forgets slowly

Untitled by smallcutsensations

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ich stehe in der sonne wie ein gecko auf einer steinwand liegen würde, um sich aufzuwärmen; meine füße schemenhaft in dem vielen licht auf den boden skizziert, gedanken auf der spur, vielleicht aber auch nur einer idee die nicht näher betitelt werden kann. aus dem gesicht läuft mir die angst herunter, das desinteresse schwarz nach unten verschmiert, meine kraft verjüngt sich je weiter man von der physischen manifestation seinerselbst entfernt ist – oder waren das alles bekannte komponenten die ich nur nicht richtig benennen konnte?
mann zieht vorbei in schnellen autos, die frage nach dem hast du das mitbekommen, war es wirklich so schlimm, hast du anderen davon erzählt? der teppich der über mir schwebt, mich in manchen teilen nicht beschwert hat, jetzt sichtbar für alle, ich weiß nicht, wie das alles werden soll. vielleicht sollte ich mehr briefe schreiben.

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yeti’s lament

Untitled by smallcutsensations

ich hatte schon immer komische träume; als ich viel jünger war, waren es träume, die immer und immer wieder das gleiche szenario durchspielten: adoption durch einen toaster. einer dieser träume, die ich nie abschütteln konnte. dann episodenträume, die vermutung, man würde dinge vorahnen können, im nachhinein: das war wohl mein gehirn, das mir einen streich gespielt hat. erinnerung vermischt mit irgendeiner reaktion während des schlafs. und wie du aussiehst, habe ich auch schon wieder vergessen, auch wenn es noch nichtmal lange her ist, dass ich dich gesehen habe oder dein gesicht wohligwarm war, wie lange keins mehr. dein name hängt nach.

sing from a book you’re reading in bed and took to heart

Untitled by smallcutsensations

um mich herum so viele bücher, worte, seiten, papier, meine, ausgeliehen, gefunden, gekauft, ersteigert, ergattert, buchhändlern förmlich aus der hand gerissen. jetzt stehen sie da, mahnmal für mich, sagen lass es dir besser gehen, mein gehirn sagt oh nein, noch mehr kopfarbeit, mein herz sagt dein studium hat dir beigebracht, lesen als belastende arbeit anzusehen, das rot in meinen adern sagt finde wieder freude am lesen, dann kommt die freude am schreiben automatisch wieder. ich zweifle. wenn mir mal jemand gesagt hätte, dass ein germanistikstudium die freude an den büchern und worten und zeilen und metaphern und konstrukten nimmt, hätte ich etwas anderes studiert. der nächste versuch, etwas mehr zu lesen als sonst. ich bin müde, ich finde keine freude im buch. beiße in meine milchschnitte und ziehe resigniert ein buch aus der ansammlung von büchern heraus, die nicht auf meiner leseliste stehen. fühle mich schuldig, nehme wieder böll in die hand, finde gefallen an böll, finde gefallen an seinem schreibstil, denke zurück an die verlorene ehre der katharina blum und erinnre mich daran, dass mir das dort überhaupt nicht gefallen hat, denke an gellert und goethe und lessing zurück, an momente in der achten klasse, ich hatte wohl beinah alle in unserer buchhandlung verfügbaren hamburger lesehefte in meinem besitz, las faust (der tragödie erster teil) und fand gefallen daran und musste all das auch lesen, aber es hat mir nicht den gefallen daran verdorben.
um es kurz zu machen: wie gewinne ich meine liebe zum lesen zurück? ist doch so nicht auszuhalten.

where you go I will follow

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Ich starre auf die zwei Regentropfen, die auf meinen Handrücken geperlt sind, sie glänzen matt im Laternenlicht. Ein halbsüßer, an Sommer vergangener Jahre erinnernder Geruch streift meine Nase. Ich fahre mir durch die Haare, schaue wieder auf meine Hand. Vom Wasser sind da noch Rückstände übrig, wie Narben nach einer Operation bei örtlicher Betäubung. 
Mein Kopf schmerzt, als ich versuche, mich an den Rest der vergangenen Nacht zu erinnern; weggewaschen wie Regen, leise hinfortgespülte Erinnerungen im Dämmerlicht. Mein Bauch schmerzt. Ich stehe auf. Die Kleidung auf dem Boden gehört nicht mir, ich drehe mich um. Neben mir ein fremdes Gesicht. Neben mir ein anderer Herzschlag, ein anderer Atemrhythmus. Neben mir ein Fremder, ich versuche nicht lauter zu atmen als sonst. Als hätte ich einer kranken, streunenden Katze in meinem Schlafzimmer Asyl gewährt. Da tanzen Staubwirbel auf der Haut. Zu gerne würde ich etwas sagen, aber ich weiß nicht was.
An mir vorbei ziehen meine Freunde in ihren schnellen Autos. Der Moment, in dem man merkt, dass man anfährt. Losfährt. Dinge, die man nicht mehr stoppen kann. Meine Eltern sagten immer, dass das der Moment der Ernüchterung sei. Aber ich wusste nie genau, was sie meinten. Sprüche in meinem Poesiealbum. Als ich in der vierten Klasse war und wir noch nicht das Gefühl hatten, wir wären zu alt dafür, glaubten wir an das, was uns hineingeschrieben wurde. Niemand verwendete das Wort Abschied oder Traurigkeit, Einsamkeit oder Leere. Alle wünschten wir einander Glück, Liebe, Leben. In Retrospektive der Moment der Ernüchterung: Als ich meine Poesiealben wiedergefunden hatte.
Und im Laternenlicht starre ich weiter auf meine an altertümliche Tiere erinnernde Haut. So lange, bis mir die Augen bluten oder das Herz. Bis dahin lasse ich meine Schutzhülle anwachsen, bis ins Undurchdringliche, bis ins Herz hinein. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich komplett mit Reptilienhaut überzogen bin.

2009.

the day nothing happened

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die angewohnheit, meine mutter im krankenhaus zu besuchen, wir essen zusammen ihr abendessen, sie hat mir vom mittag den nachtisch aufgehoben, sogar den yoghurt vom morgen, wir reden viel mehr miteinander als sonst, als überhaupt, als jemals zuvor, die gewohnheit sträubt sich dagegen. ich fotografiere sie, sie sagt nichts dagegen, manchmal lächelt sie sogar dabei. vordenken an eine post-krankenhaus-zeit, alles wieder wie vorher. alles erkaltet, bei allen, mit mir, das gefühl, dass das alles einmal zu ende gehen wird, dass irgendwann der verfall über einen hereinbricht. du, sie, wir, ich, hier temporär wohnhaft.
und dann frisst sich der böse freund traurigkeit wieder in die glieder.
drei; diesmal findet es nicht statt, wie merkwürdig das gefühl, bestellt und nicht abgeholt, im wahrsten sinne des wortes; das licht bricht sich so unangenehm im doppelglas, ich warte mit angeschrägt aufgestellten füßen und den ausgefüllten fragebögen in der tasche, nach einiger zeit kommt bei jedem der im wartezimmer sitzenden der therapeut, manchmal kann man die beginnenden gespräche schon mitverfolgen, ohne dass man es will. am ende ist das bei mir und meiner therapeutin alles ein missverständnis, die hoffnung, dass mir nichts passiert ist (ich höre stunden später erst meine mailbox ab), ich treffe sie durch zufall, als ich gerade meine sachen anziehe und gehen will, sie sagt, gut, dass das heute so gekommen ist, sonst wäre am montag schon die letzte sitzung. ich bekomme kurz panik, frage aber nicht nach. die letzte sitzung? es wird um ihre lebensgeschichte gehen, gut, dass ich da die fragebögen habe. sie entschuldigt sich einige male, ich winke ab, versuche wieder nicht an „die letzte sitzung“ zu denken. ich muss immer noch zum hausarzt wegen des konsiliarberichts. ich habe angst. kann ja noch nichtmal diese tabelle ausfüllen, über der in fetter schrift verhaltensanalyse steht, weiß nicht, wo das alles anfängt, wo es aufhört, weiß nur, dass es immer in wellen kommt, aber der wasserstand nie wirklich sinkt. erinnere mich an worte von p., der sagte du hast sechzig leute im rücken, die dich unterstützen. ich weiß, wie ich mich darüber gefreut habe, ich weiß nur nicht, wie ich ihnen allen gerecht werden kann.
dafür schreibe ich wieder. vielleicht hat man das schon gemerkt, die worte kleben sich durch meine fingerspitzen hindurch auf dieses angenehm glatte papier. manchmal wünschte ich, meine haut wäre so glatt, dann würde sie jeder anfassen wollen. das große im kleinen, die traurigkeit in glücksmomenten.

and at once I knew I was not magnificent

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Die auf meinem Fensterbrett verwesenden Tulpen und Narzissen bedecken mein komplettes Wohnzimmer mit einem säuerlich abgestandenen Geruch, der irgendwo zwischen Gestank und Merkwürdigkeit angesiedelt ist. Nach einiger Zeit des Wachseins, der Schlaf auf dem harten Sofa war zu unangenehm, wechsle ich den Raum, gehe in mein Schlafzimmer und setze mich auf einen auseinanderbrechenden Holzstuhl, um über mein Ich nachzudenken; das Problem ergibt sich schon nach wenigen Sekunden: ich habe nichts spezielles, über das ich nachdenken muss, vor mir prangert ein weißes, leeres, langweiliges Blatt Papier und während der eine oder andere das vielleicht als Chance sehen kann, ertrage ich den mir selbst auferlegten Druck nicht. Meine Zeitfenster funktionieren nie, in einer Höhle habe ich mich vergraben, nur ein kleines Fenster in einen grauen Innenhof ist mein Ausblick; schließlich kann ich nicht über nichts nachdenken, von nichts erzählen, wenn ich immer nur auf alles schaue und mit niemandem so recht leben kann. In meiner Wohnung gibt es keine laut tickende Uhr, kein permanent laufendes Radio, mein Kühlschrank ist viel zu leise, weil zu neu, die Fenster sind überraschend schalldicht und vor den kleinen Spalt zwischen Wohnungstür und Türschwelle liegt eines dieser furchtbar aussehenden Stofftiere, die den Durchzug verhindern sollen und im Nebengang alle Geräusche von außen abtrennen. Kein Ton, kein Beweis der vergehenden Zeit zwischen dem Nach-Hause-kommen nach der Arbeit und dem absolut überwältigend störenden Muss des zu-Bett-gehens. Oder bin ich einfach nur zu digital, um mich selber noch bemerkbar zu machen?
Ich fahre mit den Fingerspitzen den Schrank neben meinem Schreibtisch entlang und öffne eine der schwergehenden Schubladen: einige Kilo Papier mit Fotografien auf ihnen, durcheinander, manches schon angegilbt, diverses absolut unbrauchbar, Material von Momenten, die ich nicht festhalten konnte; ich schiebe die Lade wieder in ihre ursprüngliche Position und wende mich dem Weiß vor meinen Augen zu, das auch in den letzten Sekunden keine andere Form angenommen hat. Über meinem Kopf poltert irgendwer über die Dielen, schreit eine Runde und schmeißt Schweres auf den Boden, ich störe mich an den Geräuschen und setze Kopfhörer auf, die allerdings keine Musik abspielen werden, so viel weiß ich schon. Das muss die Familie mit den beiden erwachsenen Kindern sein, die, wenn sie mir gelegentlich im Treppenhaus begegnen, pflichtbewusst grüßen und die man im Nachgang über einen reden hören kann. Gedanken an das alte Leben hinter vorgehaltener Hand, die Wut im Gesicht wächst dann manchmal, bricht aber nie nach außen. Hat irgendwer damit angefangen oder war das schon immer so? Dieses sich stören an den Menschen, den anderen, der Mehrheit, die einen nicht annehmen mag oder die man selber als überflüssig erachtet.

where do all the lovers meet with one another?

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ein fragment, ein teil reptilienhaut.
Vor mir verschwimmen schon die Gesichter von Leuten, die ich auf dem Internat kennengelernt hatte. Vier Jahre lang Vorbereitung auf einen Abschluss. Ich glaube, meine Großeltern waren stolz. Sie saßen in und auf ihrem grünen Sofa, die weißen Spitzendeckchen strahlten lauter als die vom Leben gezeichneten Antlitze meiner Vorfahren in den altertümlich anmutenden Fotografien hinter ihnen. Sie brannten sich eher in meine Erinnerungen als die Stimmen, die mich jahrzehntelang umgaben. Man vergisst, wie das eigene zu Hause mal aussah. Der Moment des Fortbewegens. Anhaltend, dumpf, leer. Die Orte zwischen uns. Wir sollten Listen schreiben, Listen von Orten, die diese unsägliche Leere ausfüllen können. Und eine Liste von Menschen, die Leere und Verwirrung stiften. Antithesen, Vorwarnungen. 
Falsche Namen hallen nach. Wir haben uns anonym benannt, wir haben die Grenze überschritten, wir haben leeren Raum gefüllt. Ich drehe mich diesem halbfremden Menschen zu. Die Finger krallen sich schützend ins hüllende Bettlaken. Augen. Man sieht sich zum ersten Mal, bewusst. Die Lider fallen wieder zu. Sich nicht auseinandersetzen mit gefüllter Atmosphäre. Diesmal funktioniert es nicht. Eine Hand auf meiner Wange. Ich stelle mir vor, wie ich die Augen öffne. Der Moment danach. 
Der Moment vor dem danach. Schmerzhafte Sekunden im Dickicht einer Vermutung. Kann es Sicherheiten geben? Darf man es wagen, sich Antworten vorzustellen? Viele Dinge hatten sich schon monatelang angekündigt, ohne, dass ich es hätte ahnen können. All die schlaflosen Nächte. All das Nicht-Suchen nach Dingen, die gefunden werden wollen. Ernüchterung auf dem Weg nach oben. Ich stellte mir das alles einfacher vor, als es war. Und letztendlich musste ich einsehen, dass man manche Probleme einfach nicht lösen konnte. 
Ich schlage die Augen auf. Ein anderes Augenpaar liegt mir geschlossen gegenüber, ein anderes Paar Schlüsselbeine lugt unter der Bettdecke hervor. Du kannst die Augen aufmachen, sage ich, ich drehe mich um, wenn du meinen Blick nicht aushalten kannst. Das ist es nicht, sagt die andere Stimme, ich weiß nur nicht, ob ich ihn vergessen kann. Wäre das ein Problem, frage ich. Wenn ich den Blick nicht vergessen kann, kann ich nicht ruhig schlafen, erwidert die Stimme. Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die man nicht vergessen kann, hätte ich gerne gesagt. Aber ich seufze nur zustimmend und sage, du kannst meinen Blick vergessen, ich bin dir deswegen nicht böse. Wieder ein dumpfes Grummeln. Dieser Morgen zieht sich in die Länge, im Hintergrund ein Tick, Tack, immer bereit, meinen Puls zu messen. 
Wie viel ich damals von all den anderen Menschen mitbekommen hatte, kann ich gar nicht mehr sagen. Da waren hintergründig ein paar Gesten, da waren ein paar Körperteile, da waren ein paar Stimmen, die sich in mein Gedächtnis geschleift hatten. Verloren in Bedeutungslosigkeit, weil ich sie sowieso keiner Person zuordnen könnte. Hie und da glaube ich gelegentlich den einen oder anderen erkennen zu können, manchmal glaubte ich, erkannt zu werden. Vielleicht war ich ein moderner Nomade, ein Gefühlsnomade, ein Haus ohne Hof, vielleicht war ich ein streunender Hund, bereit den nächsten anzufallen, so wie die in den Straßen Sankt Petersburgs umherstreunenden Tiere. Vielleicht wollte ich mir aber auch nicht eingestehen, dass es Menschen gab, die diese Gefühle teilten. Das andere Geschlecht, die kryptisch verschlüsselte Spezies.