07134

Untitled by smallcutsensations

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Ich bin durch dich hindurchgewachsen, das kann man sich so ähnlich vorstellen wie beim Blick durch den Boden dieser dicken, schweren Ikeagläser, die es in eigentlich jedem Haushalt zu geben scheint; da bricht sich das Licht komisch, strahlt durch den Raum. Schattenspiele zu meistern musste man erst noch lernen, das hier ist nicht der schwarze Schwan aus dem Schwanensee, man stirbt nicht immer, oftmals begräbt man eine alte Version von sich und kratzt dabei eine neue frei, wie im Winter, wenn man die Windschutzscheibe vom Frost und Schnee und Eis befreien muss. Man zählt schon lange keine Tage mehr in Retrospektive, es ist ganz angenehm, dass mal nur mein Kopf bestimmt, wo es hingeht, wo es langgeht, es ist gut, dass man sich selbst wieder erfährt.

Ohnehin ist es so, als wäre ich noch nie so klar gewesen in den Dingen, die ich will; es kann auch am Sommer liegen, es kann die Schnittstelle sein zwischen einem Gehen und einem Ankommen, auch wenn es nur so halb zu sein scheint. Hin und her, man hofft das Beste, aber es ist die eigene Luft, es ist das eigene Atmen, es sind Menschen, die man liebt, es sind Menschen, die doch nicht kongruent sind mit dem eigenen Ich. Es ist gut, man atmet weiter. Man fragt, wieso alles immer so dicht sein muss, so tief in einen hinein gehen muss, woher das kommt, dass man auf einmal Angst hat, dass man nicht mehr sehen kann. Wie sonst, wie auch immer.
Die Bahn rollt ein, es war mir beinahe so, als wäre ich schlaftrunken, ich denke an die Morgen im Nebenan, dort, wo sie so viel Rauchen und sich anschreien, wenn unsere Musik zu laut wird oder eben einfach nur weil es dreiuhrvierzig ist und niemand außer ihnen schreien will. Vielleicht liegt das am Rauch, vielleicht können sie ja nur nichts sehen. Wie mit meinen Haaren, da kann ich auch so oft nichts sehen, dass ich mich frage, wie mein Kopf wohl aussieht ohne sie. Und wie das mit den Schuppen funktioniert und mit der Sonnenallergie.
Ist das tatsächlich der letzte Sommer hier, der letzte, der, der von Baustellen durchzogen ist? Tatsächlich ein Sommer, einer, der gut sein könnte, einer, der tatsächlich nicht Schlecht tut. Premieren, im Kopf schon abgeschlossen, latente Befürchtungen.

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this is not what you wanted

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Inventur II

Der Leberfleck auf dem kleinen Finger, der, der mal aussah wie Island, entwickelt sich. Er wächst weiter in den Fingerabdruck hinein, irgendwann kommt er auf der Kuppe an. Fotos von früher, das war Babyspeck, wir lachten und sagten, damals waren wir schon dünn, heute sind wir dünner, die Knochen stechen heraus beim Brücke machen, nur knackt es heute im Rücken. Nicht kalkulierte Risiken, damals wie heute. Nur macht es mittlerweile mehr Angst, wenn etwas tatsächlich so funktionieren sollte wie gewünscht.

Die Brille, sie hilft beim Suchen der Bücher, die ich schon immer lesen wollte. Glück mit CW und CH, ein unbestimmtes, stechendes Gefühl Marke ‚und irgendwas muss doch noch kommen‘, aber das Buch ist zu Ende und dein eigenes musst du noch schreiben. Mit Drang, mit Konzept, du malst dir den Zeitstrahl auf, du bist unter die Charakterkomponisten gegangen. Immer dieses Aufzählen der Dinge. Vielleicht, damit man Abstand generieren kann, damit man weniger mitnehmen muss an Ballast.

Eine Definitionsfrage, sicherlich. Das Wasser, kalt und aus dem Hahn in der Küche, fließt genauso die Kehle herunter. Früher habe ich mich gesielt in meiner eigenen Abgestandenheit, der Kalk in meinen Adern ist bestimmt im Herzen stecken geblieben.

Dann eine andere Frau mit Morbus Sudeck, sie wünscht meiner Mutter gute Besserung. Der letzte Kontakt vor mehr als einem Monat. Ich bin da, manchmal nicht, zumindest geistig bin ich anwesend. Strukturgebilde, künstlich, sie hängen an meinem Fensterglas in Staubform. Oder sind die Sessel, die ich kaufe und wieder abgebe, doch zu bequem für mich?

Eine wichtige Notiz: ich hinke niemandem hinterher. Ich bin hier und jetzt. Du bestimmt auch.

not what you had in mind

(Moderat – Bad Kingdom)

go out and love someone

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März 2012 & März 2013

dreiundvierzig
Ich verspreche, dass das alles besser funktionieren wird. Dass ich schneller werde, dass ich mir mehr annehme. Die immer wiederkehrende Frage nach meinem Gemütszustand, ich antworte immer bestimmter. Von einem zaghaften, überraschten „Ich glaube, dass es mir gut gehen könnte“ zu einem „ich finde, es geht mir gut“ zu einem „es geht mir gut“ war es ein langer Weg, die Pausen zwischen den Sitzungen haben mir bestimmt ebenso geholfen.
Wir sprechen über den Studienabbruch, darüber, was ich wohl meiner Mutter sagen muss, was wohl mein Vater meiner Mutter sagt. Und dass ich wieder keinerlei Lust habe, zu meinen Eltern zu fahren, obwohl es nur einmal quer durch die Stadt geht. Danach rege ich mich auf, sage, dass ich mich momentan nicht wirklich wohlfühle, dass ich bemerke, wie ich gewissen Situationen schon wieder aus dem Weg gehe, dass ich mich jetzt schon wegwünsche. Dass ich trotzdem Angst habe. Wie hatten wir gesagt? Die Angst sagt: hier geht es lang. Vielleicht kann ich das wirklich auch mal so leben. Sie haben eine gewisse Verantwortung, eine gegenüber sich selbst und eine gegenüber anderen Menschen, Ihren Mitmenschen. Das mit der Verantwortung muss mancher auch erst lernen.
Was mich die letzten Monate schwer beschäftigt hat, nimmt immer mehr ab, ist in dieser Sitzung beinahe nicht mehr existent. Ich muss mich daran erinnern, wie sie immer sagte, dass der Abschied, der Verarbeitungsprozess in Wellen, in Phasen abläuft, dass man auch Rückschläge hat, dass man aber das mit der Retrospektive nicht machen sollte. Alles, was Sie in diesem Kontext entschieden hatten, war für Sie zum damaligen Zeitpunkt richtig. Man kann sich beruhigen, man kann zurechtkommen, man kann das mit dem „Leben“, das, was erst so komisch zwiebelt, schaffen.
Sie und ich sehen aus dem Fenster, irgendwie erwarten wir beide wohl den Sommer.

vierundvierzig
Trotz allem noch die Befürchtung, dass irgendetwas schief geht. Nein, nennen wir es einfach Grundangst, Misstrauen und Infragestellen. Um mich im Wartezimmer scheinen ein paar neue Gesichter zu sitzen, sie sehen so ähnlich aus wie ich vor einem Jahr, irgendetwas trauriges haben sie an sich und ich fühle mit. An einigen Tagen ist das so, als würde man alte Wunden aufreißen, nur damit sich die Anderen nicht so alleine fühlen müssen in ihrem Schmerz. Gesund ist das selten, aber ich mache es trotzdem, ich habe es mir nicht anders beigebracht und ich habe mich immer dagegen gewehrt, diese Eigenschaft zu verlernen.

Im Laufe der Therapie habe ich Fragebögen ausfüllen müssen, ganz am Anfang, in der Mitte der Therapie, jetzt. Sie gibt mir die Auswertung, sie strahlt, ich strahle, was ich da sehen kann, kann ich beinahe nicht glauben. (Zwischenbemerkung: ich teile solche persönlichen persönlichen Sachen nicht gern, aber ich finde, in diesem Rahmen ist das in Ordnung.) Bei allen Punkten bin ich nicht mehr im klinischen Bereich, ich habe zwar noch eine milde Form der Sozialphobie, aber die ist nicht klinisch, die engt mich nicht so sehr ein wie vorher.

Wir sehen uns Videoaufzeichnungen an, diese Aufzeichnungen waren ein Teil der Voraussetzungen für meine Therapie am Institut. Sitzung zwei. Ich erinnere mich, damals hat es geblutet, ich habe viel geweint. Mein Festkrallen an dem Schmerz von damals. Ich muss noch damit zurechtkommen, dass ich nicht mehr leide. Wann auch immer ich innerlich Schmerzen hatte, war ich am kreativsten. Jetzt muss ich mich selbst zum Leiden bringen, schreiben oder fotografieren und dann aus diesem Loch herauskommen, allein; fast auf Knopfdruck. Sitzung vierzig. Wissen Sie, jetzt sitzt da eine gestandene Frau, das ist eine komplett andere Körpersprache. Vorher eingefallen, in allem. Ich will mir nicht leid tun, nein, das alte Ich darf mir nicht leid tun. Wir hören uns an, was wir damals gesprochen haben. Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich so sehen? Es macht mich traurig und stolz. Traurig, dass es mich in dieser Form gegeben hat, stolz, weil ich jetzt am Leben teilnehme. Deshalb hatte ich mich bei der letzten Sitzung gefreut, dass Sie sich über etwas aufgeregt haben. Weil es etwas Alltägliches sein kann, weil das heißt, dass Sie sich nicht selbst fertig machen.
An der Wand neben dem Fernseher hängt ein Zettel mit Hinweisen für die Einstellung des Videorecorders. Richtig und suboptimal. Zu gerne würde ich wissen, wieso man das Wort falsch vermieden hat, dann sage ich ihr, dass da eines meiner „Lieblingsworte“ an der Wand steht. Wir lachen beide. Ein paar Sachen besprechen wir noch, sie wird mir fehlen.
Die letzte Sitzung schieben wir auf den letzten Montag im Juli. Wehmut ist da schon ein bisschen dabei. All das, was in der letzten Zeit, im letzten Jahr, in der Zeit seit meiner Kindheit war: wer weiß, wofür es gut war. Wir lächeln beide.

Die Linien vor meinem Fenster sind zu dicht, sie flackern. Draußen das sommerliche Atmen der Luft. Der Mann vom Spätshop gegenüber Evas Pizza fragt mich, wo ich in der letzten Zeit war, ob es mir gut geht, ob ich gesund bin, er habe mich so lange nicht gesehen und sich Sorgen gemacht. Ich muss grinsen, auf den Tresen lege ich das Kleingeld. Einen schönen Tag wünsche ich ihm, gehe zurück auf die Straße und laufe nach Hause.

Helplessness is the last thing I am looking for

the concubine

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Das sind die Fenster gen Norden, am Morgen auf der Wand tanzende Schatten, im Anschluss Wolkendecke und Regen, vorhersehbar bis auf die Minute. Wie es über die Insel schwappt, diesige Tagesanfänge und der Dreck im Fluss, der, der manchmal stinkt, der, der manchmal zurückbleibt, weil das Wasser verschwindet. Es kommt allerdings alles immer wieder zurück, das Hin und Her der Gezeiten. Wie man früher dachte, man könnte dem entkommen und wie es gut ist, dass das nie funktionierte. Schwarzbrot mit Gurkenscheiben und Platzregen verbunden mit vergangenen Sommern und durchgeweichter Kleidung. Sie tanzten einfach immer nur auf den Straßen, sie stiebten durch die Pfützen.
Irgendwann verbleicht es zu einem Orange, meine Hüftknochen stehen hervor, die Haut hat verlernt, wie das mit dem Warmbleiben geht: die Heizung ist ausgeschaltet. Ich halte mich fest an den Kisten, die ich noch zu packen habe, wir sortieren aus. Der koschere israelische Weißwein, der in der Box, ist besser als die Sprache, die ich nicht mehr sprechen kann. Ellipsen, vielleicht verstehst du das eines Tages, denn am Ende der Nächte bin zumindest ich immer nüchtern.

it’s all an empire long beheaded