magic chords

Untitled by smallcutsensations

Untitled by smallcutsensations

∆ 3

Ich stecke immer in den Spiegeln anderer, fremder Leute fest. Mal sind sie eingerahmt in Bambusholz oder Mahagoni-Imitate, gelegentlich ist es nur ganz dreist die Plastik, die meine Form begrenzt. Am liebsten sind sie mir, wenn sie direkt in die Fliesen hineingehen. Badezimmerpoesie, Symmetrie. Als hättest du es geahnt.
Weißt du, ich hänge keine Bilder mehr auf, weil sie Totenmasken gleichen, weil du mal sagtest, dass alle Gesichter zu Totenmasken werden. Gelebte Geister auf Fotopapier. Verstanden habe ich das nie.
Vielleicht ist deshalb bei mir alles so sehr Haut und Licht und womöglich weigere ich mich deshalb noch gegen Vorhänge und nehme in Kauf, dass der kleine Junge von Gegenüber alles sieht, was ich mache. Dann besinnt man sich: du lebst in einem dieser Zimmer auf einer dieser Etagen in einer dieser Wohnungen, in die man eben einfach so hineinschauen kann. Das ist in Ordnung.
Habe ich dir nie erzählt, dass ich in London regelmäßig halbnackt auf dem Dach im Sommerregen stand? Der Stadt dabei zusehen, wie sie wieder beginnt zu atmen und zu bemerken, wie sie ganz still wird dabei. Nenn mich melodramatisch oder in diesem Zusammenhang überromantisiert, mir soll das gleich sein. In Schweden war das ähnlich, aber viel zu kalt.

Eingerahmt auch der Blick nach draußen, in mehrfacher Hinsicht. Speziell angefertigte Gläser, dann das Fensterglas, dann der Innenhof. Weil die Zeit sich so beeilt und weil es schwerfällt, nicht im Schreiben zu begreifen, sortiert man die Abzüge neu, die an der Tür hängen. Ich habe dich noch auf keinem der Abzüge gesehen, aber ich schieße mich sehr schnell ein auf einen Menschen. Sobald die erste Misstrauensphase überschritten ist. Machst du das auch? Was für eine Frage – das ist bestimmt bei jedem so, zu seinen Bedingungen. Ich versuche Kollateralschäden wie die vom letzten Herbst/Winter zu vermeiden, generell zu vermeiden, nur auf Kosten meiner selbst zu probieren, kaputte Menschen zusammenzuhalten. Man lernt davon, weißt du, der bittere Beigeschmack bleibt. Nicht, weil die Dinge so geschahen, wie sie es taten – wäre man sonst nicht ein anderer Mensch und wäre man sonst nicht an dem Punkt, an dem man jetzt ist (man sollte auch dankbar sein für das Gute, das man aus all dem Schlechten herausgezogen hat). Das Bittere bleibt, weil man manches mit ansieht und genau weiß, in welche Richtung es sich bewegt. Weil man altes liest, auch alte Worte von einem selbst und unberührt bleibt. Der alte Affe Selbstschutz. Das mit dem Aufhören, Angst vor der Angst zu haben, meinte ich ernst. Ich halte mich daran.

Und vermutlich klingt das alles generell etwas bitterer als es gemeint ist. Man muss noch so viel lernen. Dann ist man nämlich selbst nicht mehr zu Besuch in seinen eigenen Worten. Verstehst du das?

you got nothing to lose, nothing to lose
nothing to lose this time
Werbeanzeigen