heavy pop II

Meinst du nicht auch, dass das nur der Klang ist? Nur das stadtspezifische sich durch die Gegend trollen? Wie meine großspurigen Bemerkungen, evident einer gut gemeinten aber nicht abgeschlossenen Bildung, mein ganz persönliches „Zurückbleiben, bitte“. Wie hier das Piepen, das wilde Pochen in den Schächten, von denen ich schon als kleines Kind begeistert gewesen bin, von denen ich schon in meiner kleinen Großstadt träumte, oft mit dem Essen noch in den Wangentaschen; „kau, kau doch einfach“, das sagt sich immer so leicht, wenn man eigentlich nichts essen möchte.

Oh, weißt du, diese eine Haltestelle macht mich immer einfach nur traurig, aber wenigstens kam man aus dem Haus. Du weißt schon, das waren nur Türme, schlechtgemeinte Leuchttürme. Ich kann sie teilweise noch nicht kontrollieren. Hier aussteigen, was für ein Masochismus, selbstauferlegt: das sind Spiele, sie stehen hier im Kilt in den Gängen unter den Straßen.
Morgen werde ich nichts mehr von ihnen lesen können. Alles nur Ringbahnen in mir drin. Die beiden Richtungen, letztlich: ein Kreis, komplett, doppelt geschlossen.
Aber wenigstens fahren sie auch in die Werkstätten, vor Hunger in den Zügen und der Kälte, die in den Extremitäten liegt. Oh, diese Wetterberichte, der Wagen ist ungeheizt, die Zettel hängen an den Türen, meine kleinen Achterbahnfahrten: kommst du irgendwann auch einmal an? Magst du mir denn nicht verraten, wer dich gerufen hat? Magst du mir denn wohl etwa davon erzählen, was dich bewogen hat, all die Schichten anzuhäufen, die dich und mich erzittern lassen bei jedem Schritt?
Magst du nicht einfach durch den Nachmittag kommen, den am kommenden und den am übernächsten Tag? Ja, ich weiß. Du verstehst das hier nicht, aber ich spreche nicht von dir: ich spreche von dir.

mir frieren die finger / ein
denn / ich stehe immer
an den falschen stationen

at night and in the daylight
(WU LYF – Heavy Pop)

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Breezeblocks II

En Route & (NHM) Fremdportrait via Minusgold
Wien, Januar 2015

I
Sie keltern den eigenen Wein und
öffnen die Türen nur gelegentlich:
so wie meine Postkarten, die
wohl manchmal ankommen, weil ich
sie nur im Notfall abschicke.

Meine Briefmarken auf dem
Weg zu deinem Notausgang.

II
Abgesehen davon, zumindest sagt man
das hier so, ist in meinem Kopf,
eine Welt zugegen, die ich
nicht kontrollieren kann.
Wenn wir aber mit der
rot-gelben Linie fahren,
ist selbst im schwärzesten 
Abgrund alles gut.

III
Aufgehört zu schreiben habt ihr schon lange;
wen hätte das auch gewundert –
man kann sich selbst nur begrenzt einer
Potenzierung unter-
ziehen; destillieren kann man noch viel
weniger. Auch bin ich nicht das reine Aluminium,
das so schön hell strahlt, wenn man es 
anzündet. Finde dich damit ab, dass
es Elemente gibt, die 
Nebenwirkungen haben.

IV
Wien.
Als hätte Sigmund ein,
sein heilendes Erbe über mich
gestülpt:
in einer Sprache mit harten
Konsonanten am Ende 
der Worte.

V
Ich verspreche dir das, 
jetzt ist der Atem langanhaltend.

_

she may contain the urge to run away
(Alt-J – Breezeblocks)

first light

Ich lasse das Licht in meinem Zimmer brennen, damit auch ich meinen Weg nach Hause finden kann. Das kann man fast vergleichen mit dem Rollsplit, der auf den Straßen liegt und auf dem es sich so herrlich durch die Gehwegplatten kratzt. Der kleine Junge, der vor mir läuft, probiert dies schon zur Genüge aus. Wenn dann auch noch der Nebel nicht unter der Brücke schwebt und man auf den Kreuzungsbahnhof schauen kann, fühlt es sich beinahe wie eine Stadt an, die mir nicht wehtut.

Fünfundzwanzig Tage reicht die Schachtel, der Arzt vermerkt: „Pat. ist gut aufgeklärt“ und nickt mir zu; in meiner Tasche der Konsiliarsbericht. Er nimmt sich Zeit, schaut mich lange an, sagt dann, ich sollte aufpassen auf mich, dass der Inhalt der Schachtel im Beginn wohl die schlimmen Gedanken verstärkt, wenn nicht gar initial induziert hat. Aber danach stabilisiert es ganz gut. Er druckt mir noch ein paar Namen von Fachärzten aus und schüttelt dann meine Hand.

Es hat mit zu viel Angst zu tun. Gelegentlich vergesse ich, wie es war. Dreihundertfünfundsechzig Mal: alles neu. Und wie man sich nicht mehr konfrontieren wollte mit allem, also dem anderen, also dem von davor: Abschluss Therapie und die Illusion, man sei gesund. 
Es dauert, bis das wieder normal läuft. Das Gefühl, also dann irgendwann, dass man die Hilfe nicht mehr braucht. Vielleicht braucht man die aber doch lebenslang.

Ich krieche langsam aus der Schale wieder heraus, wische die Ohnmacht beiseite (noch wohnt sie aber in meinem Hinterkopf, sie wartet, sie ist wie die Borreliose, die sich im Körper versteckt) und bin froh, dass niemand Entscheidungen für mich, in meinem Namen trifft. Das war die Crux. Menschen, die proklamieren, das Beste für mich zu wollen, ohne mich in mich Betreffendes zu involvieren. Das war das Schlimmste am Lithium, am Valproat, am Atosil, am Lorazepam, am Lormetazepam, gelegentlich am Zwischenmenschlichen: man bemerkt den eigenen Verfall, die fehlende Präsenz. Friss oder stirb, aber eine Wahl, ein Mitspracherecht hast du eigentlich nicht. Wir wissen, was du tun solltest. Folge dem weißen Hasen. Und trotzdem lag ich nachts im Bett und habe still vor mich hingeweint. 

Nach ungefähr vierzig Minuten kommt der leichte Tinnitus. Dann weiß ich, dass die Wirkung einsetzt. Während ich immer noch Probleme habe, morgens nicht von mir selbst erdrückt zu werden, geht es mit den Tabletten besser. Ich schwimme ja auch schon seit zwei Monaten auf deren Höchstdosis. Und trotzdem ist es eine Qual, eine Tortur, aus dem Bett zu kommen, nicht den gesamten Tag schlafen zu wollen, nicht aufzuwachen und zu denken: ich freue mich aufs Schlafengehen am Abend. Nein. Die Tabletten federn das alles ab – und trotzdem kostet es unheimlich viel Kraft. Momentan bin ich weniger grausam zu mir selbst, ich vermeide emotionale Stressauslöser so gut ich kann, ohne mich dabei mit Samthandschuhen anzufassen. Hätte ich vor kurzer Zeit noch dagegen angekämpft, nehme ich jetzt einfach so hin und versuche zumindest in meiner Traurigkeit keine Ohnmacht über mich legen zu lassen wie eine Betondecke. Ich will mich nicht mehr zerfleischen, wenn es keinen Sinn mehr macht, mich so aufzureiben. Die Krankheit macht viele Sachen mit einem. Und bis sie im Griff ist, sollte man keinerlei lebensgestaltende Entscheidungen fällen, die nicht auch vorher schon feststanden, mindestens aber sollte man sich an die halten, die vorm Besuch der Unregelmäßigkeiten kamen. Es reicht, sich erstmal um seine Wunden zu kümmern. Wie das geht, lerne ich jeden Tag aufs Neue. Teste erneut meine Grenzen aus: die in mir drin.


For yet another English explanation regarding this topic and my way of coping with my illness, take a look at this post.

first light
the fields are ablaze

Django Django – First Light