girl, you know you’ve got to watch your health

fünfundvierzig
Das ist also die letzte Sitzung. Ich bin viel zu früh da, glaube ich. Es ist Ende Juli, ich wollte erzählen von Dingen, die vorgefallen sind. Aber ich warte noch: auf eine Hochschulzulassung, auf ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft und auf ein weiteres Wort von anderer Stelle. Doch nichts ist passiert und nichts kann ich erzählen. Die letzte Sitzung und es geht mir sehr komisch um im Magen, ich sehe, dass wir uns alle verändern und dass es Routinen gibt, an die man sich gewöhnen kann, weil man sich mit ihnen wohlfühlt. Und jetzt sitze ich in einem Therapieraum, der temporär zum Wartezimmer umfunktioniert wurde.
Eine etwas ältere Frau, die mir gegenüber sitzt, füllt gerade den Eingangsfragebogen aus, ich kenne noch die Seiten und die Fragen. Im Raum ist es stickig, draußen ist es viel zu warm. Dann höre ich wieder, wie sie die Treppe herunterläuft. Ich stehe auf, vorher kritzele ich noch schnell einen Satz in mein Notizbuch.
Sie fragt mich, wie es mir geht, sie lacht und ich weiß, dass sie weiß, wie ich antworten werde. Es geht mir gut, aber ich bin auch auf der anderen Seite sehr traurig. Wir besprechen, was es war, wir erinnern uns und es ist fast schon schlimmer als „Gehen“ – die Sitzung wird zu einem Abschluss, von dem lange Zeit nicht absehbar war, ob es einen geben wird. Ich danke ihr für alles, was sie für mich getan hat. Ich weiß, dass ein großer Teil davon nicht selbstverständlich war. Haben Sie ein Wort oder einen Talisman, den Sie mit der Therapie verbinden? Ich werfe zum ersten Mal seit anderthalb Jahren das Wort „Scherbengewitter“ in den Raum. 
Ich muss da spontan an ein Mosaik denken. Sie lächelt.
Mein Grundgedanke war ein Spiegel, der zerbrochen ist, aber wieder zusammengesetzt wurde. Dann ist da kurz meine Angst. Dass etwas verlorengegangen ist von meiner Art, die Dinge zu sehen und zu beschreiben.
Vielleicht ist es einfach so, dass Sie Ihre Umgebung nicht mehr im Prozess des Schreibens leben, sondern dass Sie sie aktiv erleben, während Sie sich in ihr befinden, in der Situation oder in der Interaktion mit einem anderen Menschen. Ich nicke, aber damit komme ich noch nicht so zurecht. Trotz allem oder gerade deshalb: es geht mir gut. Und die Wehmut kommt. Wir sprechen über Dinge, über die wir monatelang nicht geredet haben; jetzt, wo wir sie aussprechen können, ist es noch familiärer, vertrauter und ich bin noch dankbarer.
Dann ein Ende und ich gehe das letzte Mal die Treppe aus dem ersten Geschoss nach unten. Merkwürdig, ich glaube, ich habe gerade mein Herz in meine Füße rutschen hören.
Diese Sitzung ist schon lange her (und ich will und werde auch nicht mehr dazu schreiben, denn das mehr ist meins) und aus irgendeinem merkwürdigen Grund sind die letzten anderthalb Jahre so sehr in mir drin und gleichzeitig so aus mir herausgebrochen, dass ich es kaum glauben kann, dass es das alles gab. Hilfe suchen. Diagnose. Therapie. Kostenübernahme. Schnelle Besserung und Stabilisierung. Schneller Verfall. Psychiatrie. Langsames Hochkommen. Langsam, aber stetig. Keine zwingende Notwendigkeit mehr.
Anfang 2012 schrieb ich, dass ich nicht glaube, dass ich jemals so glücklich sein kann wie andere Menschen. Heute weiß ich, dass ich jahrelang an einer Depression bzw mittelschweren bis schweren depressiven Episoden litt. Zumindest in meinem Umkreis ist das Thema kein Tabu und mich macht dies stolz. Zu oft hört man, wie mancher diskreditiert wird wegen einer Erkrankung, weil man sie nicht sehen kann wie den Gips um ein gebrochenes Handgelenk oder ein gebrochenes Bein. Weil es Sachverhalte aufrüttelt, die nicht nur im eigenen Brustkorb brennen, weil es immer aus Begegnungen, Verhalten, Bewertungsmustern her gespeist wird. Dieses schwarze Loch im Kopf, das böse Wort, das mit „D“ anfängt. Man sollte sich folgendes merken: wir brennen alle, manchmal brennen wir uns fest und, wenn es ganz schlimm kommt, brennen wir aus. 
Es ist alles schon ok, solange man auf sich aufpasst, sich beobachtet. Mich hat meine Erkrankung und die Auseinandersetzung damit weitergebracht, ich bin fast schon so weit, zu sagen, dass es gut war, dass die Begebenheiten so kamen, wie sie kamen. Es geht mir gut und ich kann wieder atmen. Momentan fließe ich die Friedrichstraße nach oben und nach unten wie ein Sonnenstrahl. Ich fühle mich gut und ich weiß, dass das gerade ein Normalzustand ist. Das Bewusstsein, dass es nach unten und nach oben gehen kann, läuft mit. Ebenso ein potenzieller Rückfall, damit muss man immer rechnen. Nur kennt man sich jetzt, lebt und liebt sich besser. 
Und allen Menschen, die mit mir ein Stück des Weges gegangen sind und allen, die noch mit mir gehen und mit mir gehen werden, bin ich dankbar. Nichts ist selbstverständlich, vor allem nicht die eigene Gesundheit. Passt auf euch und die, die ihr liebt auf. Mir geht es gut.
(Grimes – Oblivion)

(Fotos; links oben: Tag der Entlassung am 6.1., alles weitere: Berlin, aktuell)

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