Your heart wears knight armour

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2. September 2014
Und es trifft dich, immer wieder, in teilweise regelmäßigen, teilweise unregelmäßigen Abständen. Und du denkst dabei, dass es mit jedem Mal, an dem es wieder auftritt, nur besser werden kann. Eigentlich. Aber das Fiepen im Hintergrund, im Kopf, wird immer lauter und bekommt immer mehr Facetten. So wie Falten.
Wie das Standbygeräusch eines Röhrenfernsehers. Ich schlage meine Knochen die Luft, ich kann nicht mehr essen. Ich darf nicht mehr essen. Ich vergesse immer wieder, dass ich für dieses Leben nicht gemacht bin.
Ich versuche, Sinn aus dem zu machen, was ich nicht verstehe. Und ich versuche, Sinn zu stiften. Aber da ist nichts. Ähnlich wie in der Stille auf der anderen Seite.
Irritationen auf dem Weg zu den Anfangspunkten der kleinen Leute, der feinen Menschen. Denen, denen man nicht anmerken kann, aus welchem Gebälk sie gemacht sind. Schließlich spricht man davon.

Früher bin ich mit Absicht eher aufgewacht, um den Leuten dabei zuzuhören, wie sie in normale Leben gehen, Leben, die ich nicht leben kann. Dort, wo keine Unbefangenheit in der Luft ist. Mittlerweile kann ich nicht mehr ertragen, ihnen dabei zuhören zu müssen.

Wenn das Zuhören schmerzhaft sein kann, habe ich die Manifestation meines Schmerzes gespiegelt in deinen Augen sehen können. Und dann wache ich auf, schreiend, vom Echo meiner Stimme. Auch wenn ich nicht mehr weiß, was ich schrie oder was ich da nun eigentlich wollte.
Jedes Mal denke ich, der Schatten über der Waschmaschine, da oben am Ende des Fliesenspiegels, sei ein Nachtfalter. Dabei bin das nur ich, im Staub der Jahre sitzend, auf den Absprung wartend.

20. September 2014
In einem Versuch, zu verstehen, was du mir sagen willst, was du mir nicht sagen kannst, was ich nicht zu hören bekomme, suche ich Worte auf, verfolge sie bis zu ihrem Ursprung, in der Hoffnung, ihre Etymologie könnte mir dabei behilflich sein, Fakten einzuordnen.
Sag alles ab, vor allem meine Dumpfheit in alle, meine Richtungen. Ich möchte, dass du nicht weißt, wo meine Unterlagen sich befinden; trocken die Fakten über mich, auf mittlerweile totem Material, manchmal gestrichen, dann wieder nicht. Ob du dich daran erinnern kannst, was du nicht zu geben in der Lage bist, meine eigene Unfähigkeit getarn als Hilflosigkeit in den Zeilenabständen, die du weder konsumieren noch im Ansatz infiltrieren kannst. Das sind auseinandergerissene Fäden, wegen denen ich mich frage, wer sie jemals zu einem Knäuel gerollt hat, da in mitten der wie Platten wirkenden Handflächen.

8. Oktober 2014
Weil wir das schon immer waren, jetzt, immer. Weil wir das noch nie sein konnten. Weil wir es sein könnten. Weil wir es sein können. Weil man die Erkenntnis in der Erfahrung mit dem Gespiegelten sucht. Weil das Angst macht. Weil man erzittert vor sich selbst. Denn die U-Bahnen fahren immer schneller, an einigen Orten. Sitzenbleiben, bis es nicht mehr weitergeht.

13. Oktober 2014
Es trifft nicht nur mich: reziprok erwiderte Grausamkeiten sind wohl eventuell Antwort zu viel. Nach Dingen wird man nicht mehr fragen können. Ich habe vergessen, wieso ich schreibe. Kann mich jemand daran erinnern? Vielleicht mehr als nur ein bisschen?
Die Prozesse meiner Haut und das Waschgel, das aussieht wie Sperma, wenn es mir die unter Arme hoch- und herunter läuft. Was für eine Bildsprache, deutlich, klar, wohl auch mal abstoßend.
Aber dann doch wieder in die Trickkiste greifend, tief. Ich gehe, dabei weiß ich oftmals nicht, wohin genau eigentlich.

Schneidebretter, direkt auf die Seelen gesetzt. Man sammelt, man erahnt und erfährt.
Darüber berichten und davon erzählen, was man gewollt hatte. Nachts liege ich zumeist still wie ein Stein. Ist das Fieber in meinen Knochen? Die Migräne, die man abstellen möchte (rein prophylaktisch, versteht sich)?
Für die Kontroversen in einem drin und die Angst und den Wunsch danach, berührt zu werden, nur von einem.

17. Oktober 2014
Und mit dir kaufe ich mich immer wieder in Unwägbarkeiten ein. Ich tauche, bekomme manchmal keine Luft. Ich tauche freiwillig. Kannst du in den Worten die Hilflosigkeit gesehen, wer hat sie nur in uns transplantiert?
Ich will deinen Kern dezentralisieren. Eintauchen, aber nicht fallen lassen in: dem, was umtreibt. Was? Du fragst, du gehst an. Du beziehst es nicht nur auf dich. Keine zwei parallel nebeneinander herlaufenden Erzählstrukturen. Ich möchte weiter in dich eintauchen. In dich und deine Hilflosigkeit. In dich und deine Unabschätzbarkeit. In dich und deine punktuelle Unzuverlässigkeit. Gefangenen durch die verschiedenen Einteilungen: Jahre, Sternzeichen, Horoskope, Stadtteile, Geburtsorte.

Nach zwei Monaten kann mein Körper wieder bluten, ich hatte schon Angst, ich hätte verlernt wie das mit den Schmerzen geht. Aber dafür hätte ich auch eine Erklärung gehabt, die sich mit den einzelnen, wenn auch wichtigen Dingen beschäftigt. Ich möchte, dass du Notiz nimmst. Teilnehmen willst.
Ohne dieses utopische Ziel, dass alles ein glückliches Ende haben muss und vor allem die Verwendung des Wortes „Ende“ in diesem Kontext würde es wahrscheinlich nicht zu viele Grund- und Misskonzeption über und von einem idealisierten und dadurch leider auch oft surrealen Leben geben. Einem Leben, von dem man weiß, dass man es nicht führen wird. Doch: wir haben alle unsere eigenen Mittel und Wege, mit und auf denen wir wandeln. Ich will weiterhin abstrahieren, du, weißt du, ich zähle darauf und zehre davon. Wie dann manche einem immer das gleiche idiotische sagen. Wir vergessen. Alles, deutlichst.

18. Oktober 2014
Und ich habe weinen müssen, weil es so grausam war, wie Berlin so grausam war, nein, es war nicht Berlin, es war dieses merkwürdige Leben. Das menschliche, das dunkle, tierische, aber auch nicht immer das rationale. „Aber wir haben doch überlebt.“ Das halten wir an einem Tag mal aus. Wir wollen miteinander reden über die Dinge, die passierten. Du hast nicht die Pflicht, antworten zu müssen. Das wäre die Metaebene. Aber wo kommt sie nur her? Wie viel tut man denn nun eigentlich, wie viel kann man tun, damit es nicht menschelt?

I just want to do it again
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