don’t swallow the cap

Untitled by smallcutsensations

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Ich glaube, ich muss dir eigentlich nicht mehr viel erzählen. Eigentlich weiß ich gar nicht, wieso ich dir überhaupt schreibe. Vielleicht, weil es viel zu lernen gab in der letzten Zeit. Im Allgemeinen darüber, wie deutlich die Zeit vergeht oder, im Speziellen, wie schnell sie sich in Abstufungen versteckt.
Ehrlich gesagt bin ich dazu übergegangen, mich nicht mehr zu verkriechen, stattdessen die Schale, die Hülle, die Kruste abzupulen, die mich noch in meinem Geburtsort umschlossen hat. Das war wohl beinahe so wie mit Muscheln. Hatte ich dir nicht auch mal gesagt, dass ich nichts esse, was aus dem Meer kommt? Oh, die Ironie. Den Schlamm aus dem Toten Meer schmiert man sich trotzdem ins Gesicht. Was ich eigentlich damit sagen will: es ist gut, es geht mir gut.
Der Rhythmus hinter den Dingen erschließt sich langsam. Es hat nichts damit zu tun, dass ich alles durchschaut habe. Ob das mit der Therapie zu tun hat, kann ich nicht sagen. Man klebt sich auch davon ab, man geht doch dadurch im Prinzip noch tiefer in sich herein. Was meinst du?

Jeden Tag sehe ich die gleiche Straße, das Kopfsteinpflaster kenne ich beinahe auswendig und gelegentlich ertappe ich mich dabei, Musik, die ich höre, mitzusummen. Weißt du, ich weiß nicht, wo der Unterschied ist zum Kopfsteinpflaster in der anderen Stadt, hier fehlen die hochherrschaftlichen leeren Plätze und die Fassaden, die in Turnussen neu hergerichtet werden. Dort glänzt das Dach dann nicht mehr grün sondern orange, dem Sandstein aber kann ich nicht abnehmen, dass die Figur, die er formt, keine Farce ist. Hast du eine Ahnung woran das liegt? Wo es herkommt, dieses wohlige Gefühl, das mir sagt, dass ich mich hier wohlfühle? Es ist schon normal, die Magie finde ich in den kleinen Dingen, in Augen von Menschen, in Gesten, wenn ich beobachte, wie die Sonne untergeht. Betrunken im Park durch die Gegend springen, der Anruf mit der Frage nach „wollen wir schaukeln gehen“ und die verdammten Kinder, die immer meinen Namen vom Klingelschild außen abkratzen.
Gelernt habe ich mittlerweile, dass man die schweren Einkäufe durchaus in der Ellenbogenbeuge tragen kann, dass die Arme danach nicht so wehtun. Wie sie einen deswegen anschmunzeln, als trüge man eine zehn Kilo schwere überdimensionale Handtasche. Und irgendwann bin ich auch pünktlich. Wie du das machst, weiß ich ja auch nicht so wirklich.

Die Dinge sind immer so ungeordnet, das ist normal. Meine Gedankensprünge kennst du möglicherweise schon. Wenn nicht, dann ändern wir das bald. Ich glaube, ich muss dir eigentlich noch viel erzählen.
Das hier war nur die erste Nachricht von vielen. Auf bald.

everything I love is on the table
everything I love is out to sea
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