where do all the lovers meet with one another?

Untitled by smallcutsensations

ein fragment, ein teil reptilienhaut.
Vor mir verschwimmen schon die Gesichter von Leuten, die ich auf dem Internat kennengelernt hatte. Vier Jahre lang Vorbereitung auf einen Abschluss. Ich glaube, meine Großeltern waren stolz. Sie saßen in und auf ihrem grünen Sofa, die weißen Spitzendeckchen strahlten lauter als die vom Leben gezeichneten Antlitze meiner Vorfahren in den altertümlich anmutenden Fotografien hinter ihnen. Sie brannten sich eher in meine Erinnerungen als die Stimmen, die mich jahrzehntelang umgaben. Man vergisst, wie das eigene zu Hause mal aussah. Der Moment des Fortbewegens. Anhaltend, dumpf, leer. Die Orte zwischen uns. Wir sollten Listen schreiben, Listen von Orten, die diese unsägliche Leere ausfüllen können. Und eine Liste von Menschen, die Leere und Verwirrung stiften. Antithesen, Vorwarnungen. 
Falsche Namen hallen nach. Wir haben uns anonym benannt, wir haben die Grenze überschritten, wir haben leeren Raum gefüllt. Ich drehe mich diesem halbfremden Menschen zu. Die Finger krallen sich schützend ins hüllende Bettlaken. Augen. Man sieht sich zum ersten Mal, bewusst. Die Lider fallen wieder zu. Sich nicht auseinandersetzen mit gefüllter Atmosphäre. Diesmal funktioniert es nicht. Eine Hand auf meiner Wange. Ich stelle mir vor, wie ich die Augen öffne. Der Moment danach. 
Der Moment vor dem danach. Schmerzhafte Sekunden im Dickicht einer Vermutung. Kann es Sicherheiten geben? Darf man es wagen, sich Antworten vorzustellen? Viele Dinge hatten sich schon monatelang angekündigt, ohne, dass ich es hätte ahnen können. All die schlaflosen Nächte. All das Nicht-Suchen nach Dingen, die gefunden werden wollen. Ernüchterung auf dem Weg nach oben. Ich stellte mir das alles einfacher vor, als es war. Und letztendlich musste ich einsehen, dass man manche Probleme einfach nicht lösen konnte. 
Ich schlage die Augen auf. Ein anderes Augenpaar liegt mir geschlossen gegenüber, ein anderes Paar Schlüsselbeine lugt unter der Bettdecke hervor. Du kannst die Augen aufmachen, sage ich, ich drehe mich um, wenn du meinen Blick nicht aushalten kannst. Das ist es nicht, sagt die andere Stimme, ich weiß nur nicht, ob ich ihn vergessen kann. Wäre das ein Problem, frage ich. Wenn ich den Blick nicht vergessen kann, kann ich nicht ruhig schlafen, erwidert die Stimme. Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die man nicht vergessen kann, hätte ich gerne gesagt. Aber ich seufze nur zustimmend und sage, du kannst meinen Blick vergessen, ich bin dir deswegen nicht böse. Wieder ein dumpfes Grummeln. Dieser Morgen zieht sich in die Länge, im Hintergrund ein Tick, Tack, immer bereit, meinen Puls zu messen. 
Wie viel ich damals von all den anderen Menschen mitbekommen hatte, kann ich gar nicht mehr sagen. Da waren hintergründig ein paar Gesten, da waren ein paar Körperteile, da waren ein paar Stimmen, die sich in mein Gedächtnis geschleift hatten. Verloren in Bedeutungslosigkeit, weil ich sie sowieso keiner Person zuordnen könnte. Hie und da glaube ich gelegentlich den einen oder anderen erkennen zu können, manchmal glaubte ich, erkannt zu werden. Vielleicht war ich ein moderner Nomade, ein Gefühlsnomade, ein Haus ohne Hof, vielleicht war ich ein streunender Hund, bereit den nächsten anzufallen, so wie die in den Straßen Sankt Petersburgs umherstreunenden Tiere. Vielleicht wollte ich mir aber auch nicht eingestehen, dass es Menschen gab, die diese Gefühle teilten. Das andere Geschlecht, die kryptisch verschlüsselte Spezies.
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