and I have demons enough to start a demon factory

Untitled by smallcutsensations

(re)writing Reptilienhaut.

Das war der Tag, an dem es zu spät war. Ich erinnere mich noch an das Laub, das von den Bäumen fiel – natürlich viel zu spät – und ich weiß noch, wie es mir wie Schuppen von den Augen fiel, dabei war noch nicht einmal etwas besonderes passiert. Nie ist irgendetwas irgendwie besonders. Mein atemloses Aufstehen, er lag noch neben mir als wäre nichts geschehen, dabei wusste ich nicht wer er war. Immer diese Orientierungslosigkeit und die Frage nach dem Warum. Das war letzte Nacht, glaube ich, es hätte aber auch irgendeine sein können. Und dabei habe ich mich noch nicht einmal einsam gefühlt, glaube ich.
Alte Muster, sie sind in mir drin wie die Luft in den Lungen. Je mehr Farben auf meine Pupillen prallen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ich grau wähle. Das Grau, das in die hinterste Ecke meiner Seele kriecht, weil es dort viel zu dunkel ist, zu schwarz. Weil ich es viele Dinge gibt, die ich mir nicht merken kann. Er zählt dazu, der Name ist mir nicht bekannt, vielleicht wusste ich ihn einmal, vor ein paar Stunden.

She don’t care about you anymore
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where you go I will follow

Untitled by smallcutsensations

Ich starre auf die zwei Regentropfen, die auf meinen Handrücken geperlt sind, sie glänzen matt im Laternenlicht. Ein halbsüßer, an Sommer vergangener Jahre erinnernder Geruch streift meine Nase. Ich fahre mir durch die Haare, schaue wieder auf meine Hand. Vom Wasser sind da noch Rückstände übrig, wie Narben nach einer Operation bei örtlicher Betäubung. 
Mein Kopf schmerzt, als ich versuche, mich an den Rest der vergangenen Nacht zu erinnern; weggewaschen wie Regen, leise hinfortgespülte Erinnerungen im Dämmerlicht. Mein Bauch schmerzt. Ich stehe auf. Die Kleidung auf dem Boden gehört nicht mir, ich drehe mich um. Neben mir ein fremdes Gesicht. Neben mir ein anderer Herzschlag, ein anderer Atemrhythmus. Neben mir ein Fremder, ich versuche nicht lauter zu atmen als sonst. Als hätte ich einer kranken, streunenden Katze in meinem Schlafzimmer Asyl gewährt. Da tanzen Staubwirbel auf der Haut. Zu gerne würde ich etwas sagen, aber ich weiß nicht was.
An mir vorbei ziehen meine Freunde in ihren schnellen Autos. Der Moment, in dem man merkt, dass man anfährt. Losfährt. Dinge, die man nicht mehr stoppen kann. Meine Eltern sagten immer, dass das der Moment der Ernüchterung sei. Aber ich wusste nie genau, was sie meinten. Sprüche in meinem Poesiealbum. Als ich in der vierten Klasse war und wir noch nicht das Gefühl hatten, wir wären zu alt dafür, glaubten wir an das, was uns hineingeschrieben wurde. Niemand verwendete das Wort Abschied oder Traurigkeit, Einsamkeit oder Leere. Alle wünschten wir einander Glück, Liebe, Leben. In Retrospektive der Moment der Ernüchterung: Als ich meine Poesiealben wiedergefunden hatte.
Und im Laternenlicht starre ich weiter auf meine an altertümliche Tiere erinnernde Haut. So lange, bis mir die Augen bluten oder das Herz. Bis dahin lasse ich meine Schutzhülle anwachsen, bis ins Undurchdringliche, bis ins Herz hinein. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich komplett mit Reptilienhaut überzogen bin.

2009.

where do all the lovers meet with one another?

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ein fragment, ein teil reptilienhaut.
Vor mir verschwimmen schon die Gesichter von Leuten, die ich auf dem Internat kennengelernt hatte. Vier Jahre lang Vorbereitung auf einen Abschluss. Ich glaube, meine Großeltern waren stolz. Sie saßen in und auf ihrem grünen Sofa, die weißen Spitzendeckchen strahlten lauter als die vom Leben gezeichneten Antlitze meiner Vorfahren in den altertümlich anmutenden Fotografien hinter ihnen. Sie brannten sich eher in meine Erinnerungen als die Stimmen, die mich jahrzehntelang umgaben. Man vergisst, wie das eigene zu Hause mal aussah. Der Moment des Fortbewegens. Anhaltend, dumpf, leer. Die Orte zwischen uns. Wir sollten Listen schreiben, Listen von Orten, die diese unsägliche Leere ausfüllen können. Und eine Liste von Menschen, die Leere und Verwirrung stiften. Antithesen, Vorwarnungen. 
Falsche Namen hallen nach. Wir haben uns anonym benannt, wir haben die Grenze überschritten, wir haben leeren Raum gefüllt. Ich drehe mich diesem halbfremden Menschen zu. Die Finger krallen sich schützend ins hüllende Bettlaken. Augen. Man sieht sich zum ersten Mal, bewusst. Die Lider fallen wieder zu. Sich nicht auseinandersetzen mit gefüllter Atmosphäre. Diesmal funktioniert es nicht. Eine Hand auf meiner Wange. Ich stelle mir vor, wie ich die Augen öffne. Der Moment danach. 
Der Moment vor dem danach. Schmerzhafte Sekunden im Dickicht einer Vermutung. Kann es Sicherheiten geben? Darf man es wagen, sich Antworten vorzustellen? Viele Dinge hatten sich schon monatelang angekündigt, ohne, dass ich es hätte ahnen können. All die schlaflosen Nächte. All das Nicht-Suchen nach Dingen, die gefunden werden wollen. Ernüchterung auf dem Weg nach oben. Ich stellte mir das alles einfacher vor, als es war. Und letztendlich musste ich einsehen, dass man manche Probleme einfach nicht lösen konnte. 
Ich schlage die Augen auf. Ein anderes Augenpaar liegt mir geschlossen gegenüber, ein anderes Paar Schlüsselbeine lugt unter der Bettdecke hervor. Du kannst die Augen aufmachen, sage ich, ich drehe mich um, wenn du meinen Blick nicht aushalten kannst. Das ist es nicht, sagt die andere Stimme, ich weiß nur nicht, ob ich ihn vergessen kann. Wäre das ein Problem, frage ich. Wenn ich den Blick nicht vergessen kann, kann ich nicht ruhig schlafen, erwidert die Stimme. Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die man nicht vergessen kann, hätte ich gerne gesagt. Aber ich seufze nur zustimmend und sage, du kannst meinen Blick vergessen, ich bin dir deswegen nicht böse. Wieder ein dumpfes Grummeln. Dieser Morgen zieht sich in die Länge, im Hintergrund ein Tick, Tack, immer bereit, meinen Puls zu messen. 
Wie viel ich damals von all den anderen Menschen mitbekommen hatte, kann ich gar nicht mehr sagen. Da waren hintergründig ein paar Gesten, da waren ein paar Körperteile, da waren ein paar Stimmen, die sich in mein Gedächtnis geschleift hatten. Verloren in Bedeutungslosigkeit, weil ich sie sowieso keiner Person zuordnen könnte. Hie und da glaube ich gelegentlich den einen oder anderen erkennen zu können, manchmal glaubte ich, erkannt zu werden. Vielleicht war ich ein moderner Nomade, ein Gefühlsnomade, ein Haus ohne Hof, vielleicht war ich ein streunender Hund, bereit den nächsten anzufallen, so wie die in den Straßen Sankt Petersburgs umherstreunenden Tiere. Vielleicht wollte ich mir aber auch nicht eingestehen, dass es Menschen gab, die diese Gefühle teilten. Das andere Geschlecht, die kryptisch verschlüsselte Spezies.

du var solskenet, jag var ensam

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Manchmal erzählen meine Großeltern noch am Küchentisch von den guten alten Zeiten. Aber in dem luftleeren Raum zwischen ihren Erinnerungen wabert ein großes Stück Ernüchterung. Verlebte Traditionen. Ich treibe durch die Memoiren meiner Vorfahren wie ein Embryo durch Fruchtwasser. Da mache ich mir Dinge zu eigen, dort ergänze ich großzügig und ohne Scham. An manchen Tagen wüsste ich gerne, wie viel Prozent meines Gedächtnisses mit destillierten Lügen gefüllt sind. Aber ich kann mir nicht helfen. Ich dichte immer noch hinzu, abhängig von meiner Tagesform. Und dann stellen mir meine Eltern wieder diese Fragen. Wann denn mit Enkeln zu rechnen sei. Warum ich denn so ein Lotterleben führe. Meine Antwort ist abweisend, aber freundlich und bescheiden.
(Reptilienhaut, 2009.)

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vor ewigkeiten habe ich schon damit angefangen. ich baue mir ein kleines haus. eins, das fast schon so gross und rund und manchmal so schön ist, wie das, was schnecken auf ihren rücken tragen. der unterschied: ich bin – gefühlt – noch nicht einmal so gross wie ein wurm. meist versuche ich aber aufrecht durch das leben zu gehen, gelegentlich mit dem gefühl, ich hätte einen stock als rücken. vielleicht mag das auf andere so wirken, als wäre ich verrückt, für mich aber ist es normal.
deine alten tagebücher lese ich mir manchmal durch, oft tut es aber einfach nur weh. du hast mir einen kleinen karton vor die haustür gestellt, hast geklingelt und bist dann einfach ins leere gelaufen. niemand weiß, wo du bist, ich nehme an, du selbst noch weniger, und niemand hat von dir gehört, da nehme ich wiederum an, dass du nicht wolltest, dass irgendjemand etwas von dir weiß. du tust gut daran, deine spuren hinter dir zu verwischen. du denkst bestimmt nicht allzu oft an uns oder an das, was du uns hast spüren lassen. du hast mich allein gelassen, vor allem aber hast du mich verletzt. hast immer gepredigt, wie sehr du es verachtest, wenn andere verletzend durch die weltgeschichte ziehen, warst selber aber nie besser. du konntest gut mit zweierlei maß messen, aber das heißt trotzdem nicht, dass du nicht zu einer mir wichtigen person geworden bist. einschleichen in köpfe konntest du dich schon immer gut.
dieses schneckenhaus ist oft zu schwer für meinen kerzengeraden rücken, es biegt sich ihn kugelrund. irgendwann werde ich wohl in der mitte durchbrechen, vielleicht früher, vielleicht später. dieses haus, das mir kokon und last zugleich ist, bestimmt meinen alltag. ich kann ganz einfach in es hineingleiten, so, als wäre es nie anders gewesen. das herauskriechen wird immer schwieriger; je länger ich diese schale trage, die ich nicht wie schlangenhaut einfach abstreifen kann, desto enger sitzt sie. schneidet mir die luft ab. sticht mir in die seite, kneift und kratzt und wird im allgemeinen immer unbequemer. und doch scheint sie so elastisch zu sein, dass sie nicht reißen wird.
du hast es dir bestimmt nicht einfach gemacht. all die ausflüchte, das nicht antworten, all das zögern. das muss doch kraft kosten. dir ist das bestimmt im grund egal, aber mich würde es schlauchen, innerlich einen marathon laufen zu müssen, jeden tag. dabei hast du dich doch noch nicht einmal trainiert. du weißt nicht, wie weit du gehen kannst im gericht mit dir selbst. du hast nicht den blassesten schimmer, wer du eigentlich bist. du scheust dich davor, mit anderen zu kommunizieren, du wartest, bis sie auf dich zugehen und schlägst dir dann selber dadurch ein bein ab. vor allem dann, wenn niemand den ersten schritt macht.
und dann auch noch der herzschlag, der sich in meine ohren hineinbohrt, überhören kann ich ihn nicht mehr, das kleine herz in der großen schale schlägt und rotiert und macht und tut und kommt doch im allgemeinen gegen nichts an, was mein verstand sagt. die beiden jagen sich im kreis und irgendwie gewinnt immer nur der krieg zwischen ihnen, nie die guten worte anderer. sätze von leuten, die mich zu sehen scheinen, trotz meines schönen großen, manchmal in der sonne schillernden hauses.



(für elisa. Tbc)