self control

Früher erzählten sie oft vom Dickicht zwischen den Laken. Früher war ich oft darin.

Früher haben sie mir gesagt, es sei ein leichtes, sich in den Kerben anderer Menschen zu verrennen, vor allem, wenn sie ähnlich geformt zu sein scheinen wie die eigenen. Sie haben gesagt, dass manches wieder ausbeult mit der Zeit, dass die einen Pflaster und Decken brauchen und die anderen Tieflader und Therapeuten. Generell haben sie das Wort Zeit sehr oft verwendet.

Sie sagten nichts davon, dass manche Krater tiefer werden je länger man wartet oder dass deren Spiegelung Fluchtreflexe streut. Gewarnt haben sie nicht vor Narziss und Demian oder dem lauten Poltern von Versprechungen, die gekoppelt sind ans Gewissen. Ich bin nicht der Fluchtreflex der anderen, ich bin nicht die von ihrer Kerbe ausgelöste Schneise.

Es zieht und zerrt und schiebt und treibt irgendetwas in meinen Venen, vielleicht ist das aufkeimende Indifferenz, vielleicht Müdigkeit. In meiner DNS nur ein Clusterfuck aus den Seelen meiner Vorfahren, kondensiert, begrenzt von meinen Schädelknochen. Manchmal pulsiert er durch meine Erinnerungen in Amöbenform.

Das Wort „früher“ haben sie zu häufig verwendet, Kreise sollte man nicht erst im Alter ziehen. 

Es ist so leicht zu vergessen: du bist in keiner Weise die Menschen, die dich nicht lieben können, du bist kein Altlastenleben. Dann wieder der Pfleger aus der Klinik, der immer wieder sagte: Sie haben eine Verantwortung den Menschen gegenüber, mit denen Sie zu tun haben und die Ihnen wichtig sind. Sie haben die Verantwortung ihnen zu sagen, was sie in Ihnen auslösen. Und die anderen haben dieselbe Verantwortung Ihnen gegenüber. Mein Fluchtinstinkt, trotzdem Aushalten.

Dann, vereinzelt: ich ziehe und schiebe und zerre mich nicht mehr zurecht für die Schneisen in anderen drin. Ich darf hier sein, dafür brauche ich keine Genehmigung.

(Laura Branigan – Self Control)

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but see (I)

(alternativ: gelesen)

Die Luft schlägt sich in Wellen.
Das erste Mal fällt es mir auf, Stein, zerschlagen in blau.
Ich folge dem Mann um das Haus, das er säubert. Rote Arbeitskleidung, Reinigungsbesen. Er läuft langsam. Im Haus drin verarbeiteter Stahl.

Ich möchte mir ein Moleskine kaufen, ich korrigiere: noch eins. Irgendetwas braucht man, auf das man hinarbeiten kann. Und sei es die Freiheit leerer Seiten. Mir kommt ein Name in den Kopf. Walter Benjamin. Walter Benjamin, verdammt, wer ist das? Bestimmt ein paar Mal gelesen, ein paar Mal gepostet, trotzdem vergessen. Manche Namen klingen, andere schleifen sich ein. Wie die knarzende, nicht geölte Tür der Wohnung unter uns. Jedenfalls steht dieser Walter jetzt vor mir, Philosoph, war ja klar. Ich würde gerne dessen Tagebücher mal lesen. Dann wandert mein Blick zu Wittgenstein. Ich erinnere mich: Wolfgang Herrndorf, das ist die Charité, an der ich vorhin mit der S-Bahn vorbeigefahren bin, Arbeit und Struktur und sein Grab, beides nicht allzu weit entfernt.

Der Klang von Stille ist angenehm, dann das Ruckeln der U-Bahn, hörbar gemacht – könnte bitte jemand meine Gedanken aufzeichnen?
P sagt, ich soll mich nicht limitieren und während ich daran denke und in die Glasscheibe der Abteiltrennwand schaue, mich dank des Mannes in schwarzer Jacke spiegeln kann und dabei mein Gesicht studiere (das macht ihr auch, ich weiß das), erscheint mir der Fahrgast schräg hinter mir wie ein Nachrichtensprecher, mit dem ich quasi aufgewachsen bin. Zwanzig Uhr, Guten Abend, meine Damen und Herren, dann fängt der Mann an zu fluchen und ich verwerfe jegliche Ähnlichkeit.
Mein rechtes Ober- und auch das Unterlid fängt bedrohlich an zu zittern. Man sagte mir mal: das ist Stress. Oder: dir fehlt MagnesiumDann reden sie von Haftbefehlen. In meiner persönlichen Blase ist es schön, es ist warm, ich hebe mich vom Muster des Sitzes ab. Wie sie schimpfen: Übergang zur U12, keine Ansage freundlich.

Umsteigen – ich frage mich, ob die Leute hinter mir (also die auf der Rolltreppe) auf meine Beine schauen. 40 Den, wie durchsichtig kann das sein? Sieht man meine Leberflecke? Die Muttermale auf der rechten Außenseite? Zumindest redete ich mir das immer ein, dass es Muttermale sind, aber es ist am Ende nichts anderes als eine pure Störung meines Melatoninhaushalts, da an diesen Stellen, nur hat es diese Störung weder zu einem Feuermal noch zu einem ausgewachsenen Leberfleck geschafft. Glück gehabt.

Beim Aussteigen laufe ich gegen eine Signalanlage, die U-Bahn ist zu lang für den Bahnsteig; belgische Waffeln sind mein Untergang. Ich schließe die Tür zu unserer Wohnung, sie ist leer.

oh, there is thunder in our hearts
(Kate Bush – Running Up That Hill (A Deal With God))

sometimes I’m cold and sometimes I burn

16

Viel Sonne, gute Laune bis circa halb sieben. Ganze Nacht durchgeweint – erster gefühlter Rückfall seit sehr langer Zeit; manchmal klopfen Muster von vor fünf Monaten an meiner Tür. Schlafe erschöpft zu Arbeit und Struktur ein.
Die Frage, wie viel das Anti-Depressivum meine Emotionen gedämpft hat, wie viel man damit tatsächlich eigentlich fühlen kann. Stelle fest: im Vergleich zu dem, was ich jetzt an „Emotionsspektren“ fühlen kann, war ich die letzten Monate emotional tot.

17

Ich fühle mich sehr zu viel. Viel Herrndorf, Gedanken an Christa und Kopfschmerzen. Schlafe am Nachmittag ein, habe das alte Berlin verkauft, die alten getrockneten Blumen von vor einem Jahr liegen endlich in einer Mülltüte in den Tonnen im Innenhof. Will mich gerade nicht mehr an März bis Dezember des letzten Jahres erinnern.
Vormittag. Erstes Gespräch, ich weine vor ihm, endgültigen Test bestanden, dann sagt er: Sie sind krank und in Bezug auf das Ausschleichen bzw Absetzen des Medikaments: (…) da ist es normal, dass Sie dünnhäutig sind. Vergesse das mit dem krank sein immer wieder, aber bei manch anderen Krankheiten merkt man auch nur die schlimmen Phasen. Blättern im Notizbuch, das ich in der Klinik führte: die 30 werde ich nicht erleben. Erschrecken. Kann man das vergleichen mit Schnupfen, Reizhusten und Tuberkulose? 

Ich fühle mich sehr zu viel. Nennen wir das Selbstschutz und beginnen wir mit einer Verknappung der Sprache. Schon längst begonnen und umgesetzt. Konsolidierung. Heute: Eingangsbestätigung des Antrags auf Zulassung. Bitte sei einmal einfach nur genug. 

Der Himmel läuft goldgelb an im Sonnenuntergang. Das sieht man Dank der Innenhoffassade, die mich anblickt. Werde noch bis mindestens Februar hier wohnen bleiben. Muss mein Leben erst noch ersehen. 
Wollte eigentlich Christa, Herrndorf und Helene Weigel auf dem Dorotheenstädischen besuchen gehen. Zu kalt, zu windig, das herausschwemmende Moclobemid hat schon genug Dienst getan. 

Manche Menschen sind vom Körperbau her groß, im Inneren aber sehr klein, bei manchen ist es umgekehrt. Selbstschutz ist mir derzeit einfach wichtiger als Etikette. Mag mir momentan nur von meinem Therapeuten im Inneren herumwühlen lassen; reden und erklären kann man, das ist kein herumwühlen. An alle Kopfschüttler: lauft mit meiner Biografie, meinem Empathie-/ & Sensibilitätslevel und meinen bisherigen zwischenmenschlichen Erfahrungen mal zehn Tage in meinen Schuhen durch die Stadt (und tragt dazu noch ein riesiges schwarzes Loch im Kopf und teilweise unnötige Schuldgefühle, die aber größer sind als die Milchstraße mit euch herum) – dann können wir gerne über Selbstschutz debattieren. Wer mich darüber hinaus, deswegen oder wegen was auch immer, zurücklassen will, soll das tun. Ich lerne gerade laufen und versuche mich selbst im Zwischenmenschlichen einem Normal anzunähern, das mir jedes Mal viel Kraft abverlangt (aber ohne meine engsten Vertrauten und Freunde nicht umzusetzen wäre – ich bin für jeden Einzelnen von euch dankbar). Ich habe früher nicht gelernt, wie das alles funktioniert. Jeder Tag ein Zurückkämpfen. Er sagte heute vormittag: Sie bekommen sehr viel hin, aber in einer Sparte sind Sie defizitär, der Selbstversorgung – und da sprechen wir alle Ebenen an. Sie dürfen sich anschauen, was alles funktioniert. Sie funktionieren. Ich funktioniere. Funktioniere. Funktion. Routine gesucht, erarbeitet, erkämpft.

Arbeit und Struktur.

I’m empty but
I’m never alone

(Sophie Hunger – Supermoon)

heavy pop II

Meinst du nicht auch, dass das nur der Klang ist? Nur das stadtspezifische sich durch die Gegend trollen? Wie meine großspurigen Bemerkungen, evident einer gut gemeinten aber nicht abgeschlossenen Bildung, mein ganz persönliches „Zurückbleiben, bitte“. Wie hier das Piepen, das wilde Pochen in den Schächten, von denen ich schon als kleines Kind begeistert gewesen bin, von denen ich schon in meiner kleinen Großstadt träumte, oft mit dem Essen noch in den Wangentaschen; „kau, kau doch einfach“, das sagt sich immer so leicht, wenn man eigentlich nichts essen möchte.

Oh, weißt du, diese eine Haltestelle macht mich immer einfach nur traurig, aber wenigstens kam man aus dem Haus. Du weißt schon, das waren nur Türme, schlechtgemeinte Leuchttürme. Ich kann sie teilweise noch nicht kontrollieren. Hier aussteigen, was für ein Masochismus, selbstauferlegt: das sind Spiele, sie stehen hier im Kilt in den Gängen unter den Straßen.
Morgen werde ich nichts mehr von ihnen lesen können. Alles nur Ringbahnen in mir drin. Die beiden Richtungen, letztlich: ein Kreis, komplett, doppelt geschlossen.
Aber wenigstens fahren sie auch in die Werkstätten, vor Hunger in den Zügen und der Kälte, die in den Extremitäten liegt. Oh, diese Wetterberichte, der Wagen ist ungeheizt, die Zettel hängen an den Türen, meine kleinen Achterbahnfahrten: kommst du irgendwann auch einmal an? Magst du mir denn nicht verraten, wer dich gerufen hat? Magst du mir denn wohl etwa davon erzählen, was dich bewogen hat, all die Schichten anzuhäufen, die dich und mich erzittern lassen bei jedem Schritt?
Magst du nicht einfach durch den Nachmittag kommen, den am kommenden und den am übernächsten Tag? Ja, ich weiß. Du verstehst das hier nicht, aber ich spreche nicht von dir: ich spreche von dir.

mir frieren die finger / ein
denn / ich stehe immer
an den falschen stationen

at night and in the daylight
(WU LYF – Heavy Pop)

Odessa

Untitled by smallcutsensations

Untitled by smallcutsensations

Inventur III

Die Ecken kann man nicht übersehen und doch greifen sie mit Regelmäßigkeit durch meine Haut. Farbspektren zwischen #b3a79b, #c9b69d und #b3b5aa, alles passiert im Kleinen und wohnt auf meiner Hülle für ein paar Tage, gelegentlich auch Wochen. Schatten, die noch immer auf mir liegen.
Man entdeckt Muster neu und wieder, man fühlt sich wie von Jacquardmusterung durchzogen, nicht fein und filigran, eher grob und klotzig. Dann weint man nur auf der Seite, die der Andere nicht so gut sehen kann im Dämmerlicht und hofft darauf, dass die Krähen, an denen man vorbeiläuft, die faulen, faden Stellen in einem zerfleischen, bevor man durch die Nächte weint.

Ich kann es (nicht) verstehen, meine Tusche unter den Lidern, durch die Kathedralen hindurch. Die, die niemand versteht; wo bringen sie nur meine Haare hin, die, die durch die U-Bahnschächte fliegen, auf den Flächen dieser Stadt liegen wie zu schweres Parfum?
Nicht wissen, wo genau die Dinge hinführen. Oh, was hätte ich gegeben für den anderen Dielenboden, den falschen, der klebt manchmal so merkwürdig auf dem Estrich, wie das Klacken eines jeden Schrittes.
Das ist grausam, aber da fehlen die Gedanken, die Reflektion, kein leises Flüstern mehr, weil die Wände so dünn sind. Vielmehr: weil die Adern so trocken sind, so trocken in so vielen Schichten, so ausgetrocknet an den Orten, an denen es wichtig ist.
Rennen, weil man es nicht anders gelernt hat. Im Beinahe-Weinen sich selbst gefunden, die Zwiebel so lange geschält, bis der letzte Rest zerbröselt ist. Auftauchen, ertrinken in den Wassergläsern, die um meinen Kopf verteilt sind.

Schlafen in leeren Betten. Es zerrt mir so langsam wieder den Wald in die Augen, dabei will ich nur das Feuer in ihnen löschen.

we have portrayed the delusion of trust
lately, it seems everything that we touch
gradually turns into piles of dust
sweet soft dust

this is not what you wanted

Untitled by smallcutsensations

Inventur II

Der Leberfleck auf dem kleinen Finger, der, der mal aussah wie Island, entwickelt sich. Er wächst weiter in den Fingerabdruck hinein, irgendwann kommt er auf der Kuppe an. Fotos von früher, das war Babyspeck, wir lachten und sagten, damals waren wir schon dünn, heute sind wir dünner, die Knochen stechen heraus beim Brücke machen, nur knackt es heute im Rücken. Nicht kalkulierte Risiken, damals wie heute. Nur macht es mittlerweile mehr Angst, wenn etwas tatsächlich so funktionieren sollte wie gewünscht.

Die Brille, sie hilft beim Suchen der Bücher, die ich schon immer lesen wollte. Glück mit CW und CH, ein unbestimmtes, stechendes Gefühl Marke ‚und irgendwas muss doch noch kommen‘, aber das Buch ist zu Ende und dein eigenes musst du noch schreiben. Mit Drang, mit Konzept, du malst dir den Zeitstrahl auf, du bist unter die Charakterkomponisten gegangen. Immer dieses Aufzählen der Dinge. Vielleicht, damit man Abstand generieren kann, damit man weniger mitnehmen muss an Ballast.

Eine Definitionsfrage, sicherlich. Das Wasser, kalt und aus dem Hahn in der Küche, fließt genauso die Kehle herunter. Früher habe ich mich gesielt in meiner eigenen Abgestandenheit, der Kalk in meinen Adern ist bestimmt im Herzen stecken geblieben.

Dann eine andere Frau mit Morbus Sudeck, sie wünscht meiner Mutter gute Besserung. Der letzte Kontakt vor mehr als einem Monat. Ich bin da, manchmal nicht, zumindest geistig bin ich anwesend. Strukturgebilde, künstlich, sie hängen an meinem Fensterglas in Staubform. Oder sind die Sessel, die ich kaufe und wieder abgebe, doch zu bequem für mich?

Eine wichtige Notiz: ich hinke niemandem hinterher. Ich bin hier und jetzt. Du bestimmt auch.

not what you had in mind

(Moderat – Bad Kingdom)

this is not

Inventur

Das ist das Hämatom am linken Ellenbogen, das ist das aus der Bahn, auf dem Oberschenkel das von einem Tisch oder Schrank oder so ähnlich, an den Knien Hämatome vom zu vielen Sitzen im Schneidersitz. Ansonsten: Haut fast weiß, vergleichbar mit Fliesen, der Stuhl schneidet wie immer in die Seite. An den Fingerspitzen Papier, manchmal Bildschirm, dort eine Briefmarke, hier ein Briefumschlag. Du, in dem roten Buch, alt, in dreifacher Ausfertigung mit Abzügen. Am Rücken Kissen, um mich herum ein Bett aus irrelevanten Gegenständen. Die Winterstiefel im Flur, noch nicht einmal mehr nass von letzter Nacht, aufgebaut, ein abgefahrener Zug, Fragen im Dickicht. Du, neu, auf dem Bildschirm, meine Seite: ein Ende. Das ist also die Wut, die ich nie sehen durfte, jetzt weiß ich ganz genau wieso. Und im Waschbecken fließt abgestandenes Wasser durch den Ausguss, das war das letzte Mal, dass du mir wehgetan hast.