Lessons Learned

Stell dir vor, du wärst ein Schiff mit Pomp und Gloria. Und du würdest es gerade mal auf 1,3km zurückgelegte Strecke schaffen bevor du sinkst. So muss es sich anfühlen, wenn du Meeresböden liebst. 

So etwas passiert nur ein einziges Mal.

Heute: ich sehe deinen Namen und denke – mittlerweile – an jemand anderen, chronischerweise, allgemein gesagt.

(Matt & Kim – Lessons Learned)

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Disconnection

April 2016
Bonygasse, Wien

Manche bleiben Entwurf und Hülle und werden nie nach dem Leben geworfen, wie Hesse es einmal schrieb oder vermutete vielmehr. Manche bleiben so wie sie sind, noch nicht einmal Frosch oder Fisch. Sie bleiben Amöben und passen sich allem an, sind die kleinen Fähnlein, die durch die Gegend ziehen. Und ein paar von ihnen versuchen andere anzupassen, zu pressen in eine Form, um sie kleiner zu machen als sie selbst, versehen mit einer diffusen Angst.

(Vita Bergen – Disconnection)

marks to prove it

Die Kopfhörer bewusst abgelegt, Musik aus, Ohren an, jetzt erst fällt mir ein ohrenbetäubender Tinnitus auf, er schlummert wohl schon länger in an gegenüberliegenden Orten in meinem Kopf.  Dem wiederum gegenüber gestellt: diese ganz besondere Stille, die die Großstadt verströmt, wenn man sich zugesteht, dass man in ihrer Falle sitzt wie eine Fliege im Spinnennetz. Die Treppen auf dem Weg zum Licht, früher Zweck eines Aufatmens, jetzt Erlösung und Last zugleich – eventuell ist in entfernter Zeit eine Art der Indifferenz möglich. Ich bemühe mich, den an mir Vorbeigehenden nicht in die Augen zu sehen, nicht in ihre Gesichter, nur noch schemenhaft zumeist dunkle oder exorbitant strahlende Kleidung wahrzunehmen. Es klappt ganz gut, viele sehen mich ebenso nicht, wir laufen weder ineinander hinein noch kommen wir uns im Ansatz in die Quere. Nur keinerlei Berührung stiften. Die halbstarken Jungen, unter ihnen garantiert auch Männer, die sich vor den Hauseingängen sammeln, verschwimmen zu einer Masse, die sich an die Backsteinwand hinter ihnen angleicht. Vielleicht geht es ihnen mit mir ebenso, ich werde zum Poller, der ein paar Meter vor ihnen in die gepflasterte Erde gerammt ist. Manchmal fahren sie gegen ihn mit ihren schweren Autos, jagen sich johlend über die Breite des Straßenzugs und werfen sich gegen diesen Poller, sitzen und lachen und beobachten und sprechen. Leben, wie diese Poller, da angeordnet im Viereck, in Stahl gegossen, aneinander vorbei.

Im Supermarkt, wie auch im Künstlerbedarf ein paar Minuten zuvor, stehen Kinder und schreien nach ihren Müttern, laufen wild durch Beine, die für sie wie die von Riesen wirken müssen. Laufen in mich hinein und sehen mich dabei noch weniger als die Fremden vor der Tür, die sich nur den Raum der Gehsteige mit mir teilen. Nie lernt man aus den Erfahrungen vorangegangener Besuche, jedes Mal gefangen in irgendeinem Trip, einem persönlichen oder beruflichen. Schienen, gerade, nebeneinander, parallel, und Impulse, die wie Ratten und Mäuse in den U-Bahn-Schächten den Weg kreuzen. Irgendetwas fehlt.

Der Weg nach Hause, diesmal alles leer. Im Café an der Ecke sitzen ein paar Leute und lesen, am liebsten würde ich mich zu ihnen setzen, nichts sagen, mich einfach nur hinsetzen und lesen. Vielleicht schreiben wie im Rausch, dann ein Vorwand, der es mir ermöglicht, „da“ zu sein und mich gleichzeitig einem Zugriff zu entziehen. Schutzzonen innerhalb und außerhalb. Zwanzig Meter weiter rennt ein Mann gen Pentagon-Sitzbank auf der kleinen Freifläche an der Kreuzung, er hält einen blauen Plastikstuhl für Kinder und schaut mich dabei fragend an. Ein paar Sekunden möchte ich mit ihm mitrennen, aber mir tut der Kopf weh und ich hasse es, wenn man mich rennen sieht, auch, weil der Atem fehlt. Ich bleibe stehen, er verschwimmt wieder zu der grauen Jacke, die er anhat, wird immer schemenhafter und rennt weiter, am Ende höre ich nur noch seine übertrieben lauten Schuhe, eventuell hat er den falschen Absatz vom Schuster an seine Schuhe machen lassen.

Ein kurzer Impuls noch, dann ist alles in mir still. Es ist in Ordnung. Es gibt nichts, wegen dem ich mich beeilen müsste.

no one was crying
they simply got a little something in their eye
no one was lonely
they just could not get hold of anybody
over the summer, a lot changed
and they all changed to keep up with it
too complicated
too complex to talk to anybody

(The Maccabees – Marks To Prove It)