be patient (still)

Untitled by smallcutsensations

ausblicke auf das altern. mein genpool, meine dna, spiegel vor meinem gesicht.
wie die bücher, die irgendwann jemand für mich ordnen wird, weil ich zu alt sein werde, ihre worte ertragen zu können; oder die farben, die man anordnen wird, so wie ich es mir wünsche, weil ich keine farben mehr werde sehen können. löcher in der netzhaut, vielleicht löst sich alles, was ich sehe auf, fällt in sich zusammen, alles, alles versehen mit einem grauschleier, oder haben meine augen nur ihre inneren, zweiten lider geschlossen? irgendjemand wird die bücher, die ich jahrelang angesammelt habe, verschenken, wird sie und ihr papier und alles, was sie mir mal bedeutet haben, in den müll werfen; bücher wirft man nicht weg, bücher verschenkt man, worte als geschenk, meine worte für dein herz, tiefgreifend, aufwühlend, ankämpfen gegen das vergessen. irgendjemand wird die nase zwischen die buchdeckel halten und erinnerungen an mich riechen können, mich, so, wie ich früher einmal war, als ich jung war, als ich noch frei geatmet habe und durch die welt gegangen bin, halb mit gesenktem haupt, auf der suche nach den kleinen dingen, die anderen nichts bedeuten; als ich noch sehen konnte, als ich in mir drin noch sehen konnte. hier nimmt es die haare weg, dort machst du meine haare weiß.
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all the fears you hold so dear

Untitled by smallcutsensations

für immer die menschen, eine fragmentfortsetzung.

nachdenken über den begriff alltag, sezieren in einzelteilchen, zusammensetzen, die meinung im kleinen oder eben die im großen. alle tage, jeder tag von neuem, neuer anfang, beginn, gar kein trott, nichts alltäglich, weil alles immer neu, ich du wir, der herzschlag. jeden tag etwas neues, jeden tag die möglichkeit, dass etwas zu ende gehen könnte, intensiver leben, bewusster, ich schaue dir in die augen, du brennst dich weiter in meine netzhaut ein, meine worte in dein gedächtnis, unsere gegenwart in unsere blutkreisläufe.
wir brechen alles herunter, bis zu den protonen, vielleicht sogar bis zu den quarks, ich weiß nicht, was das ist, du wahrscheinlich auch nicht, wir haben es irgendwo in der zeitung gelesen, meine deine unsere haut wieder so altertümlich glänzend im schreibtischlampenlicht. selbst das ist nicht das ende, nervenstränge, nervenbahnen, feuerwerkskörper im gehirn, du ich wir.
ich sammle teile von mir, von dir, halte sie an einem platz fest, einem platz in mir, einem, den du nicht kennst. ich kann mich dank all dieser kleinen teile, einige von ihnen kleiner als konfetti, immer wieder zusammensetzen. ich weiß, dass du das auch kannst. wenn dann dein platz unausgefüllt bleibt, ein loch an meinem schreibtisch, licht dort, wo du gerade sitzt: fahre schon deinen schatten nach, den auf den dielen, den um dich herum. fahre die erinnerungen nach, das kleingeschnittene, das großgeratene, das warme, sehe all die vorherigen versionen eines ‚du‘, während du selbst mir nichts anderes als deinen nackten rücken hinstreckst, konstatiere, nichts von all dem ist falsch. da ist er wieder, der im schock schnell herumgedrehte kopf, der zweifelnde blick. ein falsch kann für den moment sogar richtig sein, sage ich, man muss nur wissen, wann das ich auf dem weg zum meer ist und wann auf den weg in einen bunker. die reaktion abrupt, das knarzen meines stuhls, als du dich erhebst, du gehst ein paar schritte durch mein zimmer, bleibst immer wieder stehen, hängen, deine widerhaken halten dich selbst beim gehen auf.
du bist das meer, deine gischt schlägt dir und mir ins gesicht; raue see, verbunden mit all dem anderen wasser, meine augen grüngrau, du regnest mir auf den körper, nein, das ist dicker, nasser schnee, der zwiebelt noch nicht einmal so richtig auf der haut. an meiner weichen oberfläche prallt alles ab, du wirkst überrascht. das ist nicht der stolz, der greift, das ist etwas anderes. der stolz ist das, was mich mittlerweile aufrecht stehen lässt. 
der platz auf den dielen hinter der tür ist mir noch vertraut, bekannt, das holz dort hält noch etwas restwärme in sich fest, vielleicht sind das aber auch nur die leitungen, die zu den heizkörpern in der wohnung führen, mein ohr auf dem boden, mein körper wieder zur katze zusammengerollt. ich liege wieder hinter der tür, du auf einer anderen seite, auf kaltem beton.

and all the fears you hold so dear
will turn to whisper in your ear

self-fulfilling prophecy, self-defeating prophecy

Untitled by smallcutsensations


vierzehn.
die hohe straße stirbt, ich sitze im wartezimmer immer auf meinem stammplatz, auf dem ich schon gesessen habe, bevor du darauf gesessen hast. während alles durchtränkt ist von dingen, die du gesagt hast, dingen, von denen ich glaube, dass du sie ehrlich meinst und dingen, die du sagtest, die du jetzt verzweifelt versuchst, zu verneinen, ohne dass es funktioniert, bin ich die öllampe, deren öl langsam in das eigene glas einbrennt. meine therapeutin sieht mich an, ist geschockt, als ich ihr erzähle, was mir letzte woche passiert ist. war jemand für sie da? ich nicke, schüttele aber innerlich den kopf, du hast davon keine ahnung. wir reden über etwas anderes, ich bekomme etwas als hausaufgabe mit, ich erzähle vorher von meinen eltern, wir reden über dich, ich habe das gefühl, ich würde sie anlügen, der kloß in meinem hals, ich habe alles schon lange verstanden, ich habe es ende august verstanden und ich habe nie meine seite gewechselt. mein gegenüber, durch den wald rennen wie ein hase, immer im zickzack, manchmal ist man dadurch schneller, meist aber nicht. meine therapeutin sagt, sie habe mich noch nie so stark gesehen wie jetzt, ich weiß nicht, was ich sagen soll. vielleicht ist das so eine art märtyrer-gedanke, sich selbst zu opfern für das potenzielle vorangehen des anderen. ich sehe sie an, mit etwas wut, denke an worte und erkenne muster wieder. im bus dann blättere ich das, was sie mir mitgegeben hat, durch. ich muss lächeln, ich weiß, es wird alles gut. es ist alles gut.

you are a storm, you are my little storm

Untitled by smallcutsensations

für immer die menschen, eine fragmentfortsetzung.

ich gestehe dir, dass ich vergessen habe, wie es ist, gerade zu stehen; schlichtweg, weil das sich abstützen, das gebeugte sitzen, so viel mehr sinn macht und ich verrate dir, dass ich mich gerade wieder aufrichte und dass es mich schmerzt, gelegentlich, nicht immer. du sagst dann etwas in richtung dir komme das bekannt vor. die blaue stunde halte ich dir in meinen handflächen vor die nase, du schaust mich fragend an. das kommt aus mir, das ist in mir, das ist melancholie, damit lebst du, damit lebe ich, damit zu leben ist gelegentlich schwer, aber wieso muss man alles immer an seine angst koppeln? du weißt nicht, was du mir dazu sagen sollst, ich lege eine hand auf deine brust, eine hand auf deine lenden und schiebe deinen rücken gerade, es strengt an, findest du, ich nicke, ich kenne dieses gefühl. ich richte mich ebenso auf, es tut mir weh. das ist nötig, sage ich, erinnere mich dabei wieder an meinen anfangswunsch, meine hoffnung, dass du bei mir nach dem rechten schauen würdest, verwerfe sie, krame sie dann letztendlich doch wieder permanent heraus, lasse sie wie einen immer warmen becher voller heißer schokolade neben mir stehen und denke an den geruch deiner haut, den ich immer noch in meiner nase habe.
ich weiß nicht, wo du sie auf einmal hergeholt hast, aber du schaust dir mit leidenschaft bilder von einem gestern, einem damals, einem vergangen an, einem, das seine spuren an dir hinterlassen hat, spuren, die ich kenne und in mir selbst trage; all die widerhaken, von denen wir schon vor einiger zeit geredet hatten, halten mich nicht auf, ich trage sie selber in mir, wie ich es dir schon so oft gesagt habe; die vermutung, dass du dich an diese gespräche nicht mehr erinnern kannst und dann meine angst, dass mir alles durch die finger gleitet, ähnlich wie fließendes wasser oder wie der sand in einer sanduhr, wie alle konstrukte. wie zeit, wie epochen, wie raum, wie kultur, wie meine worte, überhaupt meine sprache. wie ich alles hinterfragen muss, weil ich sonst keinerlei greifbaren anhaltspunkt mehr habe für das, was tatsächlich existiert. es ist alles nur im kopf entstanden, könntest du mir sagen, eine leidenschaft für vergangenes voraussetzend. und dann meine bestimmtheit, meine etwas forsch klingende stimme, wenn ich sage ich habe nicht jahrelang auf dich gewartet, um dich an deine vergangenheit und deine ängste zu verlieren und dein erst gleichgültiges, dann berührtes, dann verstörtes, dann nachdenkendes herz.
du sitzt im kalten, ich habe hinter mir die badezimmertür zugezogen, aber nicht abgeschlossen und dusche so heiß, dass mir vor hitze eine gänsehaut den körper hochsteigt, dann fängt es an zu brennen. rote stellen, striemen in haarform, meine haut so weich wie du es vorher von niemandem kanntest, nicht wundgelebt, nicht vergangen an dem gestern, vorgestern, vorvorgestern. neu aufgeblüht, gestärkt, nur für deine hände und schlangenbeine durchlässig, durchsichtig, sie dampft, als ich wieder in mein zimmer trete, um deine gegenwart wissend, und ihr geruch zieht, ähnlich wie du, wie ein liebevoller sturm, der sich schon lange nicht mehr aufhalten lässt, in deine richtung.

if I am alive this time next year

Untitled by smallcutsensations

für immer die menschen, eine fragmentfortsetzung.

du sagst nichts, dann sprichst du, du sagst damit alles und nichts. wir sind mit dem boden verwachsen, alles, was du verloren hast, sind etwas zeit und ein paar meiner nerven, sage ich, und ich für den moment meine worte.
sie knallen mit den wuchtigen altbautüren, die wände wackeln bis vor unsere füße, unter mittlerweile warmen decken ist das alles aber nur noch halb so schlimm. und wieso warst du nie wütend oder rasend? auf meinen lippen noch etwas restwärme, wütend war ich, enttäuscht war ich, gewartet vor meiner wohnungstür auf dich habe ich, tagelang, aber vielleicht war es einfach noch nicht die richtige zeit für dich, zu mir zu kommen. ich hätte dir noch so gerne ein paar andere worte gesagt, aber ich hebe sie mir auf für ein später, eins von der sorte, auf das es sich zu warten lohnt. dein steifer nacken, herbstliche spiegellichtspiele auf den dielen und auf deiner haut, ich muss schmunzeln, beinahe hätte ich von dem holz geredet, aus dem du geschnitzt bist, von den holzträgern, die dich halten, von meinem geäst, das schon seit einiger zeit in dich hineingewachsen zu sein scheint.
sagen kann ich kaum etwas davon, du schmeckst nach orangensaft und pizza und den hoffnungen dieser welt, ich kann nicht reden, weil sie mir den atem nehmen, sie haben es schon immer getan. ich konstatiere, das fieberthermometer wieder zwischen meiner haut: das ist keine krankheit, das ist eine wahl, die ich getroffen habe, deine augen sind etwas störrisch, du fragst, fragst nach, aus, vor und zurück. ich habe es dir doch immer gesagt. es geht um ruhe, entgegne ich dann, das ist dieses ganz ruhig zwischen den stoffbahnen liegen und deine gedanken anfassen können. ich sehe deine schlangenbeine unter all den schichten stoff, die du aufgetürmt hast, fast so, als könnten sie zu einer mauer werden, die ich nicht durchdringen kann. hinter manchen deiner fragen wittere ich etwas, den feinen stechend-süßlich beunruhigenden geruch der ungläubigkeit etwa, halbgesundes misstrauen, das ich von mir kenne, wenn jemand menschen, die ich liebe, zu nahekommt, ohne mir etwas davon zu erzählen.
erlebnisse aus deinem mund, du erzählst mir von ihnen, als wären sie vor jahren passiert, als würde es einen unterschied machen, wann ich von ihnen erfahre, du bewertest, ohne, dass du auch wirklich eine bewertung unternehmen willst. du sagst mir, ich sähe müde aus und krank, ich solle schlafen. seit tagen schon wüten die bakterien in mir, du bist schon durch den sturm gegangen. die dicken decken, dein atem, eigentlich sind wir gesund, es geht uns gut, manchmal ging es uns schon besser, aber weil alles, was gut ist, nicht so leicht in den fingern zu behalten ist, zwiebelt es immer noch sehr auf den alten narben. ich habe ein paar stunden geschlafen, ich liege auf dem bett, in noch mehr stoffbahnen, auf dem kleinen tisch neben mir eine fast nicht mehr dampfende suppe. die augen muss ich zusammenkneifen, ich sehe deinen nackten rücken mir zugewandt wieder auf dem stuhl sitzen, ohne zittern, ganz ruhig, das fieber hat mir die haare an die stirn geklebt. manche sachen muss ich nicht überdenken, einmal angestoßen, laufen sie ganz natürlich durch die adern, die schilddrüse, die nieren. bleiben im blut, halten warm.
because you know, my dear,
it’s only fear
that keeps you locked in here