andere Menschen. Heute weiß ich, dass ich jahrelang an einer Depression bzw mittelschweren bis schweren depressiven Episoden litt. Zumindest in meinem Umkreis ist das Thema kein Tabu und mich macht dies stolz. Zu oft hört man, wie mancher diskreditiert wird wegen einer Erkrankung, weil man sie nicht sehen kann wie den Gips um ein gebrochenes Handgelenk oder ein gebrochenes Bein. Weil es Sachverhalte aufrüttelt, die nicht nur im eigenen Brustkorb brennen, weil es immer aus Begegnungen, Verhalten, Bewertungsmustern her gespeist wird. Dieses schwarze Loch im Kopf, das böse Wort, das mit „D“ anfängt. Man sollte sich folgendes merken: wir brennen alle, manchmal brennen wir uns fest und, wenn es ganz schlimm kommt, brennen wir aus. 
Es ist alles schon ok, solange man auf sich aufpasst, sich beobachtet. Mich hat meine Erkrankung und die Auseinandersetzung damit weitergebracht, ich bin fast schon so weit, zu sagen, dass es gut war, dass die Begebenheiten so kamen, wie sie kamen. Es geht mir gut und ich kann wieder atmen. Momentan fließe ich die Friedrichstraße nach oben und nach unten wie ein Sonnenstrahl. Ich fühle mich gut und ich weiß, dass das gerade ein Normalzustand ist. Das Bewusstsein, dass es nach unten und nach oben gehen kann, läuft mit. Ebenso ein potenzieller Rückfall, damit muss man immer rechnen. Nur kennt man sich jetzt, lebt und liebt sich besser. 
Und allen Menschen, die mit mir ein Stück des Weges gegangen sind und allen, die noch mit mir gehen und mit mir gehen werden, bin ich dankbar. Nichts ist selbstverständlich, vor allem nicht die eigene Gesundheit. Passt auf euch und die, die ihr liebt auf. Mir geht es gut.
(Grimes – Oblivion)

(Fotos; links oben: Tag der Entlassung am 6.1., alles weitere: Berlin, aktuell)

choices

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Ich träume nur noch in Berliner Straßenschildern. Oder in Augen, die, stechend durch mich hindurch strahlen. Oder ist es wirklich die Zeit, die sich so beeilt, die, die so rennt? Irgendwie schmerze ich deswegen nicht mehr.

Ist das das Rasseln der U-Bahn, hinter dem Hof oder ist es doch der ICE, der sich am Park vorbeischlängelt? Im Vordergrund der Fahrtwind, das Rauschen der Kabelschächte: war das schon immer so eng? Beschleunigung, weil die Stadt Licht spuckt und dabei noch nicht einmal zittert. Es ist hier so schrecklich schön, dass ich es selbst noch nicht fassen kann. Gelegentlich muss der Spaziergang für die Seele sein. (Ich lerne wieder sehen.)

he’s on your doorstep
he’s laden with flowers