time to wander

Untitled by smallcutsensations
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wie schon mancher hier gelesen hat, im anschluss die sonate von fredrik und linnea. besser hier als aufgeteilt hier und da, vor allem weil sich eine fortsetzung abzeichnet. man kommt zum schreiben, wenn man mal den kopf frei haben kann. auch möchte ich mich bedanken bei den kommentierenden. eure kommentare würde ich mir gerne ausdrucken und an die wand hängen. auch möchte ich mich bedanken bei den lesenden, die nicht kommentieren. euch so zu danken, ist wahrscheinlich das einfachste. für mich ist der zuspruch, den ich die letzten wochen über diese seiten und zeilen bekommen habe, beinahe zu schön um wahr zu sein. und garantiert ein ansporn, weiterzuschreiben.
Am liebsten stritten sie sich unter der Woche zwischen drei und vier Uhr morgens. Sie wussten, dass das Haus da am ruhigsten, die Schlafphasen der Nachbarn am tiefsten und die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand im Vorbeigehen um ihre Belange kümmern würde, am geringsten war. Fredrik wusste auch, dass Linnea sich gerne über für ihn bedeutungslose Bekanntschaften aufregen würde. Enden tat das Ganze meist damit, dass sie weinend, wimmernd, schreiend im Flur der gemeinsamen Wohnung kauerte, während er auf dem Badewannenrand saß und sich die Ohren zuhielt. Irgendwann, zufällig oft vor fünf Uhr, würden sie jeweils erschöpft auf dem Fußboden einschlafen: er auf dem Badvorleger mit den kalten Fliesen darunter, sie auf den knarzenden Dielen im Flur. Es trennte sie eigentlich nur eine in grässlicher Farbe gestrichene Tür aus Spanholzplatten, in Wirklichkeit aber waren es Welten.
Am zu schnell kommenden nächsten Morgen gab es die gewöhnlichen Entschuldigungen, Liebesschwüre und Beziehungsverbesserungsvorschläge, die sowieso zehn Minuten später wieder vergessen waren. Dann lief ein paar Tage lang alles gut, sie würden nackt und mit an Origami erinnernden Körperteilverflechtungen nebeneinander aufwachen und der Dinge harren. Solange sie nur in der gemeinsamen Wohnung blieben, hatten sie nichts zu befürchten. Sobald einer von ihnen in Kontakt mit der Außenwelt trat, konnte es eine sehr lange, sehr wache Nacht werden.
Bei genauer Betrachtung der Situation würde Linnea wohl sagen, dass das am Anfang nicht so war, aber – um ehrlich zu sein – wer würde auch etwas anderes behaupten wollen. Und Fredrik? Ja, Fredrik lebte eben einfach so vor sich hin – seit jeher schon, und da die Anfänge und Enden verschwammen und nicht mehr auseinander zu halten waren, hatte er aufgehört, zu versuchen, alles in Beginnen und Verwerden zu ordnen. Bei der Gelegenheit jedoch würde er erzählen, wie er Linnea kennengelernt hatte. Ich habe Fusseln beobachtet und auf einmal war da ein Gesicht in meinem Blickfeld. Was danach passierte zwischen den beiden hatte er schon lange wieder vergessen. Aneinander band sie geteilte Gleichgültigkeit in ihrer ausgeprägtesten Form. Nach über einem Jahr entschieden sie sich dafür, ihre Beziehung als Beziehung zu deklarieren. Das bedeutete Vorteile bei Verwandten und war noch ein Grund mehr, den Freunden abzusagen. Wer wollte auch schon gern bei einem Pärchenabend stören.
Manchmal redeten sie in der Anfangsphase ihres Kennenlernens wochenlang kein Wort miteinander. Geteilte Stille tat ihnen gut und schweißte sie noch enger aneinander. Wer auch immer sie dabei beobachtete, musste sich ernsthaft die Frage stellen, ob sie einander strafen, prüfen oder loswerden wollten. Dabei hatten sie sich einfach nichts zu sagen. Und bevor ich noch etwas falscheres mache, schweige ich lieber, sagte Linnea, wenn sie sich ertappt fühlte. Fredrik dachte sich noch nichtmal seinen Teil; er wartete einfach nur auf neue Impulse von außen.
Erst, als sie in die gemeinsame Wohnung zogen, die sie übrigens auch nur mit Glück und durch Zufall bekommen hatten, lernten sie den jeweils anderen etwas näher kennen. Bei Diskussionen über die Einrichtung und darüber, welche Stoffbahn aus dem Ikea Katalog das Raumklima verbessern würde, stellten sie fest, dass die Wohnung viel zu hell, die Küchenfenster zu klein und die möglicherweise spannenden Nachbarn zu zahlreich waren, um solch wichtige Entscheidungen zu zweit zu treffen. Als hätten sie einander nur gefunden, um ihre Existenz nicht negieren zu müssen, wie sie es taten, wenn sie alleine waren.
Komplizierter wurde es erst, als Fredrik seine Jugendliebe Ida wiedertraf. Die war zwei Jahre jünger als er, mit Haut so weich wie Angorawolle und verlobt, um in absehbarer Zeit ihr Leben in den Griff zu bekommen. Stattdessen eröffnete sie Fredrik acht Wochen nach ihrem Treffen, dass sie schwanger war. Zwar wollte er schon immer etwas eigenes haben, doch ein Kind kam ihm dabei vor allem während er mit Ida schlief nicht in den Sinn. Vielmehr hatte er Linneas Wimmern und dessen Schall im Flur im Kopf.