haematoma diary

Untitled by smallcutsensations
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Und dann erinnert man sich an die Tage von vor Jahren. Wie man gelernt hat, weißt du, alles. Wie das mit dem „leise sein“ geht. Die Treppen besonders leise hochlaufen kann, ohne, dass das ganze Haus vor sich hinknarzt. Zu versuchen, keine Spuren zu hinterlassen. Nichts, gar nicht, so, als hätte es einen nie gegeben.

Die Bilder im Kopf. Du, gehend. Die Wohnungstür hinter dir zuziehend. Ich stehe noch ein paar Minuten im Flur und höre den Geräuschen zu. Stufen. Dann knallt die Haustür. Schritte. Dann die Tür zum Innenhof. Ich stehe immer noch im Flur, mir ist kalt. Nichts. Ich kann mich nicht bewegen.
Die Bilder im Kopf. Sie, auf dem Sofa sitzend, hinter der Scheibe, durch die man schauen kann, wenn man es will. Ich stehe im Flur, nahe des Treppenabsatzes. Gespräche hören. Morgen Klinik, der König aller Krankheiten hat sich in den Körper geschlagen. Ich stehe immer noch Flur, mir ist kalt. Am nächsten Tag der Zettel mit Informationen auf dem Küchentisch.
Die Bilder im Kopf. Ich, in Schweden, die Luft an der Brücke zur Ostsee ist klar. Er geht den Kai entlang, sehr weit vor mir, mit dem Rücken zu meinem Gesicht. Ich fotografiere die Schritte im Schnee. Ein paar Minuten stehe ich noch da, wie angewurzelt. Er hat nichts gemerkt, er ist fast am Strand. Mir ist kalt.

Ich habe gelernt wie das geht mit dem leisen Weinen. Da schüttelt sich nichts, nur manchmal, als würde sich etwas in einem aufbäumen, meist sitze ich dann allein im Flur.

Die Bilder im Kopf. Ich liege neben dir, es ist drei Uhr zehn, nein, deine Arme liegen um mich herum. Das ist ein Trick. Das ist ein Trick. Im Schlaf drückst du mich an dich. Das ist ein Trick. Das ist ein Trick. Ich versuche so ruhig wie möglich zu atmen, um nicht zu wecken. Das Salzwasser läuft in Strömen aus meinen Augenwinkeln auf die Kopfkissen. Mir ist kalt. Ich kann mich nicht bewegen.
Die Bilder im Kopf. Sie sitzt fast neben mir, ein paar Meter entfernt, sie spricht nicht mit mir. Sie sieht mich nicht an. In den Augen der Anderen im Raum spiegelt sich der Herrnhuther Stern, der an der Decke hängt. Ich lege zwei kleine Sachen auf den Tisch. Sie sieht mich nicht an, sie spricht nicht mit mir. Ich setze mich zurück auf den gefliesten Boden. Von draußen zieht die Luft etwas durch die geschlossene Terrassentür. Ich friere.
Das Bild im Kopf. Sie sitzt auf meinem Bett, an den Heizungsrohren, es ist früh, sie weint. Ich spüre am Oberkörper noch den Abdruck ihrer Arme vom Flur. Du bist ein toller Mensch und es geht dir gerade gar nicht gut, sagt sie, mitten in die Worte fange ich an zitternd zu weinen. Ich fühle mich schuldig. Sonst fühle ich nichts.
Die Bilder im Kopf. Der geflieste Gang, der an Hogwarts erinnert. Ich werfe meine Energie zu 150 Prozent aus meinem Körper. Du umarmst mich, du gehst. Ich kann mich nicht mehr bewegen, ich glaube, ich erfriere.
Das Bild im Kopf. Eine kleine weiße Visitenkarte zum Abschied. Sie hat vorher nie wirklich mit mir gesprochen. Wir gehen zurück nach Hause. Am Flughafen applaudieren die beiden Anderen so lange, bis ich im Sicherheitsbereich hinter dem Gate bin. Ich drehe die Visitenkarte um. Tack för att du finns. Das Flugzeug steht lange auf dem Rollfeld. Man gibt mir eine Decke, weil ich zittere.

Dann die durch die Nacht leuchtenden Worte und der gepflasterte Weg, auf dem man draußen steht. Die Buchstaben brennen, ich bin aus Holz. Du stehst ein paar Meter von mir entfernt. Schaust mich nicht an. Sprichst nicht mit mir. Ich nehme den Schal ab. Mir ist kalt. Durch die Scheibe, hinter der man etwas erkennen kann, wenn man will, stehen sie und trinken Wein. Es gibt mich nicht, ich störe. Ich möchte gerne gehen, aber ich bleibe nur stumm.

Das Bild im Kopf. Er fragt mich, wie es mir geht, ich kam gerade von zu Hause. Gut, sage ich, er nickt und geht. Ich schlucke. Zwei Minuten später kommt er wieder. Setzt sich neben mich hin. Gut, das haben wir oft genug durchexerziert. Wie geht es wirklich? Ich fange an zu weinen, es ist mir unangenehm. Er spricht von Verantwortung, sich selbst und den Nahestehenden gegenüber. Man muss sich selbst als Lehrer gegenüber Anderen sehen, so wie die Anderen Lehrer für einen selbst sind. Die Ströme in meinem Gehirn eskalieren. Meine Energie schleudere ich mit 200 Prozent ins Nichts. Und man muss es auch so sehen, sagt er, es gibt in unserem altertümlichen Gehirn drei Grundmuster: Angriff, Wegrennen, Totstellen. Der Propfen in meiner Kehle schwillt an. Man drückt bei mir oft Taste zwei und drei, sage ich. Er muss weiter. Mir ist kalt.

Ich halte mich immer wieder von neuem an Worten fest, die sich selbst wegbrennen, stehe am Ende in der Asche. Alles andere wäre bestimmt nur ein Trick. Dann gehe ich ins Bad. Ich verbrenne mir mit Absicht die Hände in heißem Wasser.

and you don’t even feel a thing
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