marks to prove it

Die Kopfhörer bewusst abgelegt, Musik aus, Ohren an, jetzt erst fällt mir ein ohrenbetäubender Tinnitus auf, er schlummert wohl schon länger in an gegenüberliegenden Orten in meinem Kopf.  Dem wiederum gegenüber gestellt: diese ganz besondere Stille, die die Großstadt verströmt, wenn man sich zugesteht, dass man in ihrer Falle sitzt wie eine Fliege im Spinnennetz. Die Treppen auf dem Weg zum Licht, früher Zweck eines Aufatmens, jetzt Erlösung und Last zugleich – eventuell ist in entfernter Zeit eine Art der Indifferenz möglich. Ich bemühe mich, den an mir Vorbeigehenden nicht in die Augen zu sehen, nicht in ihre Gesichter, nur noch schemenhaft zumeist dunkle oder exorbitant strahlende Kleidung wahrzunehmen. Es klappt ganz gut, viele sehen mich ebenso nicht, wir laufen weder ineinander hinein noch kommen wir uns im Ansatz in die Quere. Nur keinerlei Berührung stiften. Die halbstarken Jungen, unter ihnen garantiert auch Männer, die sich vor den Hauseingängen sammeln, verschwimmen zu einer Masse, die sich an die Backsteinwand hinter ihnen angleicht. Vielleicht geht es ihnen mit mir ebenso, ich werde zum Poller, der ein paar Meter vor ihnen in die gepflasterte Erde gerammt ist. Manchmal fahren sie gegen ihn mit ihren schweren Autos, jagen sich johlend über die Breite des Straßenzugs und werfen sich gegen diesen Poller, sitzen und lachen und beobachten und sprechen. Leben, wie diese Poller, da angeordnet im Viereck, in Stahl gegossen, aneinander vorbei.

Im Supermarkt, wie auch im Künstlerbedarf ein paar Minuten zuvor, stehen Kinder und schreien nach ihren Müttern, laufen wild durch Beine, die für sie wie die von Riesen wirken müssen. Laufen in mich hinein und sehen mich dabei noch weniger als die Fremden vor der Tür, die sich nur den Raum der Gehsteige mit mir teilen. Nie lernt man aus den Erfahrungen vorangegangener Besuche, jedes Mal gefangen in irgendeinem Trip, einem persönlichen oder beruflichen. Schienen, gerade, nebeneinander, parallel, und Impulse, die wie Ratten und Mäuse in den U-Bahn-Schächten den Weg kreuzen. Irgendetwas fehlt.

Der Weg nach Hause, diesmal alles leer. Im Café an der Ecke sitzen ein paar Leute und lesen, am liebsten würde ich mich zu ihnen setzen, nichts sagen, mich einfach nur hinsetzen und lesen. Vielleicht schreiben wie im Rausch, dann ein Vorwand, der es mir ermöglicht, „da“ zu sein und mich gleichzeitig einem Zugriff zu entziehen. Schutzzonen innerhalb und außerhalb. Zwanzig Meter weiter rennt ein Mann gen Pentagon-Sitzbank auf der kleinen Freifläche an der Kreuzung, er hält einen blauen Plastikstuhl für Kinder und schaut mich dabei fragend an. Ein paar Sekunden möchte ich mit ihm mitrennen, aber mir tut der Kopf weh und ich hasse es, wenn man mich rennen sieht, auch, weil der Atem fehlt. Ich bleibe stehen, er verschwimmt wieder zu der grauen Jacke, die er anhat, wird immer schemenhafter und rennt weiter, am Ende höre ich nur noch seine übertrieben lauten Schuhe, eventuell hat er den falschen Absatz vom Schuster an seine Schuhe machen lassen.

Ein kurzer Impuls noch, dann ist alles in mir still. Es ist in Ordnung. Es gibt nichts, wegen dem ich mich beeilen müsste.

no one was crying
they simply got a little something in their eye
no one was lonely
they just could not get hold of anybody
over the summer, a lot changed
and they all changed to keep up with it
too complicated
too complex to talk to anybody

(The Maccabees – Marks To Prove It)

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Fast Lane

An mir vorbei die Bahn ohne Brandenburger Tor in hundertfacher Ausfertigung, ruhig, abgestanden leer. Das Brennen in den Dingen drin und die Asche, die es hinterlässt, zu oft hat niemand darüber gesprochen. Das sind Eisbrecher, diese Tieraugen, wie er mit ihnen spricht und die Erkenntnis, dass wir bei alledem immer noch selbst Tiere sind, geblieben sind, nie etwas anderes waren. Der Fluch des Gefühls der Superiorität und der Schlag in den Nacken, der darauf folgt, lehnt man sich zu weit aus dem Fenster.
War ich selbst etwa eine von Droste-Hülshoff, habe ich selbst immer auf den See gestarrt, habe ich selbst geschrieben, schreiben wollen über alles und von allem das, was am tiefsten in den Fasern steckt?

Hätte mich gerne mit mehr Menschen, Helden von mir, unterhalten über ihren Schmerz und mein kaputtes Bauchgefühl. In weniger als einem halben Jahr werde ich achtundzwanzig und bin im Gefühl stehengeblieben. Da, in dem großen Raum mit den vielen Leuten, sagte er: es braucht Zeit, Gefühle haben eine Zeit. 
Das hier ist ein Requiem für etwas, irgendetwas. Es hätte wichtig sein können. (Ich rede mir einfach weiter ein, dass ich nichts fühlen kann.)

it’s been twenty-seven years
and you’ve only now just figured out how

(Rationale – Fast Lane)