Trouble

Laufen deine 5-HT-Rezeptoren noch immer so häufig Amok? Spürst du endlich einmal die Beule, die unter deiner Haut wächst? Hast du dich beschäftigt mit den Auswirkungen deiner Lethargie? Zählst du die Gegenstände, die ich bei dir vergessen habe?

Hauptsache hier, Hauptsache du; dann kommst du her und musst feststellen, dass alle, die geblieben sind, auch einfach nur weitergelebt haben, gut weitergelebt haben, ohne dich und Hilfe und Zuspruch. Denn das ist ja gerade das Perfide in den, deinen, diesen Gedanken, denn nichts hört einfach so auf, alles geht weiter, alles im Flux, oh, als gäbe es die Ausnahmen nur für dich allein.

you keep closing doors
so I can’t help you no more
your thoughts, so confined
a maze of your own design

(Robots Don’t Sleep – Trouble)

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New Skin

Es war Grau und die Stille nicht wert
– 1

Deine Moleküle sind tausende von Jahren alt.

Hinter deinen Augenlidern liegen deine Augenringe, Flecken, hochgewandert, möglicherweise auch nur wieder Libellenhaut, eventuell aber doch die Manifestation des Problems, dass du deine Augen nie ganz, komplett, vollkommen schließen kannst. Dass du immer mindestens dein Blut, deine Haut, eine Schicht sehen kannst, dass du nie ganz in Schwarz bist, vielleicht doch nur 256 Varianten Grau und Rot.
Dann lachst du, ich bestarre meine Haut im Spiegel, sehe die Spuren von Sonne, Melaninüberproduktion, kleinen Viren, sehe Narben, die zu Falten wurden, aus der Mitte entspringt ein Fluß, niemand weiß das besser als du und ich und ich sehe die Formen abgebildet in meinem Gesicht. Das ist fast besser als die Naturaufnahmen der BBC Dokumentationen, Vulkankrater finden sich auf den Wangen und der Stirn, flußdeltaartige Verästelungen um die Augen, von Lava hinterlassene Schluchten in Bergen finden sich in den Mundwinkeln wieder. Dazwischen der Marianengraben.
Einmal Luft schlucken, dann wird sie Teil des Körpers, an jedem Ort mindestens einen Mund voll unsichtbare Umgebung essen, möglicherweise kommt dann doch alles an in den Augen, frisst von innen, nicht von außen.

Du hängst an der Haltestelle des Zuges als würdest du dich festkrallen mit den Klauen eines Faultieres, würdest hängen und nicht stehen, mehr Erläuterung bedarf es nicht. In den Bussen stehst du dann, eingekeilt, zwischen den einzelnen Etagen, damit du deinen Hals nicht beugen musst. Da drüben hängen Bilder ihrer Kinder an den Satellitenschüsseln, mindestens zehn pro Stockwerk, meist mehr, mittlerweile alternierend mit Bildern von Sonnenblumen, der eine neidet, der andere fotografiert. Ich frage mich, wer sie, wer wir sind, dass wir uns über sie stellen. 

Der eine oder andere Körper hält eine alte Seele fest, versteinerte Traumata oder fehlende Spiegelung und dann biegt die erste U-Bahn auf die Schienen des Viaduktes und lehnt sich ein wenig in die Kurve. Es quietscht und rumpelt, als wären Murmeln in deinem Brustkorb; du siehst dieselbe Silhouette an Häusern und weißt darum und fühlst nichts und manchmal noch hasse ich dich dafür.

„Es ist doch eigentlich alles ganz einfach,“ sage ich ihm, „jedes menschliche Lebewesen strebt nach Liebe, in welcher Form auch immer: Zuwendung, romantische Liebe, Anerkennung, Gespiegelt-werden, Gesehen-werden, Wertschätzung. Und dann kommt der ganze andere merkwürdige Mist.“ Während ich das Rapsfeld-Landschaftsbild an der Wand gegenüber anstarre und es zurückstarrt, sagt er „und das Wort merkwürdig streichen wir aus Ihrem Wortschatz.“

Ich habe mir ein paar Fotos ausgedruckt, vier Varianten Überhang, einmal Mitte, mittig, man kann uns alle lachen sehen. Dann gehe ich in den Supermarkt um die Ecke, den, in dem ich die meisten Kassierer mit Namen kenne und sie sich immer noch darüber wundern, dass man so viele Payback-Punkte in einer Lebenszeit gesammelt haben kann, wie sie dann zueinander raunen und ich ihnen sage, dass das nur geht im Familienverbund. Sie haben mir nicht einmal wirklich zugehört. Dann den Einkauf von der Ablage in den Beutel an die linke Hand in die Ellenbogenbeuge hieven, Schritte nach Hause, Ampelschaltung voller Widersprüche. 

Deine Pupillen sind unterschiedlich groß und das Grün in ihnen unterschiedlich tief. Sobald Licht darauf fällt, läufst du schnell, schneller als dich deine Beine eigentlich tragen können. Antilopen-Beine, wilde Beine. Deine Angst ist keine Makulatur, sie ist die vernarbte Haut, von der du befürchtest, sie könnte bei jeder unüberlegten Bewegung wieder aufreißen. Du hast sie schlecht zusammengenäht.

lay off me, would you
I’m just trying to take this new skin for a spin

(Torres – New Skin)

Jubilee Street

Sketchbook, Oktober 2015

Hinter der Windschutzscheibe, auf dem Armaturenbrett steht ein kleiner Blumentopf, aus dem halb vertrocknete Kakteen ragen. Du sagst Macht, ich sage Ohnmacht, da kommt die nächste Panikattacke wie ein Tsunami auf mich zugerollt. Passieren lassen. Einatmen. Ausatmen.

I got love in my tummy
and a tiny little pain
and a ten ton catastrophe
on a sixty pound chain

(Nick Cave & The Bad Seeds – Jubilee Street)

unfinished business

Es war Grau und die Stille nicht wert

2

Die durchschnittliche Hamburger Taube hat 1,7 Beine. Du schnalzt mit der Zunge, während du „einskommasiebenbeine“ so schnell hintereinander sagst, als wären die Worte miteinander verwebt, dann lachst du. Und zitterst dabei ein wenig.

In deiner Wohnung haben viele vor dir gelebt, sie haben die hohen Decken ausgefüllt, nach denen du so lechzt und an die selbst du gerade so mit einer Leiter mit Verlängerungsschiene herankommst. Du verzehrst dich nach kahlen Wänden mit ihren Gebrauchsspuren, da unter der Tapete; das ist der Putz, das sind Spuren, da fragst du dich, welche Narben die Wand von dir tragen wird und du findest keine Antwort, denn du schaust zuerst auf deine Haut und bewunderst, dass man fast alle nicht mehr sehen kann. Du hast sie auf den anderen Menschen hinterlassen und dich selbst geheilt.
Du bist eine Art Geist in sichtbarer Hülle, bist nicht Casper, bist nicht der Geist, den die Ghost Busters jagen. Gelegentlich bist du davon komplett unberührt, du dissoziierst und hast bei alledem überhaupt nicht verstanden, dass es nicht um das Abschotten geht.

„don’t touch me!“ I screamed
I’ve got unfinished business
you’ve got blood on your hands
and I know it’s mine
I just need more time
so get off your low

(White Lies – Unfinished Business)

Always

Es war Grau und die Stille nicht wert

1

Du bist Philae und du kannst nirgendwo landen, niemand, der dich steuert oder dir sagt, wie du wieder zu Energie kommst, keiner, der deine Knöpfe drücken möchte, um dich zu retten. In der Entfernung ähnlich grisselige Bilder, verrauscht, Leben in ISO 6400, grobes Korn. Du kannst nicht erwarten, dass ein Ort mit dir spricht, wenn du nicht zuhörst. Entweder, weil du nicht bereit bist oder weil du dich dazu entschieden hast, nicht zu wollen. 

Ob das Zucken in deinem Nacken auch von den Leitungen kommt, denen in deinem Kopf, denen, die du in andere Köpfe hineinlegst?
Am Feldrand stehen die Kiefern und Fichten schief vom Wind, sie erinnern sich an dich. An damals, als du noch ein Orkan warst.

the love
the care
the home
and all you never had

(Get Well Soon – You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance))

self control

Früher erzählten sie oft vom Dickicht zwischen den Laken. Früher war ich oft darin.

Früher haben sie mir gesagt, es sei ein leichtes, sich in den Kerben anderer Menschen zu verrennen, vor allem, wenn sie ähnlich geformt zu sein scheinen wie die eigenen. Sie haben gesagt, dass manches wieder ausbeult mit der Zeit, dass die einen Pflaster und Decken brauchen und die anderen Tieflader und Therapeuten. Generell haben sie das Wort Zeit sehr oft verwendet.

Sie sagten nichts davon, dass manche Krater tiefer werden je länger man wartet oder dass deren Spiegelung Fluchtreflexe streut. Gewarnt haben sie nicht vor Narziss und Demian oder dem lauten Poltern von Versprechungen, die gekoppelt sind ans Gewissen. Ich bin nicht der Fluchtreflex der anderen, ich bin nicht die von ihrer Kerbe ausgelöste Schneise.

Es zieht und zerrt und schiebt und treibt irgendetwas in meinen Venen, vielleicht ist das aufkeimende Indifferenz, vielleicht Müdigkeit. In meiner DNS nur ein Clusterfuck aus den Seelen meiner Vorfahren, kondensiert, begrenzt von meinen Schädelknochen. Manchmal pulsiert er durch meine Erinnerungen in Amöbenform.

Das Wort „früher“ haben sie zu häufig verwendet, Kreise sollte man nicht erst im Alter ziehen. 

Es ist so leicht zu vergessen: du bist in keiner Weise die Menschen, die dich nicht lieben können, du bist kein Altlastenleben. Dann wieder der Pfleger aus der Klinik, der immer wieder sagte: Sie haben eine Verantwortung den Menschen gegenüber, mit denen Sie zu tun haben und die Ihnen wichtig sind. Sie haben die Verantwortung ihnen zu sagen, was sie in Ihnen auslösen. Und die anderen haben dieselbe Verantwortung Ihnen gegenüber. Mein Fluchtinstinkt, trotzdem Aushalten.

Dann, vereinzelt: ich ziehe und schiebe und zerre mich nicht mehr zurecht für die Schneisen in anderen drin. Ich darf hier sein, dafür brauche ich keine Genehmigung.

(Laura Branigan – Self Control)

do me a favour

Stell dir das mal vor, Menschen, die Gefühle horten, auf Vorrat leben und fühlen. Dann für alle außer sich selbst etwas von ihnen übrig haben, so wie jemand, der verhungert, während er die schönsten Speisen vor Augen hat. Du sagtest immer, ich solle nicht deinen Rücken entlangkratzen, da fänden sich Narben vom Großwerden; ich nickte, dachte an die Narben auf meinen Oberschenkelaußenseiten und fuhr nur noch mit den Fingerkuppen entlang. Diese Ziehharmonikahaut kenne ich schließlich nur zur Genüge.
Dann erzählst du mir, dass die Leute bei dem einen Mann alle weggestorben sind und wir uns fragten, wie viel Tod auf einmal überlebt werden kann. Bruder – Sohn – Frau.
Was mich trauriger macht, kann ich dann oftmals nicht sagen, das ist so wie:
macht es dich trauriger, zu hören, wie die Straßenbahnen über dir ohne dich an Orte fahren, an denen du sein willst oder macht es dich trauriger, die Abflugtafeln am Flughafen zu beobachten, wie sie sich Aktualisieren ohne jegliches Zutun von dir?

Wir haben angefangen, das alles herauszufiltern. Schizoide Persönlichkeitsstörung, Typ: hidden. Er schweigt mit mir am Anfang jeder Sitzung und nachdem wir uns mit Handschlag begrüßt, ich die Balkontüre geschlossen habe, und wir beide Platz genommen haben auf eigentlich sehr bequemen Ledersesseln, fange ich irgendwann an zu lachen. Auf seinem Schoß liegt meine Akte, 250588G♀ oben drauf. Er schreibt auf weißen Seiten, kein Klemmbrett. 
Ich starre auf das Mobilé, das in nordöstlicher Richtung in meinem Blickfeld hängt. Geradeaus ein riesiges Gemälde mit einer Rapslandschaft. Ich starre auf die Récamière unter dem Mobilé, brauner Überzug, sehr viele Kissen, ein, zwei Decken. Da will ich nicht drauf, ich winde mich schon im Sitzen vor allem, was zu viel mit mir zu tun hat. Jedes Mal, jedes verdammte Mal dieses riesige Stück Kloß im Hals, die Schmerzen in der Brustgegend und sonst Gewichtlosigkeit, wenn er diesen einen bestimmten Punkt in mir triggert, der mit meiner frühen Kindheit zu tun hat. Da ist ein Sumpf in mir drin und ich habe Angst, ihn zu betreten, aber ich stehe nunmal schon im Morast und mir sind die Füße kalt.
An manches kann ich mich erinnern. Er erklärt mir viel, erklärt mir die Modelle, die verschiedenen Herangehensweisen der Psychologen, der Traumapäpste. Wir lachen oft und wir lachen viel. In letzter Zeit krieche ich wieder in mich hinein und schlage alle von mir fort. Ich schlafe viel, mein Interesse und meine Begeisterungsfähigkeit hält sich im unterirdischen Rahmen. Er notiert sich ob meiner Offenbarung darüber viel. Manchmal zeige ich ihm mein Notizbuch, manchmal gestehe ich ihm, dass ich manche der Begriffe, die er mir erklärt, auf Wikipedia nachschlage um einen minimalen Überblick zu bekommen. Er lacht dann, sagt mit sarkastischem Unterton: natürlich, ich lache auch und dann glaube ich zu hören, wie er gerne sagen möchte: Sie hassen es, die Kontrolle zu verlieren. Diese gottverdammte Selbstversorgung.

Und dann fange ich an auszurasten, weil mich die derzeitige Hass-Welle aus Sachsen so mitnimmt und ich erzähle ihm von dem Baumarkt, dass ich ihn kenne und noch weiß, wie es darin gerochen hat. Dass ich nicht weiß, wie ich mich noch mehr distanzieren soll von dem Sumpf, der in Sachsen wohnt. Mit ein paar einfachen Worten schafft er es, mich wieder zu beruhigen. Ich sage: ich will einfach nur ein paar Eierschalen ablegen, die noch an mir kleben von früher. Ich denke: ich bezweifle, dass ich alle losbekomme.

ich will nicht deine Liebe
ich will nur dein Wort

(Herbert Grönemeyer – Mensch)